Veröffentlicht: 05.12.12
Kolumne

Brauchen die Wissenschaften Bibliotheken?

Wolfgang Neubauer
Wolfram Neubauer ist seit dem 1. Januar 1997 der Direktor der ETH-Bibliothek. (Bild: ETH Zürich)
Wolfram Neubauer ist seit dem 1. Januar 1997 der Direktor der ETH-Bibliothek. (Bild: ETH Zürich) (Grossbild)

Jeden Tag hören wir von der gerade ablaufenden Digitalen Revolution, von den positiven Möglichkeiten der - mittlerweile nicht mehr ganz so neuen - Kommunikationstechnologien, kurz… vom Ausbruch des digitalen Zeitalters.
Folgt man nun den Protagonisten dieser Entwicklungen, dann läuft Informationsversorgung - vor allem in den Wissenschaften - mehr oder weniger ausschliesslich in elektronischer Form ab und gedruckte Medien spielen nur noch eine marginale Rolle.

Alle Quellen sind digitalisiert, physische Bibliotheksbestände sind etwas fürs Museum. In wunderbarer Weise illustrieren lässt sich dieser Ansatz durch die zusammenfassende Feststellung von M. Schaffer vom MIT Media Lab auf einer Bibliothekskonferenz vor einigen Jahren: «You are on the wrong side of history!» Wenig überraschend, war die bibliothekarische Zuhörerschaft von dieser Prognose nicht gerade begeistert.

Dann gibt es natürlich die andere Seite der Medaille: Also die Leute, die begeistert vom Spitzwegschen Ideal des einsamen Lesers in einer historischen Bibliothek sprechen und die letztlich hinter dieser Fassade nur verstecken, dass für sie Veränderung, Anpassung an gesellschaftliche Prozesse, Integration technischer Entwicklungen in die eigene Arbeit nur schwer verdauliche Brocken sind. Untermauert wird dieser Ansatz dann gerne mit dem Zitat des Dichters Jorge Luis Borges, dass er sich das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt hätte. Von einer digitalen Bibliothek hat er natürlich nicht gesprochen.

Wirft man nun einen kritischen Blick auf die aktuellen Randbedingungen bei der Informationsversorgung an Universitäten, Hochschulen und Forschungsinstitutionen weltweit, stellt man rasch fest, dass mehr oder weniger alle diese Einrichtungen Bibliotheken unterhalten, dass an vielen Orten von weltberühmten Architekten spektakuläre neue Bibliotheksgebäude errichtet werden, dass die Lesesäle zum Bersten mit Menschen gefüllt sind, dass - mit anderen Worten - die Totgesagten immer noch leben.

Dies bedeutet andererseits natürlich nicht, dass es keine Schwierigkeiten geben würde. Budgetprobleme bei gleichzeitig rasant steigenden Preisen für den Kauf und/oder die Lizenzierung von Medien aller Art, veränderte Nutzeranforderungen aus Wissenschaft und Forschung, Anpassungsdruck an die rasanten technischen Entwicklungen; diese Aufzählung liesse sich beliebig fortsetzen. So ist beispielsweise gerade eine grosse Zahl von wissenschaftlichen Bibliotheken in den anglo-amerikanischen Ländern von Budgetkürzungen von bis zu 30% betroffen, was mehr oder weniger einem Stillstand gleichkommt.

Somit sind Ideen und Visionen gefragt, wie die wissenschaftliche Bibliothek der Zukunft denn aussehen und was ihre eigentlichen Aufgaben sein könnten. Und an dieser Stelle fühlen sich viele berufen, einen programmatischen Beitrag zu leisten; nicht immer zur Freude der Wissenschafts- und Bibliothekscommunity.

So veröffentlicht das so genannte «Taiga Forum», eine Gruppe von bibliothekarischen Nachwuchsmanagern von US-amerikanischen Universitätsbibliotheken, seit dem Jahr 2006 in unregelmässigen Abständen «provocative statements», die auf plakative Weise einen Blick in die vermeintliche Zukunft der akademischen Informationsversorgung werfen. In dieser Zukunft ist jede Information an jedem Ort, zu jedem Zeitpunkt in digitaler Form abrufbar und auch die Rezeption dieser Information findet nur noch in elektronischer Form statt. Weitere - provokante - Aussagen sind dann beispielsweise,

  • dass gedruckte Bücher im akademischen Umfeld in absehbarer Zeit nur noch dekorativen Nutzen haben werden,
  • dass Bibliotheken keinen systematischen Bestandsaufbau mehr betreiben werden,
  • dass Bibliotheksmedien nur noch in elektronischer Form angeboten werden,
  • dass sich Bibliotheken auf so genannte Boutique-Dienstleistungen fokussieren werden,
  • oder dass Bibliotheksgebäude nicht mehr für die Unterbringung von Beständen, sondern nur noch als Kommunikationszentren für Studierende verwendet werden.

