«Universitäten müssen etwas für die Gesellschaft tun»
Theuns Eloff, Rektor der North-West-University in Südafrika, besuchte die ETH Zürich. Im Interview erklärte er, wie eine Universität mit drei Standorten und drei Sprachen funktioniert, und warum Südafrika eine Brücke zwischen Entwicklungs- und Industrieländern sein könnte.
Herr
Eloff, das Bild, das wir hier in Europa von Südafrika haben, ist häufig
klischeebeladen. Wie würden Sie das Leben in Südafrika beschreiben?
Wir
haben eine schwierige und konfliktreiche Zeit erlebt. Nach den Verfassungs-Verhandlungen
und den ersten demokratischen Wahlen läuft es seit 2004 hingegen gut. Es
herrscht politische Stabilität und der Staat funktioniert. Vor der weltweiten
Rezession hatten wir in zwei Jahren ein Wirtschaftswachstum von circa fünf
Prozent; im vergangenen Jahr lag es bei 2,8 Prozent. Im Vergleich zu Europa ist das gut, aber für uns noch nicht ausreichend. Südafrika
steht vor vielen Problemen. Die Arbeitslosenquote liegt bei ungefähr 25 Prozent,
und 15 Millionen Menschen von insgesamt 50 Millionen Einwohnern sind von Sozialhilfe
abhängig. Das ist sehr hoch. Wenn die gegenwärtig weltweite Rezession in
vielleicht zwei Jahren überwunden ist, wird das auch eine positive Wirkung auf
Südafrika haben.
Wie sieht die Universitätslandschaft
in Südafrika aus?
Südafrika
hat 23 Universitäten. Sechs sind technische Universitäten, die in etwa den europäischen Fachhochschulen entspricht. Darüber hinaus haben wir sechs Gesamthochschulen und elf traditionelle
Universitäten – darunter auch die North-West-University (NWU).
Die NWU ist 2004 aus dem
Zusammenschluss einer traditionell weissen und einer traditionell schwarzen
Universität hervorgegangen. Wie sieht hier der Alltag aus?
Es
funktioniert sehr gut. Von den acht fusionierten Universitäten in Südafrika
sind wir wahrscheinlich die erfolgreichste. Wir bieten alle Fachrichtungen mit
Ausnahme von Medizin und Veterinärmedizin an. Die Universität umfasst drei
Standorte, die teilweise 300 Kilometer auseinanderliegen. Der Hauptsitz
befindet sich am Potchefstroom-Campus. Die drei Standorte sind administrativ autonom,
haben aber eine gemeinsame Hochschulpolitik. Als Universitätspräsident leite
ich das Präsidialbüro und an jedem der Standorte gibt es einen Campus-Rektor
mit eigenem Managementteam. Im Jahr 2004 haben 200 Hochschullehrer auf dem
Mafikeng-Campus nur eine wissenschaftliche Arbeit publiziert, im vergangenen
Jahr waren es bereits 58 Arbeiten. Das ist noch nicht gut genug, aber es zeigt,
dass der Zusammenschluss ein Erfolg ist.
Wichtige Kennziffern einer
Universität sind die Zahl der Studierenden, der wissenschaftlichen Mitarbeitenden
und ihr Budget. Wie steht hier die NWU im Vergleich da?
32 000
Studierende absolvieren bei uns ein Präsenz- und 30.000 ein Fernstudium. Bei 95
Prozent der Fernstudierenden handelt es sich um Lehrerinnen und Lehrer aus dem
ganzen Land, die sich bei uns einschreiben, um ihre Lehrqualifikationen mit einem Honours Degree oder einem Postgraduiertendiplom zu ergänzen.
Wir
haben 1 100 akademische Mitarbeiter und 2 500 Verwaltungsmitarbeiter sowie 500
Professoren und Seniorprofessoren. Unser jährliches Budget beträgt 2,4
Milliarden Rand (circa 284 Millionen Schweizer Franken). 45 Prozent des Budgets
stammen aus staatlichen Mitteln, 24 Prozent aus Studiengebühren und 31 Prozent generieren
wir über Drittmittel. Wir wissen, dass in Südafrika die Anforderungen an die
Gesundheitsversorgung und Bildung so hoch sind, dass die Hochschulen
wahrscheinlich immer weniger Gelder erhalten werden. Daher arbeiten wir daran,
finanziell unabhängiger zu werden.
Im Vergleich zu Europa scheint, vor
dem Hintergrund der Geschichte Südafrikas, alles einen politischen Kontext zu
haben. Stimmt diese Einschätzung?
