Veröffentlicht: 20.12.10
Science

Bedenkliche unbedenkliche Orangen

Konsumenten können Orangen aus Integrierter Produktion ohne Bedenken geniessen, für die Umwelt könnte der Anbau aber um Grössenordnungen verbessert werden. Dies zeigt eine ETH-Studie über den Lebenszyklus und Verbleib von Pestiziden im Orangenanbau Spaniens.

Peter Rüegg
Verlockende Orangen: 95 Prozent der Pestizidbelastung fällt auf die Nachbehandlung der Schalen an (Bild: flickr.com)
Verlockende Orangen: 95 Prozent der Pestizidbelastung fällt auf die Nachbehandlung der Schalen an (Bild: flickr.com) (Grossbild)

Weihnachtszeit ist auch Orangenzeit, in jedem Lebensmittelgeschäft liegen sie in den Regalen. Die Zitrusfrüchte sind willkommene Lieferanten von Vitamin C, welches das Immunsystem in der Schnupfen- und Grippezeit besonders braucht. Aber sind die Orangen wirklich so gesund, wie alle behaupten? Sind sie nicht belastet mit Pestiziden, die uns am Ende mehr schaden, als dass uns die Orange mit ihren wertvollen Vitaminen nützt?

Diesen und weiteren Fragen ist Ronnie Juraske, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Umweltingenieurwissenschaften, nachgegangen. Er hat zusammen mit der spanischen Professorin Neus Sanjuán, die am Institut zu Gast war, untersucht, wie sich die im Orangenanbau angewendeten Pestizide auf die menschliche Gesundheit und die Süsswasser-Ökosysteme wie Bäche oder Seen, auswirken. Die beiden Forschenden untersuchten den Lebenszyklus von 25 verschiedenen Pestiziden, die im Orangenanbau gemäss Richtlinien der Integrierten Produktion (IP) eingesetzt werden dürfen. Dazu berechneten Juraske und Sanjuán für jedes dieser Spritzmittel ihre Einflussgrösse auf die menschliche Gesundheit und die erwähnten Ökosysteme. Überdies verglichen sie IP mit Bio-Produktion.

Antimilbenmittel am giftigsten

Die toxikologischen Einschätzungen zeigen, dass im Durchschnitt die Antimilben-Spritzmittel die Gesundheit des Menschen am stärksten gefährden. Der Umwelt, insbesondere den in der Studie betrachteten Süsswasser-Lebensräumen, schaden dagegen die Insektizide am meisten. Spritzmittel gegen Unkräuter belasten sowohl die Umwelt als auch den Menschen am wenigsten.

Wenig überraschend ist, dass der negative Einfluss der Spritzmittel auf die menschliche Gesundheit bei Bio-Orangen um bis zu 100 Mal geringer ist als bei IP-Orangen; auch in Sachen Ökologie schneidet der biologische Orangenanbau um Grössenordnungen besser ab. «Die beste ökotoxikologische Bewertung des besten IP-Betriebs ist 1000 Mal schlechter als die eines Bio-Betriebs», sagt Juraske. Bei einem schlechten IP-Betrieb kann der Unterschied zum Bio-Anbau bis zu einem Faktor zehn Millionen anwachsen, errechneten die ETH-Forscher. Dies bezieht sich allerdings nur auf Wasserorganismen, die als Anzeiger für die Ökotoxizität der Pestizide beigezogen wurden.

«Würden die spanischen Orangenbauern auf Bio umsteigen, würde dies die Umwelt stark entlasten», betont Juraske. Allerdings kommen auch Bio-Orangenbauern nicht ohne Spritzmittel aus. Sie dürfen Bäume und Früchte mit einem Parafinöl besprühen, damit Schadinsekten kleben bleiben und keinen Schaden anrichten können.

Nachbehandlung schlägt zu Buche

Für die Konsumierenden sieht der ETH-Forscher allerdings wenig Grund zur Sorge. Die meisten Spritzmittel bauen sich recht rasch ab, und wenn die Orangen schliesslich Wochen nach der Ernte und der letzten Behandlung im Laden zum Verkauf angeboten werden, sind sie in der Regel bedenkenlos zu geniessen.

