Veröffentlicht: 28.11.12
Kolumne

Die Leiden und Freuden der Doktoranden

Gillian Grün
Gillian Grün, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei focusTerra, dem erdwissenschaftlichen Forschungs- und Informationszentrum der ETH Zürich. (Bild: Gillian Grün)
Gillian Grün, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei focusTerra, dem erdwissenschaftlichen Forschungs- und Informationszentrum der ETH Zürich. (Bild: Gillian Grün) (Grossbild)

Bevor ich vor knapp fünf Jahren mein Doktoratsstudium begann, war ich – wie alle abschliessenden Studierenden – mit mehreren Entscheidungen konfrontiert: Wollte ich nach dem Diplomstudium in Erdwissenschaften mit einem Doktorat weiterfahren, also den akademischen Weg gehen – oder wollte ich lieber Arbeitserfahrung in der Industrie oder Privatwirtschaft sammeln? Und sollte ich dazu in der Schweiz, nahe meinem sozialen Umfeld bleiben – oder die folgenden Jahre im Ausland verbringen? Aus familiären Gründen war mir relativ schnell klar, dass ich in der Schweiz bleiben wollte. Mein Diplombetreuer bot mir ein spannendes internationales Doktoratsprojekt an, was mir die Entscheidung, in der Wissenschaft und an der ETH Zürich weiterzumachen, leichter machte.

Von der teilzeitarbeitenden Studentin auf Stundenlohn-Basis (max. zehn Stunden pro Woche) «stieg ich nun also auf» zur angestellten wissenschaftlichen Mitarbeiterin. Dass ich für 100 Prozent Arbeitszeit nur 60 Prozent Lohn bekommen sollte, war mir relativ egal – schliesslich interessierte mich das Projekt, und ich konnte weiterhin von studentischen Ermässigungen profitieren. Tatsächlich gefiel mir die Vorstellung, einerseits Teil einer wissenschaftlichen Gruppe zu sein und die Verantwortung für ein mehrjähriges Forschungsprojekt zu haben, andererseits aber meine Identität als Studentin aufrecht zu erhalten.

Ein kontroverses Thema im akademischen Bereich ist die hohe Arbeitsbelastung von Doktoranden und jungen Wissenschaftlern. Besonders in der deutschen Presse konnte man in den letzten Jahren abschreckende Überschriften lesen wie «Alptraum Promotion: Doktoranden vor der Pleite», «Wie junge Wissenschaftler an den Unis geknechtet werden», «Armut und Ausbeutung?» oder «Die dunkle Seite des Studentenlebens». Doch kämpfen auch wir hier in der Schweiz mit einer solchen Situation?

Tatsächlich scheint die Betreuungs- und Finanzlage für die wissenschaftlichen Bereiche ganz unterschiedlich zu sein. So ist der Lohnansatz eines Doktoranden an den ingenieurwissenschaftlichen Departementen der ETH oft höher angesetzt als jener an den naturwissenschaftlichen Departementen. Dies, weil das Bedürfnis nach Doktorierenden in den ingenieurwissenschaftlichen Bereichen höher ist: Viele abschliessende Ingenieur-Studierende könnten eine gutbezahlte Anstellung in der Industrie finden; wohingegen ein Naturwissenschaftler in der Privatwirtschaft oft mit einem verhältnismässig tieferen Salär auskommen muss. Trotz dieser Unterschiede sind wir uns wohl alle bewusst, dass im internationalen Vergleich ein Doktorierender in der Schweiz sehr gut verdient – was wiederum die jungen Wissenschaftler aus anderen Ländern anzieht.

Ähnlich kann auch die Art und Umsetzung der Betreuung stark variieren. So höre ich von Doktorierenden, die kaum (wissenschaftliche oder administrative) Unterstützung erhalten, die um ihre freien Tage kämpfen müssen oder die kaum zu internationalem Austausch kommen. Ich konnte mich nicht beschweren: Selbständigkeit und Eigenverantwortung waren gefragt; jedoch bekam ich auch die Möglichkeit, an internationalen Konferenzen teilzunehmen und Erfahrungen im Ausland zu sammeln.

Als ich nun vor einem Jahr abschloss, sah ich mich vor ganz ähnliche Entscheidungen gestellt wie vor Beginn meines Doktorats: In welche Richtung treibt es mich nun? Weiter die akademische Karriereleiter hinauf? Ins Ausland? Entschieden habe ich mich für die Schweiz (mein Zuhause) und für einen Bereich zwischen Forschung und Privatwirtschaft, in dem ich mein Wissen anwenden und weitergeben kann.

Rückblickend würde ich mich wieder fürs Doktorat entscheiden. Entgegen manchen kritischen Stimmen, die behaupten, man hätte als Doktorierender «noch nicht richtig gearbeitet», halte ich ein Doktoratsprojekt für einen anspruchsvollen und herausfordernden Job. Es kommt jedoch darauf an, was man daraus macht. So finde ich es wichtig, in verschiedenen Aufgabenbereichen (nicht nur in den wissenschaftlichen) eine gewisse Lernbereitschaft zu zeigen. Bei der Entscheidung für oder gegen ein Doktorat würde ich jedem empfehlen, dabei auf sein Bauchgefühl zu hören und sich die Forschungsgruppe und die Betreuenden genau anzusehen. Neben dem Interesse am Projekt finde ich die zwischenmenschliche Situation in der Gruppe eines der wichtigsten Kriterien. Es kann immer und überall zu Spannungen kommen, welche jedoch in einem fairen Umfeld ohne grössere Konflikte gelöst werden können.

Zur Autorin

Gillian Grün arbeitet seit ihrer Dissertation Ende 2011 als wissenschaftliche Mitarbeitende bei focusTerra, dem erdwissenschaftlichen Forschungs- und Informationszentrum der ETH Zürich. Sie ist für den Betrieb der Dauerausstellung zuständig und plant Sonderausstellungen und Veranstaltungen. Als Deutsche in den USA geboren, ist sie in Zürich aufgewachsen. Ihr Studium der Erdwissenschaften brachte sie für Feldarbeit in die USA und nach Neuseeland. Auch privat reist sie gerne und hat Freude daran, neue Landschaften und Kulturen zu erleben. Ihren Doktortitel hat sie im Bereich der Geochemie erlangt. Dabei hat sie anhand von Computersimulationen die Zirkulation geologischer Wässer in einem untermeerischen Vulkan untersucht. Ihre erdwissenschaftliche Ausbildung und ihr gestalterisches Flair möchte sie nun nutzen, um der Öffentlichkeit in focusTerra das Verständnis für Naturphänomene näher zu bringen.

 
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