Veröffentlicht: 20.12.12
Campus

«Ihr habt nichts zu verlieren!»

Es war eine besondere Herausforderung, der sich 18 ausgewählte Masterstudierende der ETH in den letzten zwei Monaten während des Seminars «Entrepreneurial Leadership» stellen durften. In enger Zusammenarbeit mit den Top-Managern des Traditionsunternehmens Georg Fischer entwickelten sie strategische Lösungen für die drei Kernbereiche des Konzerns.

Christine Heidemann
Ein Erfolg auf ganzer Linie: Alle Seminarteilnehmer zeigten sich nach der Abschlusspräsentation im Trainingszentrum der Georg Fischer AG in Schlatt bei Schaffhausen bestens gelaunt. (Bild: Georg Fischer AG)
Ein Erfolg auf ganzer Linie: Alle Seminarteilnehmer zeigten sich nach der Abschlusspräsentation im Trainingszentrum der Georg Fischer AG in Schlatt bei Schaffhausen bestens gelaunt. (Bild: Georg Fischer AG) (Grossbild)

Sie waren fast alle gekommen – die gesamte Unternehmensführung der Georg Fischer AG. Und die Neugierde stand den Managern ins Gesicht geschrieben. Was würden die Studierenden ihnen präsentieren? Völlig neue Lösungen? Etwas, das sie in ihrer strategischen Planung übersehen hatten? Oder würden sie nach drei Stunden wieder in ihre Abteilungen zurückgehen und das Projekt mit der ETH als enttäuschend abhaken?

Das Projekt, um das es geht, ist das Entrepreneurial Leadership-Seminar des ETH-Departements Management, Technologie und Ökonomie (D-MTEC), das kürzlich mit einer grossen Abschlusspräsentation im Klostergut Paradies, einem Trainingszentrum des Georg Fischer-Konzerns in Schlatt bei Schaffhausen, endete.

Mit dem Kurs will Departements-Vorsteher Volker Hoffmann, Professor für Nachhaltigkeit und Technologie, ein erfolgreiches Seminarformat wiederbeleben: die Zusammenarbeit von MTEC-Studierenden mit den CEOs grosser Schweizer Unternehmen, wie vor ein paar Jahren mit UBS und Schindler.

Belohnung für herausragende Leistungen

Mit der Koordination der erweiterten Neuauflage betraute er Claude Siegenthaler, Professor an der ETH-Partneruniversität Hosei in Japan und seit vielen Jahren Dozent am D-MTEC für Unternehmensführung. Siegenthaler hatte den CEO des international tätigen Schweizer Unternehmens Georg Fischer, Yves Serra, an der Jahrestagung der Schweizerisch-Japanischen Handelskammer kennengelernt und konnte ihn schnell von der Idee des Seminars begeistern – nämlich 18 herausragenden Studierenden des D-MTEC und ausgewählten Bewerbern anderer Departemente quasi als Belohnung für ihre Leistungen eine «echte» Herausforderung zu bieten.

«Wir wollen den Masterstudierenden mit dem Seminar die Möglichkeit geben, mit Top-Managern auf Augenhöhe über strategische Ausrichtungen zu sprechen», erklärt Claude Siegenthaler. Eine einmalige Chance also, unter Realbedingungen unternehmerische Führungsarbeit zu lernen. «Ganz wichtig dabei ist, dass die Studierenden die Herausforderung spüren, sie annehmen und dann den Prozess auch selbst führen.» Denn schliesslich gehe es ja um Leadership. Eine solche Gelegenheit, sagt Claude Siegenthaler, gebe es an Hochschulen noch viel zu selten.

Konkret haben die Seminarteilnehmer in drei Teams an einer aktuellen Fragestellung für jeweils eine der drei Divisionen von Georg Fischer gearbeitet – das heisst, eine Gruppe für den Bereich Rohrleitungssysteme (GF Piping Systems), eine für den Bereich Fahrzeugtechnik (GF Automotive) und eine für die Division Fertigungstechnik (GF AgieCharmille). Es ging um das Ausloten des Marktes für neue Techniken in der Laser- und Fahrzeugherstellung und um ein integriertes System, mit dem die Trinkwasserhygiene in grossen Gebäuden, etwa in Krankenhäusern, verbessert werden soll.

Partner auf Augenhöhe

Das bedeutete für die Studierenden: Es mussten Marktanalysen gemacht, Geschäftspartner interviewt, Standorte besichtigt und immer wieder aufkommende Fragen mit den verantwortlichen GF-Managern geklärt werden. Aber es erforderte auch «Soft Skills»: Frustrationen wegstecken zu können, sich darauf zu konzentrieren, was in den zur Verfügung stehenden neun Wochen und mit dem vorhanden Wissen überhaupt möglich ist. Und auch: Sich nicht als günstige Arbeitskräfte, sondern als Partner auf Augenhöhe zu präsentieren.

«Ihr habt nichts zu verlieren, sondern könnt nur gewinnen», gab Claude Siegenthaler den Studierenden denn auch immer wieder mit auf den Weg. «Fordert euer Gegenüber heraus! Seid proaktiv!»

Erfahrungen gezielt nutzbar machen

Unterstützt wurden die Jungmanager – und das ist eine Besonderheit des neuen Seminarformats – gleich von mehreren Professoren des D-MTEC. «In diesen Coaching-Sessions ging es nicht nur darum, gute Lösungen für Georg Fischer zu entwickeln, sondern die Erfahrungen der Teilnehmenden gezielt für deren professionelle Entwicklung nutzbar zu machen», erklärt Siegenthaler.

Und Erfahrungen machten die Teilnehmenden jede Menge – nicht zuletzt bei der abschliessenden Präsentation des Seminars, bei der sich die anwesenden Top-Manager sehr beeindruckt zeigten. Kommentare wie «wichtig», «interessant», «sehr gut» bestätigten immer wieder, dass die Unternehmensführung mit den Ergebnissen zufrieden war, auch wenn die ETH-Studierenden meist nur bestätigen konnten, dass das GF-Management strategisch auf dem richtigen Weg ist. Für manche Teilnehmer war das zwar unbefriedigend; sie wollten mehr erreichen, neue Lösungen präsentieren. Doch der Lerneffekt sei in jedem Fall gross gewesen, lautete das Résumé unisono. Vor allem die Zusammenarbeit mit den Teamkollegen, die ganz unterschiedliche Hintergründe und Berufserfahrungen mitbrachten, und das Feedback von Professoren und Managern wurde von den Masterstudierenden als besonders lehrreich bewertet.

Und so soll das Seminar gemäss Volker Hoffmann auch künftig fester Bestandteil im Lehrprogramm des D-MTEC sein – wenn auch voraussichtlich in etwas anderer Form, hofft Claude Siegenthaler. «Es gäbe noch erhebliches Potential, mit individuellem Coaching die Erlebnisse zur Stärkung der persönlichen Führungsfähigkeiten zu nutzen.»

Eine ausführliche Reportage über das Seminar, von der ersten Begegnung aller Beteiligten bis hin zur grossen Schlusspräsentation, lesen Sie in der März-Ausgabe des ETH-Magazins «Globe».

 
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