Überrascht hat Juraske aber, dass das «letzte Bad» der Orangen nach der Ernte und vor dem Transport fast 95 Prozent der Gesamtbelastung der Orangen durch Pestizide ausmacht. IP-Früchte werden im Gegensatz zu Bio-Orangen mit einem Gemisch von Fungiziden nachbehandelt, damit sie auf dem Transport und im Laden nicht zu faulen beginnen. «Das ist bei weitem der grösste Anteil an Pestiziden, die auf und in den Orangen enthalten ist. Zudem ist diese Nachbehandlung zeitlich am nächsten bei den Konsumenten», gibt Juraske zu bedenken. Diese Nachbehandlung stellt denn auch für die Käuferinnen und Käufer das grösste Toxizitätsrisiko dar. Aber selbst wer Schalen von IP-Orangen beispielsweise für Backwaren nutzt, kann dies bedenkenlos tun. «Im Backofen bei Temperaturen um die 200°C zerfallen die Pestizide», sagt der Wissenschaftler.

Von der Fungizidbehandlung gelangen allerdings höchstens fünf Prozent in die Frucht hinein, das meiste bleibt auf und in den Schalen. In den Schnitzen werden die Pestizide überdies rasch abgebaut. Das ist ein Vorteil gegenüber anderen Früchten wie zum Beispiel Erdbeeren. Diese Frucht ist schwammartig und saugt die Pestizide in sich auf. Zudem ist ihre Haut sehr dünn. «Da man Erdbeeren frischt isst, also kaum Zeit für den Abbau der Spritzmittel bleibt, setzt man sich einer recht hohen Konzentration aus», sagt der Umweltingenieur.

Gesundheitsgefährdung umstritten

Wie giftig Pestizide sind, ist jedoch nicht so einfach einzuschätzen. Juraske sagt, dass eine allgemeine Vorhersage für die Pestizidbelastung auf Orangen nicht möglich ist, da zum Beispiel nicht immer bekannt ist, welche Spritzmittelart und welche Dosis die Bauern auf die Früchte spritzen. Zudem müssen sie das Pestizid auch variieren, damit die Schädlinge keine Resistenzen gegen ein einzelnes Mittel aufbauen können. Und nicht jedes Spritzmittel ist für Mensch und Umwelt gleich schädlich.

Ob und wie schädlich Pestizidrückstände in der Nahrung sind, ist umstritten. Während viele Menschen davon überzeugt sind, dass diese ihnen stark schaden, sagen Wissenschaftler wie Juraske, dass die Gefährlichkeit für Konsumenten wohl übertrieben ist. Bereits vor einigen Monaten haben er und weitere ETH-Forschende mit einer Studie, ob Pestizide die Lebenserwartung der Konsumierenden herabsetzt, auf sich aufmerksam gemacht. Ihren Berechnungen zufolge ist der Effekt minim: In den USA beträgt die durchschnittliche Verkürzung der Lebenszeit 4,2 Minuten, in der Schweiz 3,2 Minuten. Pro Kilogramm versprühten Pestiziden während des Anbaus nehmen die Schweizer Konsumenten 0,41 Gramm mit der Nahrung auf, die Amerikaner 0,51 Gramm.

Informationen ergänzen

Spanische Orangen werden heutzutage vor allem gemäss den Richtlinien der Integrierten Produktion (IP) angebaut, konventionelle gibt es kaum noch. «Viele Pestizide, die früher verwendet wurden, sind heute in der EU verboten. Viele davon haben in Bezug auf den Ertrag auch nicht viel gebracht», betont Juraske. Durchschnittlich verwenden die Orangenproduzenten bis zu fünf verschiedene Spritzmittel, je nach Befall und Plage. Vom Landwirtschaftsministerium erhalten sie Informationen darüber, welches Spritzmittel sie wann und wie anwenden sollen. «Ökologische Ratschläge erhalten sie allerdings keine. Auch Informationen über die Öko- und Humantoxizität fehlen den Bauern weitgehend», hat Juraske herausgefunden. Diesbezüglich könne ihre Studie wertvolle Informationen liefern, welche die offiziellen Stellen im Idealfall in ihre Empfehlungen aufnehmen.

Literaturhinweis

Juraske R, Sanjuán N. Life cycle toxicity assessment of pesticides used in integrated and organic production of oranges in the Comunidad Valenciana, Spain. Chemosphere, published online 13 November 2010. doi:10.1016/j.chemosphere.2010.10.081

 
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