Veröffentlicht: 10.02.11
Science

«Der Begriff des Wortlernens muss neu gesehen werden»

Bis Kinder Worte so anwenden, wie dies Erwachsene tun, vergeht mehr Zeit, als angenommen. Der Prozess des Wortlernens muss anders gesehen werden, argumentiert Lehr- und Lernforscher Henrik Saalbach von der ETH Zürich.

Gaby Schweizer
Henrik Saalbach ist Oberassistent am Institut für Lern- und Lehrforschung der ETH Zürich. Er studierte Chinesisch an der Xiamen Universität, China, und Psychologie an der TU Berlin, wo er 2006 auch seine Doktorarbeit abschloss.
Henrik Saalbach ist Oberassistent am Institut für Lern- und Lehrforschung der ETH Zürich. Er studierte Chinesisch an der Xiamen Universität, China, und Psychologie an der TU Berlin, wo er 2006 auch seine Doktorarbeit abschloss. (Grossbild)

ETH Life: Sie haben gemeinsam mit chinesischen und japanischen Forschungskolleginnen und Kollegen untersucht, wie Kinder Sprache erwerben. Was ist neu an Ihrer Studie?
Henrik Saalbach: Wir haben zeigen können, dass der Begriff des «Wortlernens» neu gesehen werden muss. Der Prozess ist weit vielschichtiger und langwieriger als bislang angenommen. Erscheint ein neues Wort im Vokabular eines Kindes, bedeutet dies nämlich noch nicht, dass es das Wort bereits «gelernt» hat. Wir haben in unserer Studie zeigen können, dass die Justierung der Wörter an die Verwendungsweise von Erwachsenen viel länger dauert als bislang angenommen.

Weshalb wurde die Studie mit chinesischsprachigen Kindern und Erwachsenen gemacht? Wäre die deutsche Sprache nicht naheliegender gewesen?
Der Grund ist von praktischer und methodischer Natur. Die Verben «tragen» und «halten» sind im Chinesischen sehr gut darstellbar. Wir wollten die Verben auf Videos zeigen können, um zu untersuchen, wie Kinder oder Erwachsenen sie anwenden und verstehen. Im Chinesischen existieren etwa 20 Verben mit der Bedeutung «tragen» oder «halten». Im Gegensatz zur deutschen Sprache unterscheiden sich diese Wörter jedoch nicht dadurch, dass sie wie etwa «halten» statisch, oder wie «tragen» dynamisch, gemeint sind, sondern dadurch, wie jemand einen Gegenstand hält.

Also zum Beispiel mit der Hand oder dem Arm?
Ja, je nachdem ob ein Gegenstand mit der Hand, dem Kopf oder zum Beispiel auf dem Rücken gehalten wird, kommt ein unterschiedliches Verb zum Zug. Dies macht es für uns Forscher einfach zu erkennen, ob ein Kind ein Wort richtig versteht und anwendet.

Nehmen wir zum Beispiel das Wort «Hund», ein Wort, das Kinder oft schon früh sagen können und das eigentlich konkret sein sollte.
Das stimmt. Aber: Dass sie diesen Begriff schon früh verwenden, bedeutet nicht, dass sie ihn bereits so wie Erwachsene einsetzen, also «gelernt» haben. Der Begriff «Hund» wird zu Beginn zum Beispiel oft auch für andere Vierbeiner verwendet. Man nennt dies Übergeneralisierung. Es gibt auch Untergeneralisierungen, wo Wörter von Kindern für eine zu kleine Bandbreite von Bedeutungen verwendet werden. So kann ich mir vorstellen, dass junge Kinder den Begriff «Vogel» nur für die fliegenden Arten verwenden und nicht für Strausse oder Pinguine.

Wie lange kann es denn dauern, bis Wörter so angewandt werden, wie dies Erwachsene tun?
Das kommt auf die Begriffe an. Es gibt in der Sprache Bereiche – Domänen genannt –, wo sehr viele Wörter gewissermassen eng nebeneinander liegen und sich in ihren Bedeutungen überlappen. Wir haben in unserer Studie zeigen können, dass Kinder selbst im Schulalter konkrete Verben wie «tragen» oder «halten» bei weitem noch nicht so anwenden wie Erwachsene. Bei Wörtern mit komplexerer Bedeutung dauert die Entwicklung noch länger.

