Veröffentlicht: 05.05.10
Campus

«Architektur darf sich der Masse nicht entziehen»

Die an der ETH Zürich lehrenden Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein haben den Wettbewerb für den Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel gewonnen. Emanuel Christ erzählt im Interview, was sein Büro den Konkurrenten voraus hatte und wieso Vielfalt in der Architektur wichtiger ist als Spezialisierung.

Samuel Schläfli
«Der Architekt sollte nicht ausschliesslich zum Künstler oder Designer verkommen», ist Emanuel Christ vom Basler Architekturbüro Christ & Gantenbein überzeugt. (Bild: Samuel Schlaefli/ETH Zürich)
«Der Architekt sollte nicht ausschliesslich zum Künstler oder Designer verkommen», ist Emanuel Christ vom Basler Architekturbüro Christ & Gantenbein überzeugt. (Bild: Samuel Schlaefli/ETH Zürich) (Grossbild)

Herr Christ, am Wettbewerb für den Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel hat die Crème de la Crème der internationalen Architekturszene mitgemacht, darunter Jean Nouvel, David Chipperfield und Zaha Hadid. Wie konnte sich ihr vergleichsweise junges und kleines Büro gegen die grossen Konkurrenten durchsetzen?
Ehrlich gesagt haben wir uns bei der Abgabe unseres Entwurfs nicht allzu grosse Chancen ausgemalt und waren dann über das Ergebnis auch entsprechend verblüfft. Als wir aber die anderen Wettbewerbseingaben angeschaut haben, konnten wir unseren Sieg nachvollziehen. Es haben zwar viele der weltbesten Architekturbüros mitgemacht, aber deren Entwürfe gehörten nicht zu den besten ihrer Art.

An was lag das?
Die Vorgaben waren extrem einschränkend: Der Raum ist stark begrenzt, die maximale Höhe klar vorgegeben. Dazu kamen viele funktionale Anforderungen, wie die Anlieferung, die Verbindung mit dem Haupthaus und Sicherheitsvorkehrungen, die berücksichtigt werden mussten. Ich glaube, viele Büros hatten weder die Geduld noch die Lust, sich all diesen Herausforderungen zu stellen. Sie präsentierten teils Befreiungsschläge, die sich starke Freiheiten heraus nahmen, welche dem Ort nicht gerecht wurden.

Wie gingen Sie mit diesem einengenden Korsett an Bedingungen um?
Wir haben uns sehr stark auf die spezifische Situation mit ihren städtebaulichen, historischen und funktionalen Herausforderungen eingelassen. Die Form, die wir schliesslich präsentiert haben, ist das Ergebnis einer enorm intensiven Auseinandersetzung mit dem Ort – da stecken mehrere tausend Stunden Arbeit und dutzende Studien am Modell dahinter. Wir haben uns zudem von Beginn an gegen eine auffällige architektonische Ikone und einen «Bilbao-Effekt» entschieden.

In der zweiten Wettbewerbsrunde mussten sie sich noch gegen das Büro Diener & Diener durchsetzen. Ist es ein Zufall, dass am Ende zwei Basler Büros um den Zuschlag buhlten?
Diener & Diener haben eine Architekturhaltung, die der unsrigen nahe steht. Beide Büros haben der Versuchung eines bewussten Gegensatzes zwischen dem alten Museumsbau der dreissiger Jahre und dem neuen Erweiterungsbau widerstanden. Unsere Arbeit zeichnet sich vielmehr durch eine Neuinterpretation von klassischen Elementen in einem höchst zeitgenössischen Bau aus – dies im Gegensatz zu einem lauten und relativ selbstbezogenen Stil der internationalen Architektur.

Wo kommt diese Neuinterpretation des Klassischen, die sie angesprochen haben, konkret zum Ausdruck?
Wir waren an einem Dialog auf Augenhöhe zwischen Alt- und Neubau interessiert. Unser Entwurf ist mehr als eine Erweiterung, es ist ein eigenständiges Gebäude, das aber sehr stark mit dem ursprünglichen Bau kommuniziert. Die Gebäudehöhe, die Proportionen der Fenster, das Mauerwerk mit einem rauen Relief, das gegen oben feiner wird und das horizontale Fries – alles sind Bezüge auf Elemente des ursprünglichen Baus. Eine weitere Verwandtschaft ergibt sich über die innere Logik: Die Typologie der Raumanordnung in unserem Entwurf entspricht dem bestehenden Museum. Der Museumsbesucher soll die beiden durch einen unterirdischen Gang verbundenen Gebäude als eine Einheit, als ein und dasselbe Museum wahrnehmen.

