Veröffentlicht: 09.02.13
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Energiezukunft Schweiz: Studien im Härtetest

Die geplante Energiewende wirft in der politischen Diskussion hohe Wellen und wird zurzeit von einer Debatte um ETH-Studien begleitet. Im folgenden Beitrag melden sich mehrere Energieexperten der ETH zu Wort.

Autorenbeitrag
Oben (von links): Prof. Göran Andersson, Prof. Konstantinos Boulouchos; unten (von links) Prof. Lucas Bretschger; Prof.Massimo Filippini; Prof. Volker Hoffmann
Oben (von links): Prof. Göran Andersson, Prof. Konstantinos Boulouchos; unten (von links) Prof. Lucas Bretschger; Prof.Massimo Filippini; Prof. Volker Hoffmann (Grossbild)

Im Rahmen der Diskussion über die künftige Ausrichtung der schweizerischen Energiepolitik haben unlängst scheinbar divergierende Aussagen über die Machbarkeit der Energiewende für Verunsicherung in der Öffentlichkeit gesorgt. Dabei stellt sich insbesondere die Frage, welche wissenschaftlichen Arbeiten für eine sachgerechte Ausrichtung politischer Massnahmen aussagekräftig und zweckmässig sind. Die ETH Zürich hat sich mit diesem Thema vor allem über ihre Plattform des Energy Science Center seit 2006 intensiv und interdisziplinär auseinandergesetzt. Im Auftrag des ETH-Präsidenten begann im April 2011 eine ETH-interne Arbeitsgruppe von Forschenden aus fünf Departementen der Ingenieur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit der Erarbeitung einer Studie zur Energiezukunft der Schweiz. Das Ergebnis lag Mitte November 2011 in detaillierter Form vor und hat die energiepolitische Diskussion in der Schweiz seither deutlich mitgeprägt.

Nach über anderthalb Jahren der Erfahrung mit den Resultaten der interdisziplinären ETH-Studie von 2011 lassen sich heute interessante Schlüsse ziehen. Der Austausch der ETH-Experten mit Fachkollegen, der Wirtschaft und der Politik, aber auch der Vergleich mit weiteren Berichten und Stellungnahmen zur Vernehmlassung (Akademien der Schweiz, Verband der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen, SwissCleantech usw.) hat die Einschätzung gestärkt, dass die Kernaussagen des Berichts Bestand haben und belastbar sind: Die Energiewende ist unter sinnvoll gesetzten Rahmenbedingungen technologisch möglich und wirtschaftlich verkraftbar. Das Schweizer Energiesystem lässt sich mittel- bis langfristig geeignet in Richtung Nachhaltigkeit transformieren. Über den Zeitraum von mehreren Jahrzehnten kann sich die Wirtschaft über Investitionen, zum Beispiel in Gebäuden, Fahrzeugen und in die Elektrizitätsinfrastruktur, an neue Marktbedingungen anpassen.

Auch ein höheres Wissenskapital kann durch die neuen Herausforderungen und entsprechende Forschungsschwerpunkte generiert werden, was in kontinuierlichen und gegebenenfalls radikalen Innovationen zum Ausdruck kommt. Für ein stark exportorientiertes Land wie die Schweiz und für die ETH Zürich als Hochschule von Weltruf ist die enorme Bedeutung des technologischen Fortschritts für die Erreichung ehrgeiziger Ziele eine Selbstverständlichkeit. Zum Erfolg der Energiewende bedarf es dabei nebst forschungsinduzierter Technologieverbesserungen auch energiepolitischer, marktwirtschaftlich orientierter Massnahmen. Diese müssen überdies langfristig angelegt und im föderalistischen Staat gut koordiniert sein, so dass verlässliche Rahmenbedingungen für alle Akteure entstehen.

Das Zusammenführen von technischen, wirtschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Kompetenzen im Bereich der Energie hat sich an der ETH Zürich bewährt und soll in bestehenden Forschungszentren wie z.B. dem Energy Science Center und neu zu schaffenden Gefässen weiter intensiviert werden. Die akademische Meinungsfreiheit wird dabei ein wichtiger Grundpfeiler der Zusammenarbeit bleiben, gleichzeitig aber mit einer offenen Austauschkultur und einer hohen Sensibilität für relevante gesellschaftspolitische Themen verbunden sein.

Unsere Erfahrung aus dem intensiven Austausch mit verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren zu unserem Bericht «Energiezukunft Schweiz» bietet reichlich Anschauungsmaterial für sinnvolle Wege, um das gebündelte Wissen an unser Hochschule einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und für sachgerechte Entscheidungen im politischen Prozess verfügbar zu machen. Wichtige Elemente sind dabei:

  • Die transparente Darstellung der zur Grunde gelegten Annahmen und der möglichen Unsicherheit der Aussagen
  • Die Darstellung der Zusammenhänge in Form von nachvollziehbaren und sinnvoll angelegten, in sich konsistenten Szenarien, die eine Bandbreite von möglichen Entwicklungen widerspiegeln
  • Die Integration von Kompetenzen aus verschiedenen Fachdisziplinen und der interne fachliche Austausch, um bei Themen mit einem hohen interdisziplinären Gehalt für eine möglichst breite Verankerung in den relevanten Wissensgebieten und entsprechend hohe Qualität zu sorgen
  • Das Bewusstsein um potentielle Interessenskonflikte und um die Gefahr einer missbräuchlichen Fehlinterpretation von Aussagen

Mit auf interdisziplinärer Forschung beruhenden, akademisch fundierten und praxisrelevanten Beiträgen wird es der ETH Zürich auch in Zukunft gelingen, die Transformation des Schweizer Energiesystems mitzugestalten.

Die Autoren: Prof. Göran Andersson; Prof. Konstantinos Boulouchos; Prof. Lucas Bretschger; Prof. Massimo Filippini; Prof. Volker Hoffmann

 
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