Veröffentlicht: 17.11.12
Campus

Zentrale Werte für gute Lehre

Vertrauen, Engagement und Kreativität: Diese drei Werte stellte Rektor Lino Guzzella ins Zentrum seiner Rede zum ETH-Tag. Ständerat Felix Gutzwiller redete derweil der Politik ins Gewissen. Schliesslich konnten zwei Wissenschaftler die Ehrendoktorwürde der ETH entgegennehmen.

Roman Klingler
Einmald mehr lieferte das Akademische Orchester unter Leitung von Johannes Schlaefli den festlich-musikalischen Rahmen für den ETH-Tag - diesmal mit Balleteinlagen. (Bild: ETH Zürich/Giulia Marthaler)
Einmald mehr lieferte das Akademische Orchester unter Leitung von Johannes Schlaefli den festlich-musikalischen Rahmen für den ETH-Tag - diesmal mit Balleteinlagen. (Bild: ETH Zürich/Giulia Marthaler) (Grossbild)

Zum ersten Mal in seiner Funktion als Rektor der ETH Zürich begrüsste Lino Guzzella rund 500 geladene Gäste zum diesjährigen ETH-Tag. Mit Blick auf seine ersten 100 Tage im Amt meinte der neue Rektor, es würden zwar hohe Erwartungen an ihn herangetragen, aber er sei anderseits sehr erfreut über die Offenheit, die er in der Wirtschaft und in der Politik für die Anliegen der ETH antreffe. Ins Zentrum seiner Rede stellte der ETH-Rektor Gedanken über Grundlagen, Werte und Rahmenbedingungen, die gute Lehre erst möglich machen.

Kritisches Denken schulen

Die Leistungen einer Hochschule auf eine einzige Zahl zu reduzieren, sei vielleicht medienwirksam, gebe aber nie die ganze Wahrheit wieder. Akademische Spitzenleistungen entstünden auf dem Boden von Autonomie und einer Ermöglichungskultur, wie sie an der ETH hochgehalten werde. Es brauche dazu ein langfristiges Engagement aller Beteiligten ebenso wie die Freude an der eigenen Leistung und den Respekt vor den Resultaten anderer.

«Wir sind gut im Vermitteln von Fakten- und Methodenwissen», so Lino Guzzella, und die Studierenden würden hervorragend in den mathematisch und naturwissenschaftlichen Grundlagen ausgebildet. Manchmal frage er sich allerdings, «ob wir auch genügend Wert auf die Schulung des kritischen Denkens legen.» Wie könne man diese Thematik in den bereits vollen Lehrplan integrieren? Im Dialog mit den Dozierenden und Studierenden wolle er in den nächsten Jahren auch diese Frage angehen.

Neue Medien ersetzen Dialog nicht

Für Lino Guzzella sind drei Werte zentral für die Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden: Vertrauen, Engagement und Kreativität. Gute Lehre könne dann entstehen, wenn alle Beteiligten die Möglichkeit hätten, selbständig und eigenverantwortlich zu handeln. Nebst Vertrauen braucht es auch Kreativität, um neue Antworten auf neue Problemstellungen in der Lehre zu finden.

Als Beispiel nannte Lino Guzzella, der selbst noch einen Tag in der Woche seine Vorlesung hält, die neue EduApp für Smartphones, die er zurzeit mit seinen Studierenden im Unterricht testet. Auch wenn heute leistungsfähigere ICT-Systeme neue Möglichkeiten eröffneten in der Lehre, so sei der unmittelbare Dialog zwischen Lernenden und Lehrenden durch nichts zu ersetzen.

Alles für den magischen Moment

Schliesslich lebt gute Lehre vom Engagement der Dozierenden, die ihre Begeisterung auf die Studierenden zu übertragen wissen. Engagement äussere sich zum Beispiel darin, dass auch unter dem zeitlichen Druck dringender Arbeiten die Vorbereitung auf die nächste Lektion nicht vernachlässig werde, so Guzzella.

Wozu all dieser Aufwand, fragte Lino Guzzella rhetorisch, um gleich seine ganz persönliche Antwort zu geben. «Wir Dozierende können in den Köpfen unserer Studierenden etwas vom schönsten erzeugen, was der menschliche Geist erfahren kann: den Moment des Verstehens.» Um diesen magischen Moment gehe es letztendlich und er möchte mithelfen, dass diese kleinen Wunder an der ETH in möglichst vielen Köpfen möglichst oft stattfänden.

