Veröffentlicht: 18.01.13
Science

«Vernetzung birgt immer auch Risiken»

Am «ETH Risk Center» arbeiten Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen gemeinsam an integrativen Risikomodellen. Sie sollen unter anderem dazu beitragen, die Gefahr weiterer Finanzkrisen zu minimieren. Wie das geht, erklärt Hans Rudolf Heinimann im Interview.

Interview: Samuel Schläfli
Hans Rudolf Heinimann ist  Vorsitzender des Lenkungsausschusses des «ETH Risk Center» (Bild: Heidi Hofstettler / ETH Zürich).
Hans Rudolf Heinimann ist Vorsitzender des Lenkungsausschusses des «ETH Risk Center» (Bild: Heidi Hofstettler / ETH Zürich). (Grossbild)

Herr Heinimann, die Kernkompetenz des «ETH Risk Center» ist das Integrative Risikomanagement. Was ist an diesem Ansatz neu?
Das traditionelle Risikomanagement basiert auf einzelnen, spezifischen Risiken, also zum Beispiel Hochwasser, Finanzrisiken oder Terrorismus. Das ist geschichtlich so gewachsen. Beim Integrativen Risikomanagement gehen wir dagegen von einem bestimmten geographischen Raum aus. Eine Region ist immer einer ganzen Palette von natürlichen, technischen, sozialen, politischen, und ökonomischen Risiken ausgesetzt. Wir fragen uns deshalb: Wie können wir einen Franken am effektivsten einsetzen, um für eine bestimmte Region den grösstmöglichen Sicherheitsgewinn zu erzielen? Das ergibt ein ganz anderes Massnahmen-Portfolio, als wenn einzelne unterschiedlich gut dotierte Verwaltungsstellen unabhängig voneinander Massnahmen für Teilrisiken treffen.

Wie muss man sich die Forschung am Risk Center vorstellen und mit welchen Werkzeugen arbeiten Sie?
Das Ziel unserer Forschung sind robustere Systeme. Dafür kombinieren wir zwei klassische Forschungsansätze: Die probabilistische Risikoabschätzung, wie sie von Risikoanalysten schon länger praktiziert wird und die Komplexitätstheorie, ein Ansatz aus der statistischen Physik. Die Probabilistik analysiert vergangene Ereignisse und deren Eintritts-Wahrscheinlichkeiten. Mit der Komplexitätstheorie hingegen kann man Phänomene simulieren, die bisher nicht voraussehbar waren und so noch nie eingetreten sind. Letzteres wird immer wichtiger, da die Vernetzung von gesellschaftlichen und technischen Systemen mit der Globalisierung stetig zunimmt. Das hat zwar durchaus Vorteile, aber zuviel Vernetzung birgt immer auch neue Risiken.

Die aktuelle Finanz- und Schuldenkrise dürfte dafür gutes Anschauungsmaterial liefern.
Genau damit beschäftigen sich derzeit acht Doktorierende in einem ersten interdisziplinären Forschungsprojekt des Zentrums.

Nun wissen wir mittlerweile, dass das Risikomanagement in der Finanzwirtschaft versagt hat. Was machen Ihre Forscher besser?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel für die Bankenregulierung: Wir wissen aus der Ökologie, dass überall gleichmässig angewandte Regeln zu einer Homogenisierung führen und dazu, dass das Gesamtsystem verletzbarer wird. Das heisst, die Regulierung muss viel differenzierter sein als heute. Insbesondere müssen wir ein Augenmerk auf die «Superspreaders» im System richten; Agenturen, die sehr grosse Finanzvolumen umsetzen und überdurchschnittlich stark vernetzt sind. Sie können überregionale Kaskadeneffekte auslösen. Für sie brauchen wir somit spezielle Regeln. Weiter sind in der Finanzwirtschaft auf systemischer Ebene Puffer nötig, analog den Speicherseen im Elektrizitätsnetz.

An welchen Problemen arbeiten die Doktoranden konkret?
Die Verbindungen zwischen den Finanzinstituten sind heute nicht transparent. Eine Gruppe versucht deshalb diese aus vorhandenen Daten indirekt abzuleiten, um darauf basierend Vernetzungsrisiken zu modellieren. Eine weitere Gruppe baut eine Art Echtzeit-Monitoring für die Finanzmärkte auf, basierend auf Daten zum Investorenverhalten aus dem Internet. Damit könnten wir in Zukunft Spekulationsblasen frühzeitig erkennen.

Am Risk Center sind mehrere Partner aus der Wirtschaft beteiligt. Wie findet der Austausch mit der Praxis statt?
Wir tauschen uns regelmässig mit unseren Partnern aus und präsentieren unsere Forschung auch an Firmenseminaren. Darüber hinaus gibt es jährlich einen Workshop, an dem wir gemeinsam an praktischen Fragen arbeiten. Die Wirtschaft ist dabei gut vertreten, die Politik kommt derzeit noch etwas zu kurz. Eine weitere solche Plattform sind die «Dialogue Events», wovon der erste diesen Freitag in Zürich stattfindet. Ich wünsche mir, dass diese zukünftig einen festen Platz in der Agenda von Partnern aus Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft einnehmen.

Was erhoffen Sie sich von diesem Dialog?
Ein Beispiel: Nach dem Tsunami in Südostasien von 2004 wurde vielen Weltkonzernen schlagartig bewusst, wie verletzlich sie durch die zunehmende globale Vernetzung geworden sind. Für bestimmte elektronische Komponenten ist Panasonic heute weltweit der einzige Produzent. Wenn deren Produktionsstätten überschwemmt werden, dann schwappen Risiken und Probleme «flussabwärts» auf nachgelagerte Industrien über. Die globalen Versorgungsketten sind also sicherlich ein Thema, mit dem wir uns auch am Risk Center beschäftigen müssen.

Wie sehen die Zukunftspläne am Risk Center aus?
Wir planen derzeit einen ETH-Ableger in Singapur, ähnlich wie es einen solchen bereits für die Stadtentwicklung gibt. Dazu laufen derzeit Gespräche mit Singapurs Nationalfonds und unseren Partnern der National University of Singapore und der Nanyang Technical University. Wir gehen davon aus, dass der Grundsatzentscheid diesen August gefällt wird.

Hans Rudolf Heinimann ist Professor für Forstliches Ingenieurwesen an der ETH Zürich und Vorsitzender des Lenkungsausschusses des «ETH Risk Center».

 
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