Veröffentlicht: 17.02.13
Science

Produkte müssen klimafreundlicher werden

Ein ETH-Forscher zeigt auf, wie klimafreundlich Produkte in Zukunft sein müssen, damit sich die Erde bei wachsender Bevölkerung und dem damit einhergehenden Mehrkonsum nicht über die kritische 2-Grad-Grenze erwärmt.

Maja Schaffner
Klimakiller Steak: Die Treibhausgasemissionen beim Fleisch müssen drastisch sinken, will man denn das 2-Grad-Ziel bis 2050 erreichen. (Bild: istockphoto.com)
Klimakiller Steak: Die Treibhausgasemissionen beim Fleisch müssen drastisch sinken, will man denn das 2-Grad-Ziel bis 2050 erreichen. (Bild: istockphoto.com)

Ist von Klimazielen die Rede, geht es meist um die Reduktion des Ausstosses von Treibhausgasen ganzer Nationen. Das ist nicht besonders anschaulich und wenig hilfreich, um konkrete Massnahmen einzuleiten. Deshalb hat Bastien Girod, Postdoc an der Professur für Nachhaltigkeit und Technologie am Departement Management, Technologie und Ökonomie, die Sache einmal andersherum angepackt: Zusammen mit zwei Forscherkollegen aus Holland und Norwegen übersetzte er das Ziel, dass sich das Klima nicht um mehr als zwei Grad Celsius erwärmen darf, erstmals auf die Konsumebene.

Konsum steigt stark an

Unter Einbezug der Bevölkerungsentwicklung erarbeiteten die Forscher eine Prognose, wie sich das weltweite Konsumniveau bis 2050 entwickeln wird. Ein wichtiger Faktor ist die wachsende Weltbevölkerung. Sie hat einen deutlichen Einfluss auf den globalen Anstieg des Konsums. «Doch der zunehmende Wohlstand hat weit grössere Auswirkungen auf den weltweiten CO2-Ausstoss als das Bevölkerungswachstum», sagt Girod.

Denn Menschen, die wohlhabender werden, verbrauchen insgesamt mehr und treibhausgasintensivere Produkte. Zudem werden sie mobiler. Die Forscher rechnen bis 2050 mit mehr als der Verdoppelung des Konsums. «Um das 2-Grad-Ziel dennoch zu erreichen, müssen die an den Konsum gekoppelten Treibhausgas-Emissionen, hochgerechnet auf das Konsumniveau im Jahr 2050, deshalb um rund 80 Prozent reduziert werden», sagt Girod.

Übersetzung auf Ebene der Produkte

Die Forschenden kombinieren modellierte Treibhausemissions-Szenarien der Klimawissenschaften mit Daten und Trends zum globalen Konsum und übersetzen das 2-Grad-Ziel auf die Ebene der Produkte. Sie schlüsselten die Konsumentwicklung nach fünf Produktekategorien auf und machten das voraussichtliche Wachstum sowie die notwendige Reduktion in anschaulichen Einheiten fassbar.

Die Forscher beziehen den ansteigenden CO2-Ausstoss pro Kopf im Bereich Lebensmittel auf die konsumierten Kalorien, bei der Unterkunft auf die bewohnten Quadratmeter, bei der Mobilität auf die zurückgelegten Kilometer, bei Konsumgütern auf die produzierte Menge Abfall und bei Dienstleistungen auf die Kosten in US-Dollar. So lassen sich die Ökobilanzen einzelner Produkte vergleichen.

Konkret heisst das folgendes: Pro Kalorie Fleisch liegt der heutige Emissionswert bei zirka 10 Gramm CO2-Äquivalenten. Der Zielwert für Nahrung allgemein aber liegt global für das Jahr 2050 bei 0,6 Gramm CO2 pro Kalorie. Auch bei der Automobilität müssen die Produzenten noch viel Boden gut machen. Gemäss dem heutigen Schweizer CO2-Gesetz müssen neue Personenwagen bis 2015 ihre Emissionen auf 130 Gramm CO2 pro im Auto zurückgelegten Personenkilometer reduzieren. Der globale Zielwert für 2050 liegt noch bei 40 Gramm CO2 pro Personenkilometer –Emissionen aus der Herstellung der Fahrzeuge sind da bereits miteingerechnet.

Reduktion ist möglich

Wie die Studie zeigt, sind fast überall schon erste geeignete Produkte und Technologien vorhanden, die – kämen sie konsequent zum Einsatz – das hochgesteckte 2-Grad-Ziel in greifbare Nähe rücken liessen. Allerdings gibt es Bereiche, bei denen die Wissenschaftler Probleme orten zum Beispiel beim Fleisch und beim Fliegen. Beides führt zu hohen Treibhausgas-Emissionen, die nur schwer zu senken sind. Doch auch hier gibt es zumindest schon Ansätze für zukünftige Lösungen, wie zum Beispiel Biotreibstoff oder Fleisch aus dem Reagenzglas.

Girod versteht die Studie auch als Orientierungshilfe für Politik, Konsumenten und vor allem Produktentwickler, die mit ihren Erfindungen und Entwicklungen heute den Grundstein dafür legen, dass künftig klimafreundliche Produkte auf dem Markt kommen. Die Studie soll dazu anregen, dass Forscher und Entwickler auf allen Stufen, gerade auch an Hochschulen wie der ETH Zürich, hinterfragen, ob das von ihnen angestrebte Produkt wirklich gut genug ist, um das Klimaziel zu erreichen. Aufgabe der Politik wird es sein, hier Zielwerte und Mindeststandards vorzugeben. Denn trotz aller technischen Fortschritte hält Girod fest: « Die Konsumenten können durch Veränderung ihres Konsumverhalten einen wichtigen Beitrag leisten.» Es bleibt also noch viel zu tun.

Literaturhinweis:

Girod B, van Vuuren DP and Hertwich EG. Global climate targets and future consumption level: an evaluation of the required GHG intensity. Environmental Research Letters 8/2013. DOI: 10.1088/1748-9326/8/1/014016

 
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