Sie haben erwähnt, dass das Erlernen von Verben bis in Schulalter reicht. Könnte dies daran liegen, dass viele Eltern mit Kindern eine «Kindersprache» sprechen und die Kinder deshalb länger brauchen, um Verben korrekt also wie Erwachsene anzuwenden?
Diese Vermutung hatten wir auch. Sie hat sich jedoch nicht bestätigt. Wir haben Kinder und Mütter Videos anschauen lassen, in denen die verschiedenen Verben dargestellt wurden, und forderten die Mütter auf, ihren Kindern die Szenen zu beschreiben. Die Mütter sprachen zwar etwas verlangsamt und vielleicht auch strukturierter zu ihren Kindern, sie benutzten aber dieselben Wörter wie andere Erwachsene.

Welche Art von Verben sind denn für Kinder besonders leicht zu erlernen?
Die Antwort auf diese Frage ist ein weiteres interessantes Ergebnis der Studie: Bislang wurde angenommen, dass es die Häufigkeit eines Wortes ist, welche die Leichtigkeit des Lernens bestimmt. Also: Je häufiger ein Kind ein Wort hört, desto leichter lernt es dieses Wort.

Und dies ist so nicht korrekt?
Nun, damit das Wort überhaupt Eingang findet in das Vokabular eines Kindes, ist die Häufigkeit des Vorkommens zwar tatsächlich der entscheidende Faktor. Die Häufigkeit des Vorkommens hat aber keinen Einfluss darauf, wann die Anwendung dieses Wortes mit der Anwendung bei Erwachsenen übereinstimmt.

Welcher Faktor ist denn dafür entscheidend?
Die Leichtigkeit oder Schwierigkeit des Lernens richtet sich danach, mit wie vielen anderen Wörtern des Wort Grenzen teilt, also mit dessen Bedeutung überlappt. Im Deutschen gibt es beispielsweise viele verschiedene Wörter für einen Trinkbehälter wie zum Beispiel Glas, Flasche, Krug, Kelch, Becher, Schale, etc. Das Wort Becher ist ein sehr häufiges Wort und wird deshalb früh im Vokabular eines Kindes auftreten. Aber es wird noch lange dauern, bis das Wort korrekt verwendet wird, weil seine Bedeutung sich überlappt mit Glas, Kelch oder Pott. Diese Grenzen auszumachen, braucht viel Zeit. Unsere Kooperationspartner konnten in einer Vorläuferstudie zeigen, dass selbst diese sehr konkreten Trinkbehälter-Begriffe erst im Alter zwischen 10 und 12 Jahren richtig verwendet werden.

Hat die Studie auch praktische Implikationen für Eltern oder Lehrpersonen?
Die Studie dient der Grundlagenforschung und beantwortet dort wichtige offene Fragen. Aber natürlich kann man auch Schlüsse praktischer Natur ableiten: Wenn man den Prozess des Wortlernens besser versteht, macht es auch Sinn, Kinder darin zu unterstützen, Wörter voneinander abzugrenzen. Wenn ein Henkel dran ist, ist es zum Beispiel ein Krug.

Und in der Schule?
Dort ist es sehr wichtig, folgendes zu realisieren: Wenn ein Schüler ein Wort verwendet – zum Beispiel Energie oder Kraft – muss dies noch nicht bedeuten, dass der Schüler die Justierung des Begriffes schon vorgenommen hat. Es kann also sein, dass er die beiden Worte überlappend verwendet und somit die dahinterstehenden Konzepte noch nicht auseinanderhalten kann.

Literaturhinweis:

Saji, N., Imai M., Saalbach H., Zhang Y, Shu H., Okada H.: Word learning does not end at fast-mapping: Evolution of verb meanings through reorganization of an entire semantic domain, Cognition (2011), 18(1), 45-6.

 
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