Veröffentlicht: 20.02.13
Kolumne

Semesterferien, die keine sind

Sebastian Grandis
Sebastian Grandis, Physikstudent an der ETH Zürich. (Bild: Sonja Mulitze)
Sebastian Grandis, Physikstudent an der ETH Zürich. (Bild: Sonja Mulitze) (Grossbild)

Es geht so schnell. Gestern Nachmittag noch bin ich im Zürcher Hauptbahnhof in entspannter Rückkehrstimmung aus dem Cisalpino ausgestiegen, heute sitze ich bereits wieder bis zur späten Stunde am Schreibtisch.

Schon ist alles wieder beim selben, auszehrenden Alltagstrott: die aufgeschobenen Aufgaben, das geschwänzte Training – dabei hatte ich mir doch vorgenommen, mindestens zwei Mal die Woche zu trainieren (dann halt nächste Woche) – die unendliche Zahl noch zu lesender Mails, der verpasste Termin. Es geht mit Vollgas wieder los. Ohne Beschleunigungsstreifen.

Als modern vernetzter Student, wie das jeder an der ETH ist, erzeugt der Wiedereinstieg in die digitale Dauerbeschallung ein resigniertes Gefühl der Melancholie in mir. Fernweh auf Knopfdruck.

Dabei waren die anderthalb Wochen Ferien doch so erholsam: vier Tage Stadtbesuch in Mailand und ein fast schon einsiedlerhafter Skiurlaub im tief verschneiten, piemontesischen Ahnenhaus. Mit Grossfamilie, aber ohne Internet. Sechs Stunden Skifahren, vier Stunden San Remo-Festival im italienischen Fernsehen, bei knisterndem Holz vom Kaminfeuer erwärmt. Ohne Whatsapp. Ohne Mail. Das waren Ferien.

Umso härter der Wiedereinstieg, das Erwachen aus dem italienischen Ferienrausch. Da reichen vier Stunden Zugfahrt von Mailand nach Zürich nicht, um einen wieder in das gewohnte ETH-Studentenleben zu katapultieren. Ganz zu schweigen von den fast schon symptomatischen Verspätungen des Cisalpino.

Man könnte meinen - und viele Nichtstudenten tun es -, dass man sich als Student nicht über Mangel an Ferien beschweren sollte. Schliesslich sind fast zwei Monate Winterferien und vier Monate Sommerferien mehr als einem Arbeiter der Dienstleistungsgesellschaft selbst in den kühnsten Träumen vorschweben. Schade nur, dass Ende Januar und im August die Semesterprüfungen stattfinden. Da liegen um Weihnachten mehr als ein paar gefrässige Feiertage nicht drin. Schnell muss man wieder über die Bücher, denn an der ETH sind Semesterferien Prüfungszeit. Also keine Ferien.

Dies mag im Winter noch eine kalendarische Notwendigkeit sein: Wann sonst sollte man die Prüfungen schreiben? Etwa während dem Semester, also vor Weihnachten? Dann käme man mit dem Stoff nicht durch.

Aber wieso muss die Sommerprüfungssession im August stattfinden, wenn die Vorlesungen in den letzten Maitagen enden? Der späte Prüfungstermin hat neben dem Kollateralschaden der inexistenten Sommerferien auch noch den undankbaren Nachteil, dass man die Prüfungsergebnisse erst knapp vor dem Wiederbeginn der Vorlesungen im September erhält. Im Winter ist es ohnehin die Norm, und nicht die Ausnahme, dass die Studenten in der ersten Semesterwoche nicht wissen, ob sie die Prüfungen im nächsten Jahr wiederholen müssen.

Wie eigentlich alle Studenten der höheren Semester warte ich auch jetzt noch auf die Noten der Prüfungen, die ich um den zwanzigsten Januar geschrieben habe. Bei aller Gründlichkeit und Professionalität, die die Assistenten bei der Korrektur zweifelsohne anwenden, ein Monat ist eine lange Wartezeit.

Und so verbringen wir Studenten obendrein die wenigen Wochen wirklicher Ferien in der Ungewissheit unserer Leistungen. Wohl wahr, dass wir dieses Ungewisse mit unserer Lust nach Entspannung und Zerstreuung einfach verdrängen. Aber wären es nicht doch bessere Ferien, wenn man wüsste, ob man durchgekommen ist oder nicht?

Erst recht im Falle eines negativen Ausgangs, wo doch – insbesondere nach dem ersten Jahr – eine Neuorientierung von Nöten sein kann. Für diesen durchaus lebensentscheidenden Prozess bleibt nach geläufigen Prüfungsplan dem Studenten das Wochenende vor dem Semesterbeginn. Dieser Zeitrahmen ist mit Sicherheit ungenügend, um die negativen Gefühlswallungen zu überwinden und eine reflektierte Entscheidung zu treffen.

Aus eben diesen Gründen sollte der jetzige Prüfungsplan meiner Meinung nach in dem Sinne verändert werden, dass die Prüfungen früher stattfinden und die Ergebnisse schneller mitgeteilt werden.

Zum Autor

Sebastian Grandis kam am 4. Mai 1994 in Rom zur Welt. In der Hauptstadt Italiens verbrachte er auch seine frühe Kindheit und besuchte dort bis zum achten Schuljahr die deutsche Schule. Mit seiner Mutter zog er 2007 in die Schweiz. Seine Schulzeit schloss er 2011 am Mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium Rämibühl in Zürich ab. Seit September 2011 studiert Grandis Physik an der ETH: «Eine akademische Stelle in theoretischer Physik wäre mein absoluter Traumjob», sagt der Student im Hinblick auf seine Laufbahnziele. Neben dem Studium engagiert er sich auch als Redaktor bei «VAMP», der Zeitschrift des Vereins der Mathematik- und Physikstudierenden an der ETH Zürich. Sonst widmet er seine Freizeit seinem Hobby Wasserball – und zwar in verschiedenen Funktionen als Jugendtrainer, als Spieler und als Schiedsrichter.

 
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