Happy New Year!
Während mein Weihnachtsbaum über die Feiertage nach und nach fast alle Nadeln verloren hat und deshalb je länger je schmächtiger geworden ist, bin ich im gleichen Zeitraum umgekehrt proportional gewachsen. Leider. Das lag wohl, unter anderem, an den vielen Weihnachtsguetzli, die sich – kaum war ich durch das Funkeln einer Weihnachtskugel oder das Bimmeln eines Glöckchens am Halfter eines Rentiers abgelenkt – wie durch Zauberhand in meinen Mund geschoben haben. Sie haben sich übrigens wunderbar mit dem leckeren, hausgemachten Limoncello vertragen, den mir mein Besuch aus Italien mitgebracht hat. Ernährungstechnisch gesehen habe ich alles in allem innerhalb der letzten 10 Tage bestimmt eine Milliarde Kalorien verputzt. Beim blossen Gedanken daran wird mir schwarz vor Augen.
Aber wie auch immer. Obwohl geteiltes Leid angeblich nur halbes Leid ist, tröstet es mich wenig, dass es nicht nur mir so ergangen ist. Eigentlich ist die Tatsache, dass jeder nach Weihnachten ein paar Kilos mehr auf den Rippen hat, ein regelrechtes Ärgernis. Vor allem zum Jahresanfang, denn mit ihm kommen unweigerlich die guten Vorsätze. Das Resultat: Im Januar tummeln sich mehr Menschen in den Fitnesszentren als im Winterschlussverkauf. Es wird gestrampelt und geschwitzt, was das Zeug hält. Zum Glück hält das nicht lange an. Denn wie das eben so ist mit den guten Vorsätzen, sie verschwinden meist genauso schnell, wie sie am Horizont aufgetaucht sind. Alle Jahre wieder stelle ich mir also dieselbe Frage: Weshalb diese zwanghafte Manie, sich zum Jahresanfang Dinge vorzunehmen, die man doch nicht einhält?
Die Macht der Symbole sollte man niemals unterschätzen. Ein neues Jahr, eine neue Zahl, das hat es schon in sich. Hoffnungen kommen ans Licht, Wünsche steigen an die Oberfläche, Träume möchten in Erfüllung gehen. Die Sehnsucht nach Veränderung kann manchmal seltsame Blüten treiben. Und schon möchten wir alle bessere Menschen sein. Schade nur, dass es dann meist am Durchhaltevermögen des Einzelnen scheitert.
Nun, dieses Jahr werden wir für jegliche eventuelle Wankelmütigkeit wenigstens eine gute Ausrede anführen können. Wie man es den Medien entnehmen und sich sogar im Kino bereits im Voraus – Hollywood macht‘s möglich – ein recht realistisches Bild davon machen konnte, steht 2012 der Welt wieder einmal ein Untergang bevor. Ein mysteriöser Maya-Kalender hat‘s vorhergesagt. Ich bin kein Experte aber spontan würde ich die Behauptung wagen, dass es sinnlos ist, sich jetzt überstürzt in der Semper Sternwarte einzuquartieren, um mit dem Teleskop den nächtlichen Himmel nach überdimensionalen Meteoriten Ausschau zu halten, die direkt auf die Erde zuschiessen. Solange nicht unser Institut für Astronomie eine Meldung herausgibt, dass wir kurz vor einer Apokalypse stehen, habe ich beschlossen, mich nicht weiter von Weltuntergangsapologeten beeindrucken zu lassen.
Mein persönlicher Tipp für das neue Jahr ist also: Seien Sie nicht leichtfertig. Nehmen Sie sich nichts vor, was Sie nicht wirklich einhalten wollen oder können. Sollten Sie keine Konstanz aufbringen, werden Sie die Verantwortung keiner noch so höheren Macht in die Schuhe schieben können, und wenn es etwas gibt, was Sie auf keinen Fall möchten, ist es, für jemand gehalten zu werden, der nicht zu seinem Wort steht, oder?
Dabei ist die Lösung des Dilemmas wie immer leicht. Das Zauberwort kennen wir alle. Zu gerne verdrängen wir es. Mich erfüllt es meist mit Schaudern. Manchmal treibt es mir sogar den kalten Schweiss auf die Stirn. Vor allem, weil es sich immer tückisch von hinten anschleicht. Wovon ich spreche? Selbstverständlich von der Disziplin! Ohne mit erhobenem Finger Moral versprühen zu wollen: Kein Weg führt an ihr vorbei. Und eigentlich sollte es, vor allem für uns, die wir im Hochschulbereich tätig sind, kein Fremdwort sein. Mit «disciplina» meinten die Lateiner nicht nur «Zucht» oder «Ordnung». «Erziehung» war ein weiterer essenzieller Sinngehalt. «Discipulus», der Schüler, hat dieselben Wurzeln und schliesslich ist jeder wissenschaftliche Fachbereich heute eine «Disziplin».
Letztlich müssen Sie selbst
entscheiden, wie Sie es im neuen Jahr mit den guten Vorsätzen halten wollen. Ich
für meinen Teil habe «Disziplin» zu meinem Wort des Jahres 2012 erkoren. Was
ich mir sonst noch vorgenommen habe? Ich möchte ein paar Kilos loswerden.
Soeben habe ich meinen Vertrag im Fitnesscenter erneuert und mir ein paar neue,
unverschämt überteuerte Trainingsschuhe gekauft. Ihnen allen ein frohes neues
Jahr!
Zum Autor
Wer in den letzten 4 Jahren an einer Promotionsfeier teilgenommen hat, erinnert sich wohl sicher an Alfredo Picariello. Der gebürtige Italiener ruft die frischgebackenen Doctores auf, die schliesslich von Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach ihre Doktor-Urkunde erhalten. Das Spezielle daran: Jeder Name, sei er noch so ungewöhnlich, wird von ihm korrekt ausgesprochen. Picariello leitet die Doktoratsadministration des Rektorats der ETH Zürich. Ehe er an die ETH wechselte, arbeitete er bei der TA Media in der Bilddokumentation und verwaltete das Firmenarchiv. Der 45-jährige studierte an der Universität Zürich Kunstwissenschaften mit den Nebenfächern Italienische Literatur und Italienische Linguistik. Alfredo Picariello spricht gern übers Essen und ist ein begnadeter Koch. Von seiner Kunst wiederum profitieren Gäste, deren Bewirtung er ebenso zu seinen Leidenschaften zählt wie gärtnern auf Balkonien. Sein sehnlichster Wunsch: ein englischer Hinterhof-Garten mit 50 Quadratmetern Pflanzfläche.
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