Veröffentlicht: 19.12.12
Kolumne

Ein Weihnachtsgruss aus Braunschweig

Oliver Thränert
Oliver Thränert, Leiter des Think Tank des Center for Security Studies. (Bild: Thomas Langholz /ETH Zürich)
Oliver Thränert, Leiter des Think Tank des Center for Security Studies. (Bild: Thomas Langholz /ETH Zürich) (Grossbild)

In der Weihnachtszeit beschleicht mich bisweilen ein bisschen Heimweh nach meiner Geburtsstadt Braunschweig. Ihr Name klingt nicht besonders verlockend. Doch hat sie weder etwas mit Braunkohle zu tun, noch liegt sie im «Kohlenpott». Auch ist sie mit ihren knapp 250'000 Einwohnern grösser als viele vermuten.

Im Mittelalter hiess die Stadt «Brunswieck», benannt nach dem Geschlecht der Brunonen, die den Ort gründeten. Seine Blüte erfuhr Brunswieck im 12. und 13. Jahrhundert, was sich in den vielen noch erhaltenen mittelalterlichen Kirchen, allen voran dem von Heinrich dem Löwen erbauten Dom, im Stadtbild wiederspiegelt. Überhaupt war dieser Welfe Heinrich, ein Vetter von Kaiser Barbarossa und zeitweilig Herzog von Sachsen und Bayern, für die Stadtgeschichte bedeutsam. Noch heute ziert jedes Ortseingangsschild der Zusatz «Stadt Heinrichs des Löwen». Zu Recht. Denn Heinrich nutzte – damals noch eher unüblich – Brunswieck als seine ständige Residenz und baute sie mit Burg, Stadtmauern und Umflutgraben zu einer mittelalterlichen Metropole aus. Auch weitere Stadtgründungen gehen auf ihn zurück, namentlich Lübeck, Schwerin und auch München.

Irgendwann im 16. Jahrhundert wurde aus «Brunswieck» das heutige Braunschweig. Die entsprechenden Herzogtümer Braunschweig-Lüneburg bzw. Braunschweig-Wolfenbüttel konnten immer eine gewisse Unabhängigkeit bewahren und sich eines preussischen Zugriffs erwehren. Auch kulturell war durchaus einiges los. Lessing lebte in Braunschweig und fuhr von seinem Haus aus täglich mit der Kutsche in die nahegelegene Bibliothek nach Wolfenbüttel. Das 1754 eröffnete Herzog Anton Ulrich-Museum ist mit seiner Gemäldesammlung eines der ältesten seiner Art in Europa. Der inzwischen leider weitgehend in Vergessenheit geratene Komponist Ludwig Spohr unternahm in Braunschweig seine ersten musikalischen Schritte. Im später abgebrannten Opernhaus am Hagenmarkt wurde im Januar 1829 der «Faust» uraufgeführt. Wilhelm Raabe, bekannt durch seinen Roman «Die Chronik der Sperlingsgasse», verbrachte den Grossteil seines Lebens in Braunschweig und ist dort, wie auch Lessing, begraben. Schliesslich darf man aus ETH-Sicht nicht vergessen, dass Carl Friedrich Gauss, der berühmte Mathematiker, Braunschweiger war.

Politisch ging es in Braunschweig häufig hoch her. 1830 wurde das Schloss niedergebrannt und geplündert. Herzog Karl II. wurde abgesetzt und aus dem Land getrieben (er starb übrigens – nachdem er seinen Besitz der Stadt vermacht hatte – in Genf, wo ein monumentales, direkt am See gelegenes Denkmal an ihn erinnert). 1918 versuchten sich Braunschweiger Arbeiter in der Errichtung einer Räterepublik, was jedoch nach kurzer Zeit scheiterte. Unrühmlich war, dass die Nazis im Land Braunschweig schon vor 1933 die Mehrheit hatten. Daher konnte Adolf Hitler, der ja Österreicher war, in Braunschweig eingebürgert werden, was Voraussetzung für seine Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 war.

In einer Bombennacht im Oktober 1944 wurde das historische Braunschweig nahezu vollständig zerstört. Nach dem Krieg waren massgebliche Stadtplaner von dem Gedanken beseelt, eine «Auto-freundliche» Stadt zu schaffen, was leider zu einigen markanten Fehlentscheidungen führte. Nur etwa dreissig Kilometer von der damaligen deutsch-deutschen Grenze entfernt, gehörte Braunschweig zum strukturell vernachlässigten Zonenrandgebiet. Auch wenn vor ein paar Jahren die Schlossfassade wieder errichtet wurde – um den Preis, dass sich dahinter ein riesiges Einkaufszentrum verbirgt – so ist der einstige Glanz nicht wieder herzustellen. Was bleibt, sind die bereits erwähnten mittelalterlichen Kirchen und ein paar recht schöne Parks, die Braunschweig immerhin zu einer grünen Stadt machen.

Stolz sind viele Braunschweiger auf ihren Fussballverein, die «Eintracht». Als krasser Aussenseiter wurde sie 1967, also kurz nach Gründung der Bundesliga 1963, Deutscher Meister. 1977 (übrigens mein Abiturjahr) verfehlte die Mannschaft die Wiederholung dieses Kunststücks nur um einen Punkt. Doch auch die Eintracht verfiel später in die Agonie der Drittklassigkeit und klopft erst neuerdings wieder an die Pforten des deutschen Fussballoberhauses.

Mich hat mein Lebensweg über Bonn und Berlin nun nach Zürich geführt. Hier lebe ich gern, hier fühle ich mich wohl. Aber manchmal, etwa zur Weihnachtszeit oder wenn sich die Gelegenheit ergibt, erzähle ich gern von Braunschweig, dieser Stadt, die nicht im «Kohlenpott» liegt.

Zum Autor

Oliver Thränert ist seit dem 1. Juni 2012 Leiter des Think Tank des Center for Security Studies der ETH Zürich. Der heute 53-Jährige wuchs in Braunschweig auf und studierte an der dortigen TU Geschichte, evangelische Theologie, Politikwissenschaft, Psychologie und Pädagogik. Er promovierte 1986 in Politikwissenschaft und Neuerer Geschichte. Danach arbeitete er bei verschiedenen Instituten und Think Tanks, die vergangenen elf Jahre an der Stiftung Wissenschaft und Politik - Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit. Mit dem Umzug nach Zürich verkaufte Thränert sein Motorrad –, was dem leidenschaftlichen Motorradfahrer die Tränen in die Augen trieb. Nun wird er sich in seiner Freizeit vermehrt die Wanderschuhe schnüren, um die zahlreichen Wanderwege der Schweiz zu erkunden.

 
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