Vor acht Jahren haben sie auch den Wettbewerb für die Erweiterung des Zürcher Landesmuseums gewonnen. Inwiefern unterscheiden sich die beiden Projekte?
In Zürich war die Herausforderung, ein stimmiges Ensemble zwischen Alt und Neu zu schaffen, noch grösser. Hingegen kann dort freier gebaut werden. Der Erweiterungsbau in Basel ist zwar eigenständiger, hat aber weniger Raum zur Verfügung.

Wo steckt das Projekt in Zürich heute; noch immer sind beim Platzspitz keine Bagger zu sehen?
Die Baubewilligung liegt vor, doch die Finanzierung der Stadt Zürich muss noch vors Stimmvolk. Ausserdem wurde ein Rekurs – mit sehr geringen Erfolgschancen – vor Bundesgericht gezogen. Unser Team ist weiterhin in variierender Intensität mit der Planung beschäftigt und wir hoffen, dass wir in zwei bis drei Jahren mit dem Bau beginnen können.

Wird sich Christ & Gantenbein nun also in Zukunft auf Museums-Erweiterungsbauten spezialisieren?
Nein, auf keinen Fall, die Breite macht’s aus. Der Architekt braucht unterschiedliche Bauaufgaben – vom kleinen Ferienhaus bis hin zur Städteplanung. Nur durch die Vielfalt kann er an seiner Arbeit wachsen. Ich finde die Tendenz sehr problematisch, dass der Architekt zunehmend ausschliesslich zum Künstler oder Designer verkommt.

Wie meinen Sie das genau?
Architektur kommt nur noch dort zum Tragen, wo man sich den «Mehraufwand» aus politischen oder ökonomischen Opportunitäten leistet. Das ist eine verheerende Tendenz: Ein Architekt muss auch in der Lage sein, «Durchschnitt», wie Büro- oder Wohnbauten, zu produzieren, dies aber auf höchstem Niveau. Das ist zwar nicht immer sehr ruhmreich, aber für Städte und die darin lebende Gesellschaft essentiell. Der Architekt darf sich der grossen Masse nicht entziehen.

Kommt diese Haltung auch in Ihrer Lehre an der ETH Zürich zum Tragen?

Ja, wir orientieren uns stark an handfesten Problemen des Schweizer Siedlungsbaus. In der Schweiz werden wir früher oder später dichter und kompakter bauen müssen – den bisherigen Luxus im Umgang mit Raum können wir uns nicht mehr lange leisten. Selbst mitten in Zürich gibt es Orte, die überhaupt keine urbane Dichte haben. Wir wollen gemeinsam mit unseren Studierenden von gelungener internationaler Grossstadtarchitektur lernen und versuchen, eine Entsprechung für den Schweizer Kontext zu finden. Wir nennen das Typologietransfer. Als erstes Fallbeispiel haben wir Hong Kong gewählt – eine der am dichtesten bebauten und urbansten Städte der Welt.

Sie und ihr Büropartner haben beide vor zwölf Jahren das Architekturstudium an der ETH abgeschlossen. Im Februar kehrten sie als Assistenzprofessoren zurück. Wie ist es, plötzlich in einer ganz anderen Rolle wieder hier zu sein?
(Lacht) Unsere Rückkehr hat ein wenig den Zeitmaschinen-Effekt; die Erinnerungen sind intensiver als ich gedacht hatte. Plötzlich ist man selber wieder mit einem Fuss im Studium.

Emanuel Christ ist die eine Hälfte des Basler Architekturbüros «Christ & Gantenbein». Zusammen mit Christoph Gantenbein baut er unter anderem die Erweiterungen vom Kunstmuseum Basel und Landesmuseum Zürich. Gleichzeitig doziert er seit Februar 2010 als Assistenzprofessor für Architektur und Entwurf an der ETH Zürich.

 
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