Die Landflucht eindämmen
Getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben, ziehen in Äthiopien täglich hunderte von Bauern nach Addis Ababa. ETH-Architekten wollen die Landflucht nun mit semi-urbanen Dorfzentren eindämmen.
Aus
Fasil Giorghis Büro inmitten von Addis Ababa hat man einen guten Überblick über
die äthiopische Hauptstadt. Wo man hinschaut sind Baustellen: Graue
Betonrohbauten mit herausragenden Armierungseisen, umhüllt von Baugerüsten aus
Eukalyptusholz. Die äthiopische Bevölkerung hat sich in weniger als dreissig
Jahren auf 91 Millionen Menschen verdoppelt.
Der Druck auf die Städte ist
enorm. Schätzungen zufolge strömen täglich bis zu 1200 Menschen vom Umland nach
Addis Ababa. Sie hoffen auf ein besseres Leben mit Zugang zu sauberem
Trinkwasser, Spitälern und Schulen.
Obwohl der Lebensstandard in der Dreimillionenstadt durchschnittlich höher ist als auf dem Land, lebt hier über die Hälfte der Bevölkerung in selbst gebauten Hütten aus Plastikfolien, Holzbrettern und Wellblech, ohne sanitäre Versorgung und Elektrizität. «Wir sind an einem Wendepunkt angekommen», warnt Fasil Giorghis. «Schaffen wir es nicht, die Landflucht zu stoppen, steuern wir auf eine katastrophale Situation in den Städten zu.»
Verdichtung von Wissen und Infrastruktur
Giorghis ist einer der angesehensten Architekten Äthiopiens und Verfasser eines Buchs zur architektonischen Geschichte der Hauptstadt. «Äthiopien ist ein ruraler Staat. Hier leben nach wie vor 83 Prozent der Bevölkerung auf dem Land», erklärt er. «Wir müssen diesen Menschen neue Perspektiven bieten. Das schaffen wir nur durch einen Wandel von einem ruralen hin zu einem urbanen Lebensstil.» Durch die Verdichtung von Wissen und Infrastruktur in urbanen Zentren will Giorghis eine Transformation hin zu mehr Wohlstand initiieren.
Gleiches
schwebt auch Franz Oswald vor. Der emeritierte ETH-Architekturprofessor schlägt
in seinem Stadtentwicklungskonzept NESTown als Massnahme gegen die Landflucht
die Schaffung von ressourceneffizienten und von den Bauern selbstverwalteten
semi-urbanen Zentren vor.
Von einem solchen Ansatz ist mittlerweile auch die äthiopische Regierung überzeugt: Ihr Fünfjahresplan sieht die Schaffung von hunderten von neuen Dörfern und Kleinstädten in ländlichen Regionen vor. Ein erstes solches semi-urbanes Zentrum, das als Modell dienen soll, plant Oswald derzeit gemeinsam mit Fasil Giorghis für das Kebele Bura (vergleichbar mit einer Schweizer Gemeinde). Der Bau ist zugleich als praktisches Forschungsprojekt, als «real life experiment», angelegt und wird vom Departement Architektur der ETH Zürich mitfinanziert.
Garten Eden für wenige Monate
Bura liegt im Norden Äthiopiens, 350 Kilometer Luftlinie von Addis Ababa entfernt. Von der nächstgrösseren Stadt Bahir Dar aus koordiniert der Architekt Benjamin Stähli im Auftrag von Oswald und Giorghis die Arbeiten für das neue Dorfzentrum.
An diesem sonnigen Septembervormittag macht sich Stähli zusammen mit seinem Bauingenieur Teklehaimanot Daniel auf nach Bura. Sie wollen schauen, wie die Arbeiten vorankommen. Die eineinhalbstündige Fahrt führt an Tef-, Mais-, Weizen- und Reisfeldern vorbei. Es fällt schwer sich vorzustellen, dass in den 1980er-Jahren unweit von hier eine verheerende Hungerkatastrophe wütete.
«In der Region Amhara haben wir mit 93 Millimetern Wassersäule pro Monat im Jahresdurchschnitt mehr Regen als in Zürich», erläutert Stähli. «Doch der gesamte Niederschlag fällt in drei bis vier Monaten.» In einem halben Jahr sei die Umgebung nicht mehr wiederzuerkennen. Braun und gelb seien die Felder, der Boden zerrissen von der Trockenheit, die meisten Bäche ausgetrocknet. Bauern müssen ihre Kühe, Esel und Ziegen über Kilometer hinweg zu den letzten Wasserquellen führen.
Stähli
biegt scharf rechts von der Strasse in ein steiniges Stück Grasfläche ab. Kein
Dorf ist zu sehen, nur verstreute Tukuls, traditionelle Rundhütten, gebaut aus
Eukalyptusstämmen und Lehm, die Dächer aus getrocknetem Gras geknotet. Hier leben
Familien mit bis zu sieben Kindern auf durchschnittlich 15 Quadratmetern
Fläche, ohne fliessend Wasser und Elektrizität.