Zusammen mit anderen Szenarien für die Zukunft von Bibliotheken lässt sich diese also nach Vorstellung der Auguren plakativ mit folgender Aussage umschreiben: Alle wissenschaftlich relevanten Information liegen zukünftig in elektronischer Form vor und werden mittels unterschiedlichsten elektronischen Geräten genutzt, physische Bestände existieren nicht mehr. Die «Bibliothek als Ort» dient nun primär der (studentischen) Kommunikation und dem studentischen Lernen. Die Bibliothek ist weitgehend in den Forschungsprozess integriert und liefert hierfür einen messbaren Mehrwert.

Nun stellt sich die Frage, ob diese und noch viele weitere technik-getriebene Szenarien in absehbarer Zeit Realität werden, oder ob es sich nicht doch um Hirngespinste handelt. Beispielsweise ist man beim Auftauchen der elektronischen Bücher auch von einem Ersatz der klassischen gedruckten Variante ausgegangen. Mittlerweile sprechen die Propheten nur noch von einer Ergänzung, also von einem wie auch immer gearteten Nebeneinander. Vergleichbares dürfte auch für die wissenschaftliche Bibliothek der Zukunft gelten:

  • Der Siegeszug der elektronischen Medien wird sich weiter fortsetzen; nach den wissenschaftlichen Zeitschriften folgen jetzt in grossem Umfang wissenschaftliche Bücher.
  • Lehrbücher für Studierende werden noch auf längere Zeit vorwiegend in gedruckter Form vorliegen, da die Verlage Umsatzeinbussen befürchten.
  • Die unterschiedlichen, in Printform existierenden Bibliotheksbestände werden auch weiterhin eine wichtige Rolle bei der Informationsversorgung spielen. Eine komplette Digitalisierung ist nicht absehbar. Elektronische und klassische Bibliotheksbestände werden sich also ergänzen.
  • Die «Bibliothek als Ort» behält für die Studierenden ihre überragende Bedeutung als Platz des Lernens und der Kommunikation.
  • Wissenschaftliche Bibliotheken werden sich deutlich enger mit den Forschungsaktivitäten verzahnen (Langfristige Sicherung von Forschungsdaten; virtuelle Forschungsumgebungen; etc.).
  • Natur- und/oder wissenschaftshistorische Sammlungen werden verstärkt im Kontext von Bibliotheken und Archiven diskutiert.
  • Bibliotheken, Sammlungen und Archive bilden das unverzichtbare Gedächtnis einer jeden Wissenschaftsinstitution.

Eingangs habe ich die Frage gestellt: Brauchen die Wissenschaften Bibliotheken? Die Antwort ist einfach: Ja! Warum? Jeder wissenschaftliche Erkenntnisprozess ist in ganz wesentlichem Masse geprägt von der Notwendigkeit, die für diesen Prozess unabdingbaren Informationen in endlicher Zeit, zu vertretbaren Kosten und unter akzeptablen Rezeptionsbedingungen zu erhalten. Hierfür sind professionelle Strukturen und Prozesse unabdingbar, also eine Organisation wie eine Bibliothek. Wissenschaftliche Bibliotheken haben also auch in Zukunft die besten Chancen, ihre Rolle als zentrale Informationseinrichtungen von Wissenschaftsinstitutionen zu spielen.

Zum Autor

Wolfram Neubauer ist der Direktor der ETH-Bibliothek. Neubauer wurde am 15. September 1950 in Rain/Lech (D) geboren. Er studierte Mineralogie und Chemie an der TU München und Universität München. Seine Doktorarbeit verfasste er in den Jahren 1979 und 1982 über ein geochemisches Thema am Mineralogisch-Petrografischen Institut der Universität München.
Von 1981 bis 1983 absolvierte Neubauer eine postgraduale Ausbildung zum wissenschaftlichen Bibliothekar und war anschliessend für mehrere Jahre als Leiter der Bibliothek eines internationalen Pharmaunternehmens tätig. Bis Ende 1996 war er Leiter der Zentralbibliothek des Forschungszentrums Jülich, einer der grossen nationalen Forschungseinrichtungen Deutschlands. Seit dem 1. Januar 1997 ist er der Direktor der ETH-Bibliothek. Nebenberuflich ist er in verschiedenen Fachgremien tätig (u.a. Mitglied im Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme der DFG, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Museums).

 
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