Veröffentlicht: 23.11.12
Science

Bis zur Jahrhundertwende ohne Emissionen

Die Schweiz muss ihre CO2-Emissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent senken und bis zum Ende des Jahrhunderts auf nahezu Null reduzieren. Zu diesem Schluss kommt ein neuer Bericht zu den langfristigen Zielen der Klimapolitik, den Wissenschaftler unter Beteiligung der ETH Zürich heute in Bern vorstellten.

Claudia Naegeli
Die Schweiz ist aufgrund ihres hohen Gebirgsanteils stark von der Erderwärmung betroffen. Schmelzende Gletscher und tauender Permafrost ziehen weitere negative Folgen nach sich. (Bild: ETH Zürich / Chr. Theler).
Die Schweiz ist aufgrund ihres hohen Gebirgsanteils stark von der Erderwärmung betroffen. Schmelzende Gletscher und tauender Permafrost ziehen weitere negative Folgen nach sich. (Bild: ETH Zürich / Chr. Theler). (Grossbild)

Nächste Woche treffen sich Politiker und Wissenschaftler aus aller Welt zum UN-Klimagipfel in Katars Hauptstadt Doha, wo sie unter anderem über eine Anschlusslösung für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll diskutieren. Bis 2015 will sich die internationale Staatengemeinschaft auf einen Weltklimavertrag einigen, der 2020 in Kraft treten soll. Doch die Ausgangslage ist schwierig: Obwohl sich alle zum 2-Grad-Ziel bekennen, ist noch immer unklar, wie dieses ehrgeizige Ziel erreicht werden soll und welche konkreten Beiträge die verschiedenen Länder leisten müssen, um ihren Treibhausgas-Ausstoss zu senken. Doch die Zeit drängt. Während sich die Verhandlungen dahinziehen, steigen die Treibhausgasemissionen langfristig um jährlich zwei bis drei Prozent.

Vision Null als letzte Lösung?

Fünf Klimawissenschaftler – darunter drei Professoren der ETH Zürich – haben sich die Frage gestellt, was das globale Klimaziel von einer maximalen Erwärmung um 2 Grad für die Schweiz bedeutet und welche Emissionsreduktionen notwendig sind, um die Klimaerwärmung einzudämmen. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler in einem Bericht zusammengefasst und so für das „Beratende Organ für Fragen der Klimaänderung“ des Bundes (OcCC) eine Grundlage geschaffen, aufgrund derer Handlungsempfehlungen für Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung abgeleitet wurden. Den Gesamtbericht hat das OcCC unter dem Titel „Klimaziele und Emissionsreduktion – Eine Analyse und politische Vision für die Schweiz“ heute in Bern vorgestellt.

Der Bericht macht deutlich, dass der Spielraum für den Klimaschutz immer enger wird. Will man das Schutzziel einer maximalen Erwärmung von 2 Grad Celsius erreichen, steht der Welt nur noch eine begrenzte Menge CO2 zur Verfügung. Für die Schweiz bedeutet das, dass die Emissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent sinken (verglichen mit 1990) und bis zum Ende des Jahrhunderts sogar gegen Null gehen müssen.

Emissionen müssen sinken

Die Vision einer emissionsfreien Schweiz steht im Kontrast zu den momentanen politischen Entwicklungen. Die jährliche Treibhausgasemission liegt deutlich über dem Wert, der eine stabile Erdoberflächentemperatur noch zulassen würde. «Der Zeitplan der internationalen Staatengemeinschaft wird der Dringlichkeit des Klimaschutzes nicht gerecht», sagt Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich und Mitautor des OcCC-Berichts. Dennoch ist für ihn klar, dass kein Weg an einem Umbau der Gesellschaft, weg von den fossilen Energieträgern, vorbeiführt. Selbst wenn man von weniger ehrgeizigen Klimaszenarien ausgehe, müssten gemäss Knutti die CO2-Emissionen früher oder später gegen Null gehen, um die schlimmsten Folgen abzuwenden. Die Frage lautet für Reto Knutti deshalb nicht «Wieviel?», sondern «Wann?».

Lieber heute als morgen ist man versucht zu sagen, wirft man einen Blick in das Kapitel des Berichts, das sich mit den globalen und nationalen Auswirkungen der Klimaänderung auseinandersetzt. Verfasst hat es Andreas Fischlin, Professor für Terrestrische Systemökologie der ETH Zürich. Er betont, dass sich der Klimawandel auf alle unsere Lebensbereiche auswirkt – auch wenn die Zusammenhänge komplex sind und nicht alle Gebiete und Lebewesen in gleichem Masse von der Erwärmung betroffen sind.