Es ist
zunehmend weniger politisch. Der Zusammenschluss liegt hinter uns und wir sind jetzt
eine Universität. Manchmal tauchen zwar Probleme zwischen schwarzen und weissen Südafrikanern
auf, aber es handelt sich dabei mehr um kulturelle als um ethnisch bedingte
Fragen. Doch in Südafrika sind wir gewohnt, mit Fragen nach Gerechtigkeit und
Wandel umzugehen. Wir an der Hochschule streben Exzellenz an und das, was ich als
nachhaltigen Wandel bezeichnen würde. Nur aus Gründen der Gerechtigkeit würde man beispielsweise nicht einfach unerfahrene schwarze Mitarbeitende einstellen und alle erfahrenen weissen entlassen. An der NWU sind 40 Prozent der Mitarbeiter schwarz, aber auf dem
Potchefstroom-Campus sind es nur neun Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter.
Das ist eine Herausforderung, an der wir arbeiten müssen.
Die
südafrikanische Gesellschaft ist vielsprachig. Auf dem Campus gibt es drei
offizielle Sprachen. Wie setzen Sie das in der Lehre um?
In
Südafrika gibt es 11 Amtssprachen. Aus diesem Grund ist die NWU eine mehrsprachige
Universität. Auf dem Potchefstroom-Campus wird in Afrikaans unterrichtet. Weil
viele schwarze Südafrikaner kein Afrikaans sprechen, übersetzen wir den
Unterricht live. Studenten, die sich zum Beispiel in einen Ingenieursstudiengang
eingeschrieben haben und kein Afrikaans sprechen, können Kopfhörer aufsetzen
und dann der Vorlesung auf Englisch folgen. Zur Zeit übersetzen wir rund 30
Prozent der Module. Auf dem Mafikeng-Campus wird in Englisch gelehrt, aber die
Zweitsprache ist Setswana – eine der lokalen afrikanischen Sprachen. Dies ist
ein gutes Beispiel, wie wir die Politik aussen vor lassen. Die meisten
traditionellen Universitäten in Südafrika haben ganz auf Englisch umgestellt,
was zu politischen Problemen geführt hat, da sich die Afrikaans sprechenden
Studierenden von den Universitäten diskriminiert fühlen.
Warum ist die ETH Zürich für Sie
interessant?
Die
ETH ist die beste Universität in Kontinentaleuropa und steht insgesamt an
vierter Stelle in Europa, zählt man die englischen Universitäten dazu. Während
der vergangenen sieben Jahre haben wir uns ganz auf die Fusion konzentriert.
Seit dem vergangenen Jahr versuchen wir, die Universität internationaler
auszurichten. Glücklicherweise haben wir die Phase, in der das einzige Anzeichen
für die Internationalisierung die Zahl der unterzeichneten Absichtserklärungen
war, übersprungen – das ist nicht unser Ziel. Gegenwärtig suchen wir nach
einigen wenigen guten Universitäten, die bereit sind, mit uns auf bestimmten
Gebieten zusammenzuarbeiten.
An welche Fächer denken Sie
dabei?
Wir
haben uns auf die Gebiete Ernährung, Energiesysteme, Physik und
Sprachtechnologie spezialisiert. Durch die Fusion haben wir in gewisser Weise
Industrieländer und Entwicklungsländer vereint. Wir könnten für die
Entwicklungsländer zu einer Schnittstelle werden. Genau das können wir der ETH
Zürich anbieten, wenn sie mit uns an der Lösung bestimmter Probleme in afrikanischen
Entwicklungsländern zusammenarbeiten würde. Wir werden jetzt schauen, ob wir
Wissenschaftler zusammenbringen können. Die gegenseitige Wertschätzung der
beiden Universitätspräsidenten allein reicht nicht aus.
Technologietransfer und
Unternehmertum sind wichtig. Wie fördert die NWU beides?
Im
vergangenen Jahr hat die ETH 20 Spin-off-Unternehmen gegründet – das ist enorm.
In den vergangenen Jahren gab es bei uns circa 16 Patentfamilien und acht
Spin-off-Unternehmen, wir haben also auch damit begonnen. Es ist wichtig, dass
wir erkennen, dass unser Fachwissen in der Lehre und der Forschung auf zwei
Wegen in die Gesellschaft gelangen muss. Zunächst durch das Engagement zur
Entwicklung der Gesellschaft und zweitens, durch Kommerzialisierung sowie Patente. Der
Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der Lehre/Lernen, der Forschung und dem,
was wir „Umsetzung von Fachwissen“ nennen. Ich bin der Meinung, dass Universitäten verpflichtet sind, etwas für die Gesellschaft zu tun. Sie dürfen nicht ein
Elfenbeinturm des Wissens sein.
Über Theuns Eloff
Theuns
Eloff wurde 1955 geboren. Er studierte Jura und Theologie an der Universität in
Potchefstroom. Heute ist er Rektor und CEO der North-West-University. Als
Vorstandsmitglied des Consultative Business Movement (CBM) war er am
Friedensprozess in Südafrika beteiligt, der 1991 zur Unterzeichnung des National
Peace Accords führte.
1995
erhielt er vom Junior Chamber International die Auszeichnung „Ten Outstanding
Young Persons of the World“. 1996 zeichnete ihn das WEF als einen der 100
„Global Leaders for Tomorrow“ aus.
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