Veröffentlicht: 14.11.12
Kolumne

Mehr freien Raum, bitte

Sebastian Grandis
Sebastian Grandis, Physikstudent an der ETH Zürich. (Bild: Sonja Mulitze)
Sebastian Grandis, Physikstudent an der ETH Zürich. (Bild: Sonja Mulitze) (Grossbild)

Ab dem kommenden Jahr wird das Gastronomieangebot auf dem Hönggerberg ausgebaut. Dabei werden die Chemie- und die Physik-Mensa (HCI- und HPR-Gebäude) umgebaut. In der Übergangszeit steht den Studierenden und ETH-Angehörigen 2013 und 2014 eine Übergangs-Mensa im Hexagon (HPH-Gebäude) zur Verfügung. 2013. Einerseits bin ich gespannt, wie das Mittagessen in den neuen Mensen schmecken wird. Zudem sollen Studierende in dieser neuen Mensa auch lernen dürfen. Das finde ich grundsätzlich gut, dass die ETH beim Gastronomieumbau die Studierenden-Anliegen berücksichtigt hat.

Schade finde ich andererseits, dass der schöne Eingangsraum in Grundgeschoss des HPH, wo sich die Physikhörsäle befinden, für zwei Jahre als Mensa zwischengenutzt werden muss. Damit wird einer der suggestivsten Räume nicht mehr leer sein und seine ganze Wirkungskraft als Raum einbüssen.

Ich weiss noch genau, wie jener Raum mich zum ersten Mal beeindruckt hat. Als Erstsemestriger, dem schon die Konzeption der Science City neu war, ging ich durch die zwei gläsernen Schiebetüren, über denen die unscheinbaren Lettern «HPH» standen.

Ich betrat dann nach der zweiten Tür den besagten Raum - und war begeistert: Die sechseckige Granitpflasterung bannte meinen Blick ebenso wie die sechseckige Deckenstruktur aus der periodisch prismatische Lampen hinunterlugten und die beiden flachen Treppen am anderen Ende des Raumes. Dazwischen bemerkte ich diese sonderbare Skulptur. Ein Würfel, der auf einer Ecke aufgestellt und mit unverständlichen, halb ausserirdischen, halb maschinellen Mustern beschrieben ist. Suggestiv angeleuchtet wird er durch die einfallenden Strahlen der morgendlichen Sonne. Umwerfend!

Schade, dass dieser ausserordentliche Eindruck in den nächsten beiden Jahren nicht mehr möglich ist. Ebenfalls schade ist, dass das zentrale Atrium des Hauptgebäudes für ständig wechselnde Ausstellungen genutzt wird. Fast ununterbrochen ist dieser Raum gefüllt mit zwar durchaus sehenswerten Gegenständen. Dabei hat man leider viel zu selten die Möglichkeit, einfach einmal durch diesen Raum zu schreiten, den Kopf in den Nacken zu legen und sich von dem Anblick der blumendekorierten Decke über den vier säulenbestückten Stöcken entzücken zu lassen. Ich jedenfalls staune jedes Mal, wie erfüllend dieser Raum auf mich wirkt.

Diese Wirkung ist aber kein Gefühl der Freiheit so wie man es beim Anblick einer weiten Landschaft, des Meeres oder des Horizontes erfährt. Dazu sind Räume als Teile von Gebäuden viel zu sehr eingegrenzt und in ihrer Ausdehnung beschränkt. Das Gefühl der Freiheit rührt meines Erachtens jedoch aus der Erfahrung der Unendlichkeit. Die mit Gebäuden notwendig einhergehende Einschränkung des Raumes hingegen limitiert die Unendlichkeit und unterdrückt das Gefühl von Freiheit. So gross ein Saal auch sein mag, ich kann mich darin aufgrund seiner Beschränktheit nicht frei fühlen.

Unverstellter architektonischer Raum beeindruckt vielmehr, da er zeigt, dass der Besitzer des Gebäudes diesen Raum nicht zwingend nutzen muss. Er hat die Möglichkeit, den Raum leer zu lassen. Das macht deutlich, dass er aus einer Fülle von Möglichkeiten, diejenige auswählen kann, die passt. Gerade für uns Studierende sind solche Leerräume eminent wichtig. Wir brauchen unverstellte Räume, um sie mit eigenen Gedanken zu füllen, und weil sie unser Lernen beflügeln.

Deshalb plädiere ich dafür, in der ETH mehr Räume frei zu lassen. Angefangen mit jenen, die sich unmittelbar jedem Besucher präsentieren: Dazu gehören das Zentralatrium des Hauptgebäudes und das Grundgeschoss des HPH. Deshalb sage ich: Mehr freier Raum!

Zum Autor

Sebastian Grandis kam am 4. Mai 1994 in Rom zur Welt. In der Hauptstadt Italiens verbrachte er auch seine frühe Kindheit und besuchte dort bis zum achten Schuljahr die deutsche Schule. Mit seiner Mutter zog er 2007 in die Schweiz. Seine Schulzeit schloss er 2011 am Mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium Rämibühl in Zürich ab. Seit September 2011 studiert Grandis Physik an der ETH: «Eine akademische Stelle in theoretischer Physik wäre mein absoluter Traumjob», sagt der Student im Hinblick auf seine Laufbahnziele. Neben dem Studium engagiert er sich auch als Redaktor bei «vamP», der Zeitschrift des Vereins der Mathematik- und Physikstudierenden an der ETH Zürich. Sonst widmet er seine Freizeit seinem Hobby Wasserball – und zwar in verschiedenen Funktionen als Jugendtrainer, als Spieler und als Schiedsrichter.

 
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