Veröffentlicht: 17.12.12
Science

Rasches Handeln für mehr Wahlmöglichkeiten

Der ETH-Klimaforscher Joeri Rogelj hat ausgerechnet, wie weit wir unsere Treibhausgas-Emissionen bis 2020 reduziert haben müssen, damit das Zwei-Grad-Klimaziel in Reichweite bleibt. Er kommt zum Schluss: Um uns Wahlmöglichkeiten offenzuhalten wie etwa den Atomausstieg, müssen wir möglichst schnell handeln und die Treibhausgasemissionen verringern.

Fabio Bergamin
Wissenschaftler raten, vor dem Jahr 2020 mit der Reduktion der Treibhausgasemissionen zu beginnen, beispielsweise mit jener von Verbrennungsmotoren von Autos. (Bild: Keng Susumpov / Flickr)
Wissenschaftler raten, vor dem Jahr 2020 mit der Reduktion der Treibhausgasemissionen zu beginnen, beispielsweise mit jener von Verbrennungsmotoren von Autos. (Bild: Keng Susumpov / Flickr) (Grossbild)

Je schneller wir den Ausstoss an Klimagasen reduzieren, desto einfacher wird es uns gelingen, die weltweite Klimaerwärmung auf zwei Grad zu beschränken, und desto weniger wird es uns kosten, dieses Ziel zu erreichen. Dies ist das Fazit einer umfangreichen Studie eines internationalen Forscherteams mit massgeblicher ETH-Beteiligung. «Aus ihr geht hervor, dass es eine Reihe von Möglichkeiten gibt, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen», sagt Joeri Rogelj. Der ETH-Doktorand forscht am Institut für Atmosphäre und Klima und ist Erstautor der Studie, die im Fachmagazin «Nature Climate Change» veröffentlicht wurde. Je früher wir agierten, desto mehr dieser Möglichkeiten stünden uns zur Wahl und desto einfacher könnten wir uns beispielsweise den Ausstieg aus der Atomkraft leisten, die zwar klimaneutrale Elektrizität liefere, jedoch andere Umweltprobleme mit sich bringe, sagt Rogelj.

Umgekehrt würde ein Handeln erst nach dem Jahr 2020 die Klimaschutzmassnahmen stark verteuern. In diesem Fall müssten wir mit dem ganzen Arsenal an Klimaschutz-Technologien auffahren, was teurer sei, als sich für die billigeren darunter entscheiden zu können, erklärt der Forscher. Je weniger bis 2020 gehandelt wird, desto einschneidender würde auch der Wandel hin zu einer Niedrig-Energie-Gesellschaft und dem damit verbundenen Infrastrukturumbau, etwa bei Gebäuden und der Transportinfrastruktur.

«Am meisten Wahlmöglichkeiten bleiben offen, wenn wir die Treibhausgasemissionen von heute 50 Gigatonnen CO2-Äquivalente bis 2020 auf 41 bis 47 Gigatonnen reduzieren», sagt Rogelj. Zum Vergleich: Würden wir weitermachen wie bisher, würden diese Emissionen laut Modellrechnungen bis 2020 auf rund 60 Gigatonnen steigen.

Mit verschiedenen Szenarien zum Ziel

Um diese Schlüsse zu ziehen, berechneten die Wissenschaftler von der ETH Zürich, dem Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg, Österreich, und des National Center for Atmospheric Research in Boulder, USA, am Computer eine Vielzahl von verschiedenen Zukunftsszenarien. Diese stellen verschiedene Möglichkeiten dar, wie sich die Menschheit in diesem Jahrhundert technologisch, politisch und sozial entwickeln könnte. Gemeinsam hatten die Szenarien, dass sie alle das Zwei-Grad-Ziel erfüllen, das in der Klimaschutzdiskussion oft als Richtschnur verwendet wird.

Mit diesen Daten stellten sich die Forscher eine ganz ähnliche Frage, wie man sie sich bei einem Skirennen stellen könnte: Wie schnell muss ein Fahrer bei der ersten Zwischenzeit sein, um das Ziel in einer bestimmten Zeit erreichen zu können? Die Autoren der Klimastudie setzten die Zwischenzeit im Jahr 2020 an. Ihre Frage lautete: Welche klimapolitischen Massnahmen müssen wir im Jahr 2020 erfüllt haben, in welchem Bereich müsste der Ausstoss an Klimagasen liegen, um in diesem Jahrhundert das Zwei-Grad-Ziel nicht zu verfehlen?

Gegen oben ist dieser Bereich eingegrenzt, weil mit höheren Werten eine langfristige Reduktion der Emissionen nicht mehr zu schaffen ist oder die Kosten dafür zu hoch sind. Dies beispielsweise, ­weil neu gebaute klimaschädliche Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden müssten bevor sie das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben und somit bevor ihre Baukosten amortisiert sind. Gegen unten ist dieses «Emissionsfenster» unter anderem technisch begrenzt, weil sich die dafür notwendigen Technologien nicht bis 2020 einführen lassen.

Schlüsseltechnologien wie CCS sind zentral

Die Studie zeigt ausserdem, dass uns einige Möglichkeiten schon jetzt nicht mehr offenstehen und dass wir stark abhängig sind von bestimmten Schlüsseltechnologien, um das Zwei-Grad-Ziel mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erreichen. Die Wahl, auf «Carbon Capture and Storage» (CSS) zu verzichten, haben wir beispielsweise gar nicht, ohne unseren Energieverbrauch drastisch zu verringern. Mit CCS wird CO2 abgeschieden und unter Tag gelagert, damit es nicht in der Atmosphäre als Klimagas wirkt. Zudem werden flächenintensive und daher umstrittene Klimaschutzmassnahmen wie das Aufforsten von Wäldern und der Anbau von Biotreibstoffen nötig sein. Letzte gelten zwar als klimaneutral, ein grossflächiger Pflanzenanbau für Biotreibstoffe bringt aber Probleme mit sich: Er verbraucht Landwirtschaftsland und Wasser, das somit für die Nahrungsmittelproduktion wegfällt, und er kann die Artenvielfalt gefährden.

Auch wenn die Klimaverhandlungen zur Zeit stocken: Das Zwei-Grad-Ziel wäre technologisch und wirtschaftlich noch zu erreichen. Eine realistische Chance bleibt allerdings nur, wenn Massnahmen zur Emissionsreduktion rasch umgesetzt, die Nachfrage nach Energie reduziert und die Energieeffizienz massiv erhöht werden.

Literaturhinweis

Rogelj J, McCollum DL, O’Neill BC, Riahi K: 2020 emissions levels required to limit warming below 2°C. Nature Climate Change, 2012, Online-Vorabpublikation. DOI: 10.1038/nclimate1758

 
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