Veröffentlicht: 08.11.12
Campus

USA – ein Forschungseldorado?

Barack Obama wird Amerika weitere vier Jahre regieren. Inwiefern prägt die Politik auch den Alltag an US-Hochschulen und was unterscheidet die dortige Forschungslandschaft von der europäischen? Ein Gespräch mit drei Forschenden, die kürzlich aus den USA an die ETH berufen wurden.

Samuel Schaefli
Ein Forschungsaufenthalt an einer der US-Spitzenhochschulen wie dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) gilt als Qualitätssiegel für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Europa. (Bild: MIT News)
Ein Forschungsaufenthalt an einer der US-Spitzenhochschulen wie dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) gilt als Qualitätssiegel für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Europa. (Bild: MIT News) (Grossbild)

Kein Land ist bei europäischen Jungakademikern beliebter als die USA. Das hängt stark mit Namen wie Harvard, Stanford, MIT, Berkeley und Yale zusammen, die internationale Hochschulrankings seit Jahren anführen. Wer einen solchen Namen im Curriculum trägt, verbessert seine Chancen auf eine akademische Laufbahn. Kevin Schawinski zum Beispiel war vier Jahre an der Yale University in Connecticut, bevor er dieses Jahr zum Assistenzprofessor für Astrophysik an die ETH Zürich berufen wurde. Auf seine Zeit in den USA angesprochen, schwärmt er von der dortigen «Can-Do-Attitude». «In den USA ist es OK, wenn man grosse Ideen hat und damit auch mal scheitert.» Ähnlich äussert sich Jennifer Rupp. Sie war als Senior Scientist am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston und kam kürzlich als Assistenzprofessorin für Elektrochemische Materialien an die ETH. Das Unternehmertum sei in den USA kulturell stärker verankert als in Europa. Wer in den USA eine neue und kreative Forschungsidee habe, finde meist auch die Finanzierung dafür. Der einzigartige «Spirit», die Toleranz untereinander, die Dichte an hervorragenden Forschern und die internationale Zusammensetzung der Teams waren für Rupp weitere Highlights am MIT.

Der Kongress sagt wo's lang geht

Kevin Schawinski hat während seiner Zeit in den USA jedoch auch Schattenseiten des amerikanischen Forschungssystems kennengelernt, darunter dessen starke Abhängigkeit von politischen Schwerpunkten der jeweiligen Regierung. «Je nach Kräfteverhältnis im Kongress ändern sich die Prioritäten schnell und als Forscher muss man ständig auf der Hut sein und sich der neuen Situation anpassen.» Die Präsidentschaftswahl vom Mittwoch habe jedoch nur einen beschränkten Einfluss auf den Forschungsalltag seiner Kollegen vor Ort, glaubt Schawinski. Wichtiger sei die Verteilung der Sitze im Senat und Repräsentantenhaus, weil dort die Budgets für Forschung gesprochen werden.

Sebastian Rausch, seit kurzem Tenure-Track-Assistenzprofessor für Ökonomie/Energiewirtschaft an der ETH, hat hingegen selbst erlebt, dass ein neuer Präsident je nach Forschungsgebiet durchaus einen Unterschied machen kann. Als Postdoc und später als Direktor des «U.S. Energy and Environmental Modeling Project» hat er vier Jahre im Bereich Energieökonomik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) geforscht. Mit Barack Obama habe die Klima- und Energiepolitik zumindest zu Anfang seiner Amtszeit neuen Schub erhalten, sagt er. Das zeigte sich unter anderem in Stimuluspaketen für die Energie- und Klimaforschung. Rausch gibt zu bedenken: «Kurz zuvor hatten Teile der Vorgängerregierung unter Präsident Bush noch darüber debattiert, ob es den anthropogenen Klimawandel überhaupt gibt.»

Doch ähnlich wie Schawinski glaubt auch Rausch, dass nicht die Präsidentschaftswahl die Zukunft der US-Forschungslandschaft definiert. Wichtiger sei eine Einigung über das Haushaltsbudget von Demokraten und Republikanern im Kongress. Wenn sich die Parteien bis Ende Jahr nicht auf ein Budget einigen können und es zum «Fiscal Cliff» kommt, also einer Pattsituation, die einen gesetzlich festgeschriebenen Kahlschlag bei den Staatsausgaben auslösen würde, hätte dies drastische Konsequenzen für die Forschungsfinanzierung, befürchtet Rausch. Vor allem für die staatlichen Universitäten ohne finanzkräftige Donatoren im Hintergrund.

Asien wird interessanter

Rupp, Rausch und Schawinski sind sich einig, dass einige Jahre Erfahrung an einer ausländischen Universität für den akademischen Lebenslauf nach wie vor wichtig sind; speziell, um Kontakte aufzubauen. Doch anders als früher, gebe es heute auch im europäischen Raum gute Alternativen zu den amerikanischen Eliteuniversitäten – selbst wenn letztere bis heute die Hochschulrankings dominieren. «Ausschlaggebend ist vor allem, wo die interessantesten Forscher innerhalb des eigenen Fachgebiets sitzen», sagt Schawinski. «Darüber gibt kein Ranking Auskunft.» Das sieht Jennifer Rupp ähnlich. Sie hat vor ihrem Aufenthalt in Boston mehrere Monate in Japan geforscht und ist nach wie vor Gastprofessorin an der Kyushu University. «In meinem Forschungsgebiet im Spannungsfeld zwischen Energieumwandlung und neuer Speicherelektronik tut sich in Asien derzeit enorm viel», sagt sie und rät Jungakademikern: «Am besten sammelt man Erfahrungen sowohl in den USA als auch in Asien.»

Und weshalb sind Rupp, Rausch und Schawinski trotz bereichernden Erfahrungen in Asien und den USA schliesslich nach Europa zurückgekehrt? Der ausgezeichnete internationale Ruf der ETH, eine solide Finanzierung und eine hohe Dichte an exzellenten Forschenden in Europa, nennen sie als Gründe dafür. Sebastian Rausch führt die zunehmende Rückkehr von Top-Forschern nach Europa zudem auf eine institutionelle Änderung zurück: Das Tenure Track-System, mit dem Jungforschern bereits frühzeitig die Aussicht auf eine permanente Professur eröffent wird. Eine solche besetzen sie in der Regel nach einer fünfjährigen Assistenzprofessur, vorausgesetzt, dass sie sich bewähren. In den USA ist der Tenure Track seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil des Hochschulsystems; in Europa kam er erst in den vergangenen Jahren auf.

 
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