Veröffentlicht: 08.11.12
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Günther Vogt – ein Künstler der Freiraumgestaltung

Als erster Landschaftsarchitekt überhaupt hat Günter Vogt den Prix Meret Oppenheim erhalten. Mit dem Preis würdigt das Bundesamt für Kultur (BAK) den ETH-Professor für seine fruchtbare Zusammenführung von Landschaftsarchitektur, Städtebau und Kunst. Die Preisverleihung fand gestern Abend in Zürich statt.

Florian Meyer
Als erster Landschaftsarchitekt überhaupt hat ETH-Professor Günther Vogt den Prix Meret Oppenheim gewonnen. (Bild: Giuseppe Micciché)
Als erster Landschaftsarchitekt überhaupt hat ETH-Professor Günther Vogt den Prix Meret Oppenheim gewonnen. (Bild: Giuseppe Micciché) (Grossbild)

Der Oppenheimbrunnen steht auf dem Waisenhausplatz in Bern. Er besteht aus einer Betonsäule, an der das Wasser in Spiralen herunterfliesst. In den Wasserrinnen wachsen heute Moose und Gräser. Zudem scheidet sich Kalk aus dem Wasser und bildet Tuffsteinbrocken. Dieses Zusammenspiel von Natur und Kunst, das die Erscheinung des Brunnens mit der Zeit verändert, ist beabsichtigt. Das war Teil des Konzepts der deutsch-schweizerischen Künstlerin Meret Oppenheim (1913-1985).

Eingeweiht wurde der Brunnen 1983. Damals löste die in der Altstadt aufgestellte Betonsäule heftige Reaktionen aus und erzeugte auch Widerstand. Selbst ein Abriss stand zur Diskussion. In dieser Situation fasste ein junger Landschaftsarchitekt, der damals im Büro des bekannten Schweizer Landschaftsarchitekten Dieter Kienast (1945-1998) arbeitete, einen Auftrag. Er sollte ein Gutachten über Sinn und Notwendigkeit des Oppenheimbrunnens verfassen. Dieser Landschaftsarchitekt war Günther Vogt, und er erledigte seine Aufgabe so gut, dass der Brunnen nicht abtransportiert wurde. Im Gegenteil: Heute zeigen Tourismus-Websites den Brunnen, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt Bern zu bewerben.

Für visionäre Projekte in Weltstädten ausgezeichnet

30 Jahre später ist Günther Vogt selbst eine international respektierte Koryphäe auf dem Gebiet der Landschaftsarchitektur und des Städtebaus. Einen Namen hat sich Vogt nicht zuletzt deshalb gemacht, weil die Kunst in seiner Art der Freiraumgestaltung eine prominente Rolle einnimmt. Im dänischen Ebeltoft beispielsweise hat er mit dem Künstler Olafur Eliasson zusammengearbeitet, um eine verlorene, ursprüngliche Gletscherlandschaft wiederherzustellen. «Your glacial expectations» heisst das Projekt, bei dem kreisförmige Spiegelelemente den blauen Himmel reflektieren. Auf diese Weise wirken die Spiegel wie die runden Tümpel, die entstehen, wenn sich Gletscher zurückziehen.

Am Mittwochabend schlossen sich in Zürich die Kreise: Meret Oppenheim gilt heute nicht nur als eine der einflussreichsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Seit zwölf Jahren ist sie auch die Namensstifterin eines Preises, mit dem das Bundesamt für Kultur (BAK) und die eidgenössische Kulturkommission verdiente Persönlichkeiten aus Kunst, Kunstvermittlung und Architektur ehren. Der Prix Meret Oppenheim zeichnet Architektur- und Kunstschaffende über 40 aus, die mit ihrem Werk etwas beim Publikum auslösen und in ihrem Fach verändern. 2012 hat mit Günther Vogt, ETH-Professor am Departement Architektur, erstmals ein Landschaftsarchitekt diese Auszeichnung erhalten.

Vogt erhalte den Prix Meret Oppenheim 2012 für seine herausragende Leistungen in der Landschaftsarchitektur und im Städtebau, aber auch für seine intensive und wechselseitig befruchtende Zusammenarbeit mit Architektur- und Kunstschaffenden, hiess es am Mittwochabend bei der Preisverleihung. Mit seinen Teams in Zürich, London und Berlin schaffe er visionäre Projekte in Weltstädten, die sich angesichts der viel engeren Raumverhältnisse in der Schweiz gar nicht realisieren lassen.

Gigantische Dachgärten

Wie Günther Vogt die enge Situation in der Schweiz erlebt, schildert er in der Begleitpublikation zum «Prix Meret Oppenheim 2012»: «Die Schweiz hat keine Tradition feudaler Gärten oder Parks, überhaupt keine Tradition des Grossen. Es gibt keine grossen Städte, und darum gibt es auch keine grossen Stadtparks.»

In Metropolen stellen sich dem Landschaftsarchitekten viel weitergehende Fragen, die nicht nur das Verhältnis von Vegetation, Freiraum und Bauten betreffen, sondern auch soziale und ökonomische Dimensionen haben. So befasst sich Vogt mit einem Parkprojekt in West-London, bei dem das Dach eines Lagerraums in einen gigantischen Dachgarten umgewandelt wird. In den Entwurf fliessen soziale und ökonomische Prozesse ebenso ein wie Erd- und Vegetationsmanagement.

Einen «kunstsinnigen Handwerker und Naturforscher» nennt Marcel Meili, ETH-Professor für Architektur und Entwurf und Mitglied des ETH-Studios Basel, den Meret Oppenheim-Preisträger 2012. Meili hat mit Vogt in fünf Orten der Schweiz exemplarisch untersucht, welche neuen Möglichkeiten des Entwerfens sich anbieten, damit Landschaftsarchitektur nicht nur die Zwischen- und Resträume gestalten darf, die der Häuser- und Strassenbau übrig lässt. Eine Idee wäre die Wiederbelebung der Allmende.

Quartiere ordnen

Am Mittwoch hielt Marcel Meili, den die Veranstalter der Preisverleihung selber einen Vordenker der Architektur priesen, die Laudatio: «Es hätte keinen besseren Zeitpunkt geben können, um das Schaffen von Günther Vogt zu ehren, denn die Landschaftsarchitektur ist die Disziplin der Stunde», sagte er.

Vogt schaffe es, die natürlichen Eigenschaften eines Ort freizulegen und sinnlich erfahrbar zu gestalten. Die freigelegten Flusssedimente im Novartis Campus Park in Basel zeugen laut Meili von einer stillen Poetik, die aus der Neugierde für die Natur erwächst. In seiner Herangehensweise verbinde sein Interesse für die Naturwissenschaft, seine aussergewöhnliche Pflanzenkenntnisse mit einem Sinn für die Qualitäten des Wassers und den Lebensraum der Tiere, sagte Meili.

Als Städtebauer zeichnet Vogt ein ausgesprochen urbanes Verständnis von Natur und Landschaft aus: Stadtnatur ist eine Voraussetzung für funktionierende öffentliche Räume und Landschaft ein Ergebnis natürlicher, kultureller und gesellschaftlicher Prozesse. In diesem Sinn versteht Vogt Landschaftsarchitektur als Teil von Urbanisierungsprozessen oder wie Marcel Meili es ausdrückt: «Landschaftsarchitektur hat die Aufgabe, Quartiere zu ordnen.»

 
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