Im Kebele Bura leben insgesamt 722 Männer, Frauen und Kinder über 1,6 Quadratkilometern verstreut. Praktisch die gesamte Gemeinde lebt von der Landwirtschaft. Ein grober Steinweg, der von der Regionalbehörde angelegt wurde, zeigt zum Ort, an dem «Buranest» derzeit seinen Anfang nimmt: Eine Grasfläche in der Grösse eines Fussballfelds. Ein kleiner Flusslauf bildet dahinter eine natürliche Grenze zur bestehenden Siedlung. Mit einem mächtigen Bagger heben Arbeiter gerade das Flussbett aus. Der entstehende Stausee wird die Siedlung während der Regenzeit vor Überflutungen schützen und dem Vieh der Bewohner in den Trockenmonaten als Tränke dienen.
Gesicherte Wasserversorgung
Sobald die Regenzeit vorbei ist, werden Arbeiter aus dem Kebele die Fundamente für die erste «Rainwater Unit» legen. So nennen Stähli und seine Kollegen die architektonische Einheit, aus der sie ein Dorf bilden wollen. Sie dient als ausbaubarer Wohnraum und Wasserfänger, indem das V-förmige Wellblechdach das Regenwasser sammelt und in vier 20‘000 Liter-Container leitet. Diese werden die Bewohner mit Trinkwasser, Wasser zum Kochen und Waschen sowie für die Bewässerung des Gartens versorgen. Für den Überlauf während der Regenzeit sind Zisternen geplant, die in den Trockenmonaten für die Bewässerung der tiefer gelegenen Felder angezapft werden.
Das
Dach der Unit wird auf einem Tragwerk aus Eukalyptusstämmen liegen, das in einem
Fundament aus Natursteinen verankert wird. «Wir haben zu Beginn des Projekts
nach Materialien gesucht, die billig und lokal verfügbar sind, sich für eine
stabile Konstruktion eignen und von den Bauern akzeptiert werden», sagt Stähli.
Mit Lehm aus der Umgebung, gestärkt mit Stroh, werden Wände in das Tragwerk eingezogen und schliesslich mit Kalk gelöscht. Rund 20‘000 Franken soll eine Unit kosten, die vier Familien je bis zu 90 Quadratmeter Wohnraum bietet. Aufbau und Unterhalt leisten die zukünftigen Bewohnern als Gegenleistung für das neue Heim, unterstützt durch Trainings und einer zentralen Schule, in der sie die Fähigkeiten dafür erlernen.
Vom Bauer zum «Halbstädter»
Die grösste Herausforderung von Buranest liege nicht in der technischen Umsetzung, sondern in der Initiierung eines neuen Lebensstils, ist Stähli überzeugt. «Verdichtetes Wohnen bedingt Vertrauen innerhalb einer Gemeinschaft. Dieses ist während dem Terror des Derg-Regimes in den 1970er- und 1980er-Jahren verloren gegangen.» Doch Stähli setzt grosse Hoffnungen in die junge Generation, die neuen Lebensformen gegenüber aufgeschlossener sei.
Fragt man die Bewohner in
Bura, was sie von den Schweizer Plänen halten, ist das Echo positiv. Der junge
Aboset Adane sieht in Buranest vor allem eine Chance, neue Jobs für die Jungen
im Dorf zu schaffen und will selber beim Aufbau der ersten Unit helfen. Und die
schüchterne Fentahun Denie hofft, dass die Frauen in der neuen Umgebung besser
vor sexuellen Übergriffen geschützt sind.
Stähli warnt: «Ein Amhara würde einem nie ins Gesicht sagen, dass er das Vorhaben schlecht findet. In dieser Kultur gibt es hundert Wege, um nein zu sagen.» Doch mittlerweile glaubt er, dass die meisten Dorfbewohner die Chance von Buranest erkannt haben. Nun gehe es vor allem darum, die lokalen Behörden für das Projekt zu begeistern und einzuspannen. Keine einfache Aufgabe, da es an Kapazitäten, qualifizierten Fachkräften und Material mangelt und die Bürokratie schnelle Entscheidungen oft verhindert.
Um
die Behörden ins Boot zu holen, wirbt Stähli deshalb bei den lokalen
Entscheidungsträgern für dieses Projekt. In Addis Zemen, wenige Kilometer von
Bura entfernt, schaut er an diesem Nachmittag unangekündigt bei Ato Tessalin
vorbei, dem «Kantonsschreiber» der Woreda-Administration. Nach eingehender
Bekundung, dass er Tessalins wertvolle Zeit nicht zu lange beanspruchen wolle,
versichert sich Stähli, dass die neue Strasse registriert wurde und dass
Tessalins Leute mit dem Pflanzen der Baumschule beginnen werden, die von einer
Schweizer NGO mitfinanziert wird.
Gleichzeitig will er Tessalin auf einen Termin zur Präsentation der neusten Pläne verpflichten. Stähli weiss, dass er nochmals wird nachhaken müssen. Doch das kann seiner Euphorie für das Projekt nichts anhaben: Er stürmt aus dem Büro und meint zu Daniel, seinem Mitarbeiter: «Wir bauen ein komplett neues Dorf! Haben wir nicht den grossartigsten Job der Welt?»
Diese Reportage erschien in Connect 4/11, dem Magazin der ETH Alumni.
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