Veröffentlicht: 02.02.12
Campus

«Universitäten müssen etwas für die Gesellschaft tun»

Theuns Eloff, Rektor der North-West-University in Südafrika, besuchte die ETH Zürich. Im Interview erklärte er, wie eine Universität mit drei Standorten und drei Sprachen funktioniert, und warum Südafrika eine Brücke zwischen Entwicklungs- und Industrieländern sein könnte.

Thomas Langholz
Theuns Eloff, Rektor und CEO der North-West-Universität in Südafrika. (Bild: NWU)
Theuns Eloff, Rektor und CEO der North-West-Universität in Südafrika. (Bild: NWU) (Galerie)

Herr Eloff, das Bild, das wir hier in Europa von Südafrika haben, ist häufig klischeebeladen. Wie würden Sie das Leben in Südafrika beschreiben?
Wir haben eine schwierige und konfliktreiche Zeit erlebt. Nach den Verfassungs-Verhandlungen und den ersten demokratischen Wahlen läuft es seit 2004 hingegen gut. Es herrscht politische Stabilität und der Staat funktioniert. Vor der weltweiten Rezession hatten wir in zwei Jahren ein Wirtschaftswachstum von circa fünf Prozent; im vergangenen Jahr lag es bei 2,8 Prozent. Im Vergleich zu Europa ist das gut, aber für uns noch nicht ausreichend. Südafrika steht vor vielen Problemen. Die Arbeitslosenquote liegt bei ungefähr 25 Prozent, und 15 Millionen Menschen von insgesamt 50 Millionen Einwohnern sind von Sozialhilfe abhängig. Das ist sehr hoch. Wenn die gegenwärtig weltweite Rezession in vielleicht zwei Jahren überwunden ist, wird das auch eine positive Wirkung auf Südafrika haben.

Wie sieht die Universitätslandschaft in Südafrika aus?
Südafrika hat 23 Universitäten. Sechs sind technische Universitäten, die in etwa den europäischen Fachhochschulen entspricht. Darüber hinaus haben wir sechs Gesamthochschulen und elf traditionelle Universitäten – darunter auch die North-West-University (NWU).

Die NWU ist 2004 aus dem Zusammenschluss einer traditionell weissen und einer traditionell schwarzen Universität hervorgegangen. Wie sieht hier der Alltag aus?
Es funktioniert sehr gut. Von den acht fusionierten Universitäten in Südafrika sind wir wahrscheinlich die erfolgreichste. Wir bieten alle Fachrichtungen mit Ausnahme von Medizin und Veterinärmedizin an. Die Universität umfasst drei Standorte, die teilweise 300 Kilometer auseinanderliegen. Der Hauptsitz befindet sich am Potchefstroom-Campus. Die drei Standorte sind administrativ autonom, haben aber eine gemeinsame Hochschulpolitik. Als Universitätspräsident leite ich das Präsidialbüro und an jedem der Standorte gibt es einen Campus-Rektor mit eigenem Managementteam. Im Jahr 2004 haben 200 Hochschullehrer auf dem Mafikeng-Campus nur eine wissenschaftliche Arbeit publiziert, im vergangenen Jahr waren es bereits 58 Arbeiten. Das ist noch nicht gut genug, aber es zeigt, dass der Zusammenschluss ein Erfolg ist.

Wichtige Kennziffern einer Universität sind die Zahl der Studierenden, der wissenschaftlichen Mitarbeitenden und ihr Budget. Wie steht hier die NWU im Vergleich da?
32 000 Studierende absolvieren bei uns ein Präsenz- und 30.000 ein Fernstudium. Bei 95 Prozent der Fernstudierenden handelt es sich um Lehrerinnen und Lehrer aus dem ganzen Land, die sich bei uns einschreiben, um ihre Lehrqualifikationen mit einem Honours Degree oder einem Postgraduiertendiplom zu ergänzen.
Wir haben 1 100 akademische Mitarbeiter und 2 500 Verwaltungsmitarbeiter sowie 500 Professoren und Seniorprofessoren. Unser jährliches Budget beträgt 2,4 Milliarden Rand (circa 284 Millionen Schweizer Franken). 45 Prozent des Budgets stammen aus staatlichen Mitteln, 24 Prozent aus Studiengebühren und 31 Prozent generieren wir über Drittmittel. Wir wissen, dass in Südafrika die Anforderungen an die Gesundheitsversorgung und Bildung so hoch sind, dass die Hochschulen wahrscheinlich immer weniger Gelder erhalten werden. Daher arbeiten wir daran, finanziell unabhängiger zu werden.

