Veröffentlicht: 12.12.12
Kolumne

Warum auf Deutsch, wenn es auf Englisch leichter fällt?

Sebastian Grandis
Sebastian Grandis, Physikstudent an der ETH Zürich. (Bild: Sonja Mulitze)
Sebastian Grandis, Physikstudent an der ETH Zürich. (Bild: Sonja Mulitze) (Grossbild)

Manchmal kommt es mir vor, als herrsche an der ETH ein babylonisches Sprachgewirr: Wenn ich mich in den Gängen, Mensen und Hörsälen umhöre, vernehme ich Englisch, Deutsch, verschiedene schweizerische Mundarten, Italienisch mit lombardisch-tessinischem Akzent, Französisch und - wenn auch seltener - andere Sprachen.

Typisch für die ETH und ihre Kultur ist es aber, dass wir jeweils, unabhängig davon, wie sich die Gruppe zusammensetzt, immer eine gemeinsame Sprache finden. Wir finden diesen kleinsten gemeinsamen Nenner natürlich und intuitiv, dem Prinzip des geringsten Sprachwiderstandes folgend: Man spricht halt die Sprache, die man über die Gruppe gemittelt am besten beherrscht.

Auch mit den Dozierenden und Assistenten verhält es sich so, wenigstens informell. Treffen mein Mailänder Laborpartner und ich zum Beispiel auf einen italienischen oder Tessiner Praktikumstutor, so wechseln wir unverzüglich auf Italienisch. Zwar wird unser Italienisch ständig durch englische Fachbegriffe durchbrochen, denn wir kennen nun mal die Fachterminologie auf Englisch einfach besser.

Sowohl bei meinen Mitstudierenden als auch an mir selbst habe ich feststellen können, dass das Studium an der ETH zu einer faktischen Zweisprachigkeit im inhaltlichen Diskurs führt. Nicht selten wird eine auf Deutsch gehaltene Vorlesung von einer englischsprachigen Übungsstunde begleitet und das auf Deutsch geschriebene Aufgabenblatt auf Englisch besprochen.

Da passiert es mir zuweilen, dass ich eine Aufgabe auf Deutsch anfange und sie auf Englisch beende. Darüber beschweren sich die Assistenten dann nicht. In anderen Vorlesungen verhält es sich ähnlich, nur sind da die Rollen von Deutsch und Englisch vertauscht.

Angesichts dieser hohen sprachlichen Flexibilität wunderten mich die streng anmutenden Vorschriften, die an der ETH in Bezug auf die Vorlesungssprachen gelten. Im Bachelor-Studium müssen Vorlesungen offensichtlich in einer Landessprache, also auf Deutsch gehalten werden.

[Anmerkung der Red.: An der ETH Zürich sind die Unterrichtssprachen wie folgt geregelt: Im ersten Studienjahr sind alle Vorlesungen Deutsch. Im zweiten Studienjahr darf höchstens ein Viertel der Vorlesungen Englisch, im dritten Studienjahr bis zur Hälfte der Vorlesungen auf Englisch sein.]

Dass diese sprachpolitisch sicherlich wichtige Regel in der konkreten Umsetzung auch bizarre Folgen haben kann, erfuhren alle, die am Kurs «Funktionentheorie» von Tom Ilmanen, Professor für Mathematik, teilnehmen.

Die Vorlesung war auf Deutsch angekündigt worden. Professor Ilmanen ist jedoch amerikanischer Herkunft und somit englischer Muttersprache. Da ja fast alle an der ETH «funktionale Zweisprachler» sind, verbreitete sich unter den Studierenden rasch die Meinung, Professor Ilmanen solle seine Vorlesung auf Englisch halten, womöglich würde er dann den Stoff noch besser übermitteln. Die Anregung stiess auf offene Ohren, und der Chefassistent startete eine Umfrage. Achtzig Prozent der Studierenden sprachen sich für Englisch aus.

Die Studentenorganisation VMP sprach also mit Tom Ilmanen. Dabei erfuhr sie, dass für eine solche Änderung der Vorlesungssprache im Bachelor-Studium die einstimmige Zusage aller Kurs-Teilnehmenden notwendig sei. Also organisierte der VMP nach der Funktionentheorie-Vorlesung eine Diskussion mit Abstimmung. Nach einigen Wortmeldungen kam es im sich bereits leerenden Hörsaal zur Abstimmung. Eine Person enthielt sich, niemand stimmte dagegen. Der Vorschlag war somit angenommen.

Wir einigten uns, die Entscheidung zu vertagen und eine Probevorlesung auf Englisch anzuhören. Diese Lektion überraschte mit ihrer Flüssigkeit und dem sichtbaren Spass, den der Professor hatte, als er in seiner Muttersprache dozieren konnte. Das überraschte uns, weil sich Herr Ilmanen doch immer in höchster Korrektheit und stets neutral zur Sprachfrage geäussert hatte. In der folgenden Vorlesung sprach er die Sache mit der Unterrichtssprache in dem gefüllten Hörsaal F1 vor 300 Personen nochmals an.

Auf die Frage, welche Sprache wir Studierenden bevorzugten, antwortete der Saal überraschend laut mit «Englisch!», so als wolle man das Ergebnis akklamieren. Daraufhin fragte der Professor lediglich, wer dagegen sei, dass die Vorlesung auf Englisch gehalten werde: drei Personen meldeten sich. Drei auf dreihundert! Ein Physiker im Saal rief: «Messfehler!». Die im Hörsaal Anwesenden kugelten sich vor Lachen, doch der Mathematikprofessor liess den empirischen Einwand nicht gelten. Die Vorlesung wurde auf Deutsch weitergeführt. Die Drei setzten sich gegen Dreihundert durch. Dank einer realitätsfernen Norm.

Zum Autor

Sebastian Grandis kam am 4. Mai 1994 in Rom zur Welt. In der Hauptstadt Italiens verbrachte er auch seine frühe Kindheit und besuchte dort bis zum achten Schuljahr die deutsche Schule. Mit seiner Mutter zog er 2007 in die Schweiz. Seine Schulzeit schloss er 2011 am Mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium Rämibühl in Zürich ab. Seit September 2011 studiert Grandis Physik an der ETH: «Eine akademische Stelle in theoretischer Physik wäre mein absoluter Traumjob», sagt der Student im Hinblick auf seine Laufbahnziele. Neben dem Studium engagiert er sich auch als Redaktor bei «VAMP», der Zeitschrift des Vereins der Mathematik- und Physikstudierenden an der ETH Zürich. Sonst widmet er seine Freizeit seinem Hobby Wasserball – und zwar in verschiedenen Funktionen als Jugendtrainer, als Spieler und als Schiedsrichter.

 
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