Veröffentlicht: 25.01.12
Kolumne

Lern-Zombie im Schlabberlook

Jenny Weilenmann
Jenny Weilenmann, Masterstudentin D-MTEC. (Bild: zVg J. Weilenmann)
Jenny Weilenmann, Masterstudentin D-MTEC. (Bild: zVg J. Weilenmann) (Galerie)

Ich würde wirklich, wirklich lieber über etwas Schönes schreiben. Aber ich kann nicht. Mein Kopf ist voll. Voll mit Prüfungen. Da ist keine Kapazität für etwas Anderes. Sie kehren wieder wie das jährliche Weihnachtskilo und der erste Schnee. Es ist die Zeit der Augenringe, des Kaffeeüberkonsums und der gründlichsten WG-Putzaktionen.
Der soziale Kontakt beschränkt sich auf ein Minimum. Das tägliche Telefonat von meiner Mutter, die sich versichert, ob ich noch lebe, und das «viel Spass» vom Kassierer, wenn ich meine nächste Ladung Energydrinks bezahle. Alles verschwimmt zu einem einzigen dunklen Tag, bestehend aus lauwarmem Tee und einem Berg von vollgekritzelten Blättern.

Ich habe vergessen, wie sich richtige Kleider anfühlen. Der Trainer ist einfach so viel bequemer. Ich bewege mich von der Küche zum Schreibtisch und zurück, wenn möglich beladen mit Schokolade oder sonstigem Unzeug. Meine Mitbewohnerin fragt mich, wann ich zum letzten Mal geduscht habe. Ich kann ihr die Frage beim besten Willen nicht beantworten. Nicht, weil ich meine Hygienegewohnheiten plötzlich geändert hätte (obwohl, um ehrlich zu sein, haben sie das schon ein wenig …), sondern weil in meinem Kopf einfach kein Platz ist, um solche Nebensächlichkeiten zu speichern. Der aktuelle Wochentag? Keine Ahnung. Zeit bis zur ersten Prüfung: klar wie ungekochtes Eiweiss.

Ab und zu gibt es diese Tage, da läuft es zu Hause mit dem Lernen einfach nicht. Da steht man öfters vor dem offenen Kühlschrank als am Schreibtisch und liest seine E-Mails mehr als die Zusammenfassung. Es ist wie verhext. Dann, und nur dann, muss man sich wieder einmal die Zähne putzen, den Schlabberlook schweren Herzens gegen Kleider tauschen und an DEN Ort des Lernens pilgern: die Bibliothek.

Mein persönliches Lieblingsobjekt ist die «ZB», die Zentralbibliothek Zürich. Am «schönsten» ist es, wenn auch die Uni-Studenten Prüfungen haben. Dann platzen die Lernräume aus allen Nähten und der Kampf um die heiss begehrten Plätze beginnt. Schon bevor die Tore öffnen, stehen wir Schlange, fast so, als wäre das iPhone 5 herausgekommen. Und dann beginnt das Schauspiel: Die Türe wird aufgeschlossen, wir stürmen die Treppe hinauf, knallen die Tasche in eine Ecke und rennen (!) zu den Sitzplätzen. Erst wenn dieser markiert ist, läuft man gemächlich zurück zum Eingang, sucht die vorhin achtlos hingeworfene Tasche und verstaut diese in ein Kästchen. Es ist der Adrenalinstoss des Tages. Der Vorteil: Wenn man von so vielen Lernwütigen umgeben ist, läuft das Lernen schon etwas leichter.

Erwähnen muss ich auch die tägliche SMS von Mitstudenten. Ihr Inhalt ist stets der Gleiche: «Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich hoffe du kannst auch nicht mehr.» Die Antwort folgt prompt: Natürlich kann ich auch nicht mehr. Diese gegenseitige Beruhigungstaktik verringert das schlechte Gewissen, wenn man wieder zu viel auf Facebook rumgestöbert hat, statt alte Prüfungen zu lösen. Und man fühlt sich nicht so allein in seinem Lern-Zombie-Dasein.

Obwohl Silvester für mich seit Jahren ausgefallen ist und mich der Schneebericht meines Mitkolumnisten fast in den Wahnsinn getrieben hat: Es klingt schlimmer als es ist. Ich beweise jedes Jahr wieder, dass ich dem Druck trotz allem standhalten kann und am richtigen Ort bin. Wenn dann auch noch die Resultate gut ausfallen, ist der Stress schon fast vergessen und ich starte euphorisch ins neue Semester.

Zur Autorin

Die 23-jährige Jenny Weilenmann stammt aus Baden und ist, getreu dem Aargauer-Klischee, ein Fan von weissen Socken. Die Logik der Naturwissenschaften hat ihr seit jeher Spass gemacht. Da sie sich aber nicht auf eine Disziplin festlegen konnte, hat sie sich für die interdisziplinären Lebensmittelwissenschaften entschlossen, nicht zuletzt, weil sie gerne isst. Nur hat sie das Studium vieles gelehrt, nur nicht was sie sich heimlich erhoffte, das Kochen, denn mit Rezepten kann sie nicht umgehen. Nach dem Bachelor hat Jenny Weilenmann ein Praktikum in einer Schokoladenfabrik absolviert. Das hat sie daran erinnert, wie schön das Studentenleben eigentlich ist und ihr die Motivation zum Masterstudium am Departement Management, Technologie und Ökonomie (D-MTEC) zurückgegeben. Neben dem Studium spielt sie Volleyball, singt im Chor und spielt in einer Band. Zudem löst sie gerne Gleichungen nach X auf. «Das ist kein Witz», sagt sie, «ich finde, es hat etwas sehr Beruhigendes.»

 
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