Im Vergleich zu Europa scheint, vor dem Hintergrund der Geschichte Südafrikas, alles einen politischen Kontext zu haben. Stimmt diese Einschätzung?
Es ist zunehmend weniger politisch. Der Zusammenschluss liegt hinter uns und wir sind jetzt eine Universität. Manchmal tauchen zwar Probleme zwischen schwarzen und weissen Südafrikanern auf, aber es handelt sich dabei mehr um kulturelle als um ethnisch bedingte Fragen. Doch in Südafrika sind wir gewohnt, mit Fragen nach Gerechtigkeit und Wandel umzugehen. Wir an der Hochschule streben Exzellenz an und das, was ich als nachhaltigen Wandel bezeichnen würde. Nur aus Gründen der Gerechtigkeit würde man beispielsweise nicht einfach unerfahrene schwarze Mitarbeitende einstellen und alle erfahrenen weissen entlassen. An der NWU sind 40 Prozent der Mitarbeiter schwarz, aber auf dem Potchefstroom-Campus sind es nur neun Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter. Das ist eine Herausforderung, an der wir arbeiten müssen.

Die südafrikanische Gesellschaft ist vielsprachig. Auf dem Campus gibt es drei offizielle Sprachen. Wie setzen Sie das in der Lehre um?
In Südafrika gibt es 11 Amtssprachen. Aus diesem Grund ist die NWU eine mehrsprachige Universität. Auf dem Potchefstroom-Campus wird in Afrikaans unterrichtet. Weil viele schwarze Südafrikaner kein Afrikaans sprechen, übersetzen wir den Unterricht live. Studenten, die sich zum Beispiel in einen Ingenieursstudiengang eingeschrieben haben und kein Afrikaans sprechen, können Kopfhörer aufsetzen und dann der Vorlesung auf Englisch folgen. Zur Zeit übersetzen wir rund 30 Prozent der Module. Auf dem Mafikeng-Campus wird in Englisch gelehrt, aber die Zweitsprache ist Setswana – eine der lokalen afrikanischen Sprachen. Dies ist ein gutes Beispiel, wie wir die Politik aussen vor lassen. Die meisten traditionellen Universitäten in Südafrika haben ganz auf Englisch umgestellt, was zu politischen Problemen geführt hat, da sich die Afrikaans sprechenden Studierenden von den Universitäten diskriminiert fühlen.

Warum ist die ETH Zürich für Sie interessant?
Die ETH ist die beste Universität in Kontinentaleuropa und steht insgesamt an vierter Stelle in Europa, zählt man die englischen Universitäten dazu. Während der vergangenen sieben Jahre haben wir uns ganz auf die Fusion konzentriert. Seit dem vergangenen Jahr versuchen wir, die Universität internationaler auszurichten. Glücklicherweise haben wir die Phase, in der das einzige Anzeichen für die Internationalisierung die Zahl der unterzeichneten Absichtserklärungen war, übersprungen – das ist nicht unser Ziel. Gegenwärtig suchen wir nach einigen wenigen guten Universitäten, die bereit sind, mit uns auf bestimmten Gebieten zusammenzuarbeiten.

An welche Fächer denken Sie dabei?
Wir haben uns auf die Gebiete Ernährung, Energiesysteme, Physik und Sprachtechnologie spezialisiert. Durch die Fusion haben wir in gewisser Weise Industrieländer und Entwicklungsländer vereint. Wir könnten für die Entwicklungsländer zu einer Schnittstelle werden. Genau das können wir der ETH Zürich anbieten, wenn sie mit uns an der Lösung bestimmter Probleme in afrikanischen Entwicklungsländern zusammenarbeiten würde. Wir werden jetzt schauen, ob wir Wissenschaftler zusammenbringen können. Die gegenseitige Wertschätzung der beiden Universitätspräsidenten allein reicht nicht aus.

Technologietransfer und Unternehmertum sind wichtig. Wie fördert die NWU beides?
Im vergangenen Jahr hat die ETH 20 Spin-off-Unternehmen gegründet – das ist enorm. In den vergangenen Jahren gab es bei uns circa 16 Patentfamilien und acht Spin-off-Unternehmen, wir haben also auch damit begonnen. Es ist wichtig, dass wir erkennen, dass unser Fachwissen in der Lehre und der Forschung auf zwei Wegen in die Gesellschaft gelangen muss. Zunächst durch das Engagement zur Entwicklung der Gesellschaft und zweitens, durch Kommerzialisierung sowie Patente. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der Lehre/Lernen, der Forschung und dem, was wir „Umsetzung von Fachwissen“ nennen. Ich bin der Meinung, dass Universitäten verpflichtet sind, etwas für die Gesellschaft zu tun. Sie dürfen nicht ein Elfenbeinturm des Wissens sein.

Über Theuns Eloff

Theuns Eloff wurde 1955 geboren. Er studierte Jura und Theologie an der Universität in Potchefstroom. Heute ist er Rektor und CEO der North-West-University. Als Vorstandsmitglied des Consultative Business Movement (CBM) war er am Friedensprozess in Südafrika beteiligt, der 1991 zur Unterzeichnung des National Peace Accords führte.
1995 erhielt er vom Junior Chamber International die Auszeichnung „Ten Outstanding Young Persons of the World“. 1996 zeichnete ihn das WEF als einen der 100 „Global Leaders for Tomorrow“ aus.

 
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