Veröffentlicht: 28.01.13
Science

EU lässt zwei Flaggschiffe vom Stapel

Die Würfel sind gefallen: Die EU lanciert mit «Graphene» und dem «Human Brain Project» zwei grossangelegte Forschungsprojekte für die nächsten 10 Jahre. «FuturICT» und «Guardian Angels», beide unter bedeutender Beteiligung von ETH-Wissenschaftlern entstanden, haben das Nachsehen.

Roman Klingler
Dass drei der vier Projekte in der Endrunde des Flagship-Wettbewerbs massgeblich von ETH- oder EPFL-Forschern initiiert wurden, stellt dem Schweizer Forschungsplatz ein gutes Zeugnis aus. (Grafik: Fotolia, Human Brain Project, FuturICT; Bearbeitung: A. Lingk / ETH Zürich)
Dass drei der vier Projekte in der Endrunde des Flagship-Wettbewerbs massgeblich von ETH- oder EPFL-Forschern initiiert wurden, stellt dem Schweizer Forschungsplatz ein gutes Zeugnis aus. (Grafik: Fotolia, Human Brain Project, FuturICT; Bearbeitung: A. Lingk / ETH Zürich) (Grossbild)

Die Pressekonferenz von heute in Brüssel unter der Leitung von Neelie Kroes, Vizepräsidentin der EU-Kommission, hat nun offiziell bestätigt, was durch ein Informationsleck bereits in den letzten Tagen durch die Medien ging: Es gibt zwei Gewinnerprojekte der Flagship-Initiative und die heissen «Graphene» und «Human Brain Project», bei dem die Projektleitung die EPFL innehat. Damit hat Lausanne allen Grund zum Feiern. Bei «Graphene» liegt die Leitung bei der schwedischen Universität Chalmers. Mit der Lancierung der ersten beiden FET-Projekte bekräftigt die EU ihren Anspruch, wegweisende Forschung im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie voranzutreiben, um Europas Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

In einem langwierigen Evaluationsverfahren, das sich über die letzten eineinhalb Jahre hinzog, waren insgesamt sechs Pilotprojekte ermittelt worden. Wie schon früher berichtet, befanden sich unter den sechs Finalisten gleich drei Projekte, die von Wissenschaftlern der ETH Zürich bzw. der EPFL massgeblich mitgeprägt worden sind. «FuturICT», das im Zeitalter von «Big Data» die Datenströme für gesellschaftliche relevante Simulationen nutzen will, stand unter der Leitung des University College London (UCL) sowie der ETH Zürich in der Person von Soziophysiker und Komplexitätsforscher Dirk Helbing. Im Guardian-Angels-Projekt, das in den nächsten Jahren besonders energiesparende und winzigste Sensorsysteme entwickeln will, die zum Beispiel zur Überwachung der Umwelt wie auch von vitalen Funktionen im menschlichen Körper Anwendung finden könnten, teilte sich die Leitung zwischen der EPFL (Prof. Adrian Ionescu) und der ETH Zürich (Prof. Christofer Hierold) auf.

Schliesslich bewarb sich ein Team um den EPFL-Forscher Henry Markram mit dem «Human Brain Project» (HBP) ebenfalls um die Fördermillionen der EU. Die EPFL mit Makram hat nun aus Schweizer Sicht das Rennen gemacht. Am zweiten geförderten Projekt «Graphene» sind mehrere Schweizer Universitäten wie auch die Empa beteiligt, der Projektlead liegt jedoch in Schweden. Von der ETH Zürich partizipiert der Festkörperphysiker Klaus Ensslin daran. In einem Interview mit ETH Life erklärt er, was die Vision des Projektes ist und welcher Beitrag konkret von der ETH kommen wird.

Gefasste Reaktionen bei ETH-Forschern

«Wir gratulieren den Kollegen an der EPFL zu ihrem siegreichen Human Brain Project», kommentiert ETH-Präsident Ralph Eichler die Resultate. Die ETH-Schulleitung würdigt das hervorragende Abschneiden der Flagship-Finalisten als eine tolle Gesamtleistung für den Schweizer Forschungsplatz. «Die beteiligten Forschenden haben enorm viel Herzblut und Arbeit in diese Projekte gesteckt, nebst ihren zahlreichen anderen Verpflichtungen, und das verdient grossen Respekt», ergänzt Roland Siegwart, Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen der ETH Zürich.

Während andernorts nun die Champagnerkorken knallen, ist Dirk Helbing zwar über das Ausscheiden von «FuturICT» enttäuscht, aber nicht zerknirscht. Die ganze Arbeit der letzten Jahre sei keine vergebliche Investition, so Helbing, denn es seien viele interessante Ideen entstanden und die Zusammenarbeit mit begeisterten Kolleginnen und Kollegen «war eine der besten Erfahrungen, die ich in meinem Leben machen durfte». Dank des Projekts sei eine internationale Wissenschaftsgemeinschaft entstanden. Diese habe erstmals ernsthaft die Barriere zwischen Computerwissenschaft, Sozialwissenschaft und Komplexitätsforschung überwunden. Die Idee von FuturICT werde sich hoffentlich anderswo ihren Weg bahnen. Allerdings müsse man sich die Frage stellen, ob Europa die Führung übernehmen könne oder das bestellte Feld Amerika oder Asien überlasse. «Dort arbeitet man schon mit Hochdruck an Konkurrenzprojekten», sagt Dirk Helbing.