Je wärmer, desto schlimmer

So könnte die Schweizer Landwirtschaft vom Klimawandel kurzfristig sogar profitieren. Der Klimaexperte rechnet damit, dass die Ernten in den nächsten 10 bis 30 Jahren tendenziell üppiger ausfallen werden, da es zwar wärmer, aber noch genug feucht sein wird. Längerfristig, d.h. in 40 bis 80 Jahren, werden die Erträge aber zu sinken beginnen – bei einem ungebremsten Klimawandel sogar drastisch. «Wann wir den Punkt erreicht haben werden, an dem die Situation kippt, können wir nicht genau sagen», erklärt Andreas Fischlin. «Fest steht aber, dass die negativen Folgen in ein paar Jahrzehnten die positiven Auswirkungen überwiegen werden», fügt er an.

Die Schweiz ist aufgrund ihres hohen Gebirgsanteils stark von der Erderwärmung betroffen. Schmelzende Gletscher und tauender Permafrost wirken sich nicht nur auf den Wasserhaushalt und die Ökosysteme aus, sondern können auch die Tourismusbranche empfindlich treffen. Nicht zu unterschätzen sind für Andreas Fischlin aber auch die indirekten Auswirkungen des Klimawandels. «Um nur ein Beispiel zu nennen: In einer globalisierten Welt kann es auch für die Schweizer Wirtschaft Folgen haben, wenn Überschwemmungen in China, Thailand oder Indien ganze Fabriken vernichten und dadurch Preise steigen.» Fischlin plädiert neben Klimaschutzmassnahmen auch für Anpassungsstrategien an den bereits unvermeidbar gewordenen Klimawandel. So könnten positive Effekte genutzt und negative wesentlich gemildert werden.

Wirtschaftlich verkraftbar

«Eine griffige Klimapolitik ist politisch nur dann akzeptabel, wenn sie wirtschaftlich verkraftbar ist», sagt Lucas Bretschger, Professor für Ressourcen-Ökonomie an der ETH Zürich. Er liefert im neuen OcCC-Bericht eine Übersicht über die verschiedenen Kosten und Nutzen der Emissionsvermeidung und stellt vier neuere quantitative Arbeiten vor, welche aufzeigen, wie sich die verschiedenen Reduktionsziele ökonomisch auswirken. «Obwohl unterschiedliche Methoden und Modellierungen verwendet werden, zeigen die Studien übereinstimmend, dass die Kosten der Reduktionsziele volkswirtschaftlich relativ gering sind», erklärt Lucas Bretschger. Abhängig vom Zeithorizont bewegen sich die Wohlfahrtseinbussen zwischen 0.36 und 2.5 % des Bruttoinlandproduktes. Das 2-Grad-Ziel einzuhalten, wäre für die Schweiz aus wirtschaftlicher Sicht deshalb vertretbar, ist Lucas Bretschger überzeugt.

Dass im Klimaschutz bislang trotzdem nur bescheidene Erfolge verbucht werden konnten, erklärt sich Lucas Bretschger unter anderem damit, dass Kosten für den Klimaschutz kurzfristig anfallen und ein ökonomischer Nutzen oft nicht direkt absehbar ist. «Viele Wirtschaftsteilnehmer sind ungeduldig, so dass spätere Ereignisse weniger stark gewichtet werden», sagt der Ökonomieprofessor. Auch Knutti und Fischlin sind momentan eher skeptisch, ob sich die ambitionierten Ziele erreichen lassen. Hoffnung setzen sie allerdings auf die technologischen Entwicklungen. «Der Mensch kann zu erstaunlichen Leistungen fähig sein. Wer hätte sich vor hundert Jahren vorstellen können, dass die Welt so aussieht, wie sie heute ist? In den nächsten Jahrzehnten können wir noch viel erreichen. Aber von alleine geht es nicht», sagt Reto Knutti.

Nationalrätin Kathy Riklin beschreibt heute im ETH-Klimablog, welche politischen Empfehlungen das OcCC abgibt. Nächsten Dienstag und Donnerstag bloggen Prof. Reto Knutti und Prof. Lucas Bretschger zu den wissenschaftlichen Grundlagen des Berichts. Prof. Andreas Fischlin nimmt als Wissenschaftsvertreter in der Schweizer Delegation an den Klimaverhandlungen in Doha teil.

 
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