Partnerschaft erneuern

Der Zürcher Ständerat und diesjährige Festredner Felix Gutzwiller sprach über die Partnerschaft zwischen Wissenschaft und Politik, die schon bei der Gründung der ETH Mitte des 19. Jahrhunderts bestand und die ständig erneuert werden müsse, wenn sich die Schweiz als wissensbasiertes Land weiterentwickeln wolle. Keine Bundesparlamentarierin und kein Bundesparlamentarier würden wohl die Bedeutung von Bildung und Forschung für die Schweiz bestreiten. Aber, so Gutzwiller, «die politischen Sonntagsreden, wonach die Investitionen in unseren Wissensstandort von grösster Bedeutung seien, bleiben in der Realität leider oft Lippenbekenntnisse».

Zwar gehöre der Bildungs- und Forschungsbereich mit einem jährlichen Wachstum der Bundesmittel um 3,7% in den nächsten vier Jahren zu den wenigen privilegierten Sektoren mit steigenden Investitionen. Wenn man diese Zahlen aber mit der letzten BFI-Botschaft vergleiche, wo das Parlament noch ein Mittelwachstum von durchschnittlich 6% pro Jahr bewilligte, stelle man fest, dass sich der Enthusiasmus der Politik etwas gelegt habe. Der Budgetrahmen der BFI-Botschaft garantiere zudem nicht, dass die entsprechenden Gelder auch wirklich gesprochen würden. Gerade im ETH-Bereich müsse mit Blick auf die letzte Förderperiode denn auch von einem Quasi-Stagnationsbudget gesprochen werden, so Gutzwiller.

Müsterchen aus der Gesundheitsforschung

Einen Einblick in aktuelle Forschung lieferten zwei junge Wissenschaftlerinnen und ein Wissenschaftler aus dem Departement Gesundheitswissenschaften und Technologie (D-HEST). Während Doktorandin Katharina Gapp an den epigenetischen Ursachen von psychiatrischen Krankheiten forscht, befasst sich die Postdoktorandin Florentine Hilty mit der Frage, wie durch Nanopartikel der Eisenmangel, an dem weltweit rund eine Milliarde Menschen leiden, entschärft werden kann. Kaspar Leueneberger schliesslich sucht in seiner Doktorarbeit nach Wegen, mit Hilfe von Sensortechnik die Aktivitäten von Schlaganfallpatienten zu messen und für eine gezieltere Therapie zu nutzen.

Auf dem Weg zum AVETH 2.0

Auch zur Tradition des ETH-Tages gehört, dass ein Standesvertreter zur Worte kommt. Diesmal war der AVETH an der Reihe, der die Interessen des akademischen Mittelbaus vertritt. Dessen Präsident, Julian Cancino, unterstrich, wie wichtig es sei, dass der Verband in allen Departementen seine Ableger habe, um sich effektiver für die Interessen der Doktoranden und Postdocs an der ETH einzusetzen. Dieses Etappenziel hoffe man bald zu erreichen. Zu einer besseren Vernetzung gehöre ebenso, dass der AVETH seine Kontakte zu den Mittelbau-Vereinen an der EPFL und der Uni Zürich intensiviere.

Hofastronom und Raketen-Experte

Schliesslich erhielten zwei ausserordentliche Wissenschaftler die Ehrendoktorwürde der ETH Zürich. Der Astrophysiker und Professor Martin J. Rees wurde für seine Erklärungen kosmischer Phänomene ausgezeichnet. Lord Martin Rees, der Präsident der Royal Society war und seit 1995 als Hofastronom der britischen Queen fungiert, ist einer der Begründer des „Dunkle Materie Modells“, wonach es die Ansammlung von Dunkler Materie zu Beginn des Universums war, welche die Galaxien entstehen liess.

Die zweite Ehrendoktorwürde vergab die ETH Zürich an Professor Hans G. Hornung für seine herausragenden Forschungsbeiträge zur Gasdynamik von Hochgeschwindigkeitsströmungen. Überschallströmungen treten insbesondere auf, wenn Raumfahrzeuge starten und landen. Hans Hornung leitete von 1987 bis 2003 die Graduate Aeronautical Laboratories am Caltech in Pasadena, eine der weltweit einflussreichsten Forschungs- und Ausbildungsstätten im Bereich der Luft- und Raumfahrt.

ETH-Tag 2012 – Preise und Ehrungen

Für zwölf herausragende Doktor- und Masterarbeiten gab es am ETH-Tag Industrie- und Stiftungspreise. Professorin Olga Sorkine erhielt den mit 25‘000 Franken dotierten Latsis-Preis der ETH Zürich, den bedeutendsten Preis für ETH-Nachwuchsforschende. Der Verband der Studierenden an der ETH Zürich (VSETH) verlieh zudem je einem Dozenten pro Departement die Goldene Eule für besonders engagierte und exzellente Lehre. Unter diesen Ausgezeichneten wurde schliesslich auch der Gewinner des „Credit Suisse Award For Best Teaching“ ausgemacht. Der Preis ging an Professor Urs Boutellier vom Departement Gesundheitswissenschaften und Technologie.

 
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