Das Nein aus Brüssel heisse nicht, dass die Forschungsansätze oder die beteiligten Forschungsgruppen nicht die richtigen wären, die gesetzten Ziele zu erreichen, sagt Christofer Hierold, Co-Leader von «Guardian Angels», auf die Absage aus Brüssel. «Wir sind in einem ausserordentlichen europäischen Wettbewerb unter den vier Finalisten, wovon drei der Projekte der letzten Runde zu einem erheblichen Anteil unter Führung von Forschern aus der Schweiz auf die Beine gestellt wurden.» Das alleine sei Motivation und Bestätigung genug, nach Alternativen für eine Projektförderung zu suchen – auf europäischer Ebene oder national, so Hierold.

Finanzierung mit Unsicherheiten behaftet

Die FET-Initiative hatte seit der Lancierung im Jahre 2009 hohe Aufmerksamkeit auf sich gezogen, nicht zuletzt durch die Ankündigungen der EU-Verantwortlichen, damit Europa eine Führungsrolle im Wettbewerb mit den USA und Asien zu sichern. Auch die in Aussicht gestellten Beträge liessen aufhorchen: Von einem Fördervolumen von total einer Milliarde Euro, verteilt über zehn Jahre, war die Rede. Damit setzte die EU-Kommission um die Holländerin Neelie Kroes nicht nur neue Massstäbe, sie schürte auch entsprechend hohe Erwartungen.

Hohen Erwartungen sehen sich nun die beiden siegreichen Konsortien um «Graphene» und «Human Brain Project» gegenüber. Das Finanzierungsmodell sieht vor, dass die EU und die beteiligten Projektpartner je die Hälfte der Gelder einbringen. Für die ersten 30 Monate (Ramp-Up-Phase) stellt die EU den beiden siegreichen Konsortien je 54 Mio. Euro zur Verfügung. Das Geld wird noch aus dem bis Ende 2013 laufenden 7. Forschungsrahmenprogramm (FP7) gespeist.

Wie die Anschlussfinanzierung unter dem Nachfolgeprogramm «Horizon 2020» aussieht und wie hoch der effektive Anteil der EU sein wird, steht im Moment noch nicht fest. Angesichts der nach wie vor grossen finanziellen und konjunkturellen Unsicherheiten in Europa, wird wohl auch die weitere Finanzierung der beiden Flagship-Projekte noch die eine oder andere Hürde überspringen müssen.

Die Finalisten der Flaggschiff-Projekte

«Graphene» sucht nach neuen Wegen zur Herstellung von Graphen, das durch seine einzigartige Kombination von Eigenschaften als Wundermaterial gilt. Neue Methoden sind gefragt, damit Graphen im industriellen Kontext grossflächig hergestellt werden kann. Zahlreich sind die Anwendungen, die man sich durch das bessere Verständnis von Graphen erhofft. Das Projekt leitet die Technische Hochschule Chalmers, Schweden. 130 Forschungsgruppen von 80 Hochschulen, darunter der ETH Zürich, der Empa sowie der Universitäten von Zürich, Basel und Genf sind daran beteiligt.

Das «Human Brain Project» unter der Leitung der EPFL verfolgt das Ziel, das menschliche Gehirn in einem Computer zu modellieren. Die so gewonnenen Erkenntnisse sollen unter anderem den Kampf gegen Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer voranbringen und nebenbei die Entwicklung neuer Supercomputer ermöglichen. Am Projekt sind mehr als 80 Partnerorganisationen aus Industrie und Wissenschaft beteiligt, darunter auch das nationale Hochleistungsrechenzentrum CSCS in Lugano.

«FuturICT» will eine neue Simulationsplattform entwickeln, um grosse Datenmengen von komplexen technisch- gesellschaftlichen Systemen für die Analyse besser zugänglich zu machen. Aus der Analyse der Daten sollen neue soziologische, politische, ökonomische und technologische Erkenntnisse gewonnen werden. Die wissenschaftliche Leitung liegt beim Soziophysiker Dirk Helbing an der ETH Zürich, das Management am University College London. Insgesamt beteiligten sich rund 300 Wissenschaftler von 84 europäischen Forschungseinrichtungen am Projekt.

«Guardian Angels» hat zum Ziel, eine hocheffiziente Zero-Power-Technologie mit einem Netz aus autonomen Sensoren zu entwickeln. Diese elektronischen Schutzengel sollen für die medizinische Überwachung kranker oder betagter Menschen, für das Umweltmonitoring und in der Katastrophenvorsorge eingesetzt werden. Das Konsortium von «Guardian Angels» umfasst 66 Partner, darunter 29 Universitäten, 16 Forschungseinrichtungen und 21 Firmen. Leading House ist die ETH Lausanne, Co-Leading House die ETH Zürich mit Professor Christofer Hierold.

 
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