Unergründliche Körperwelten
Wer von euch war noch nie da? In den Katakomben des Schweißes, im Irrgarten der Gliedmassen, im Tempel der Muskeln. Lange konnte ich seinen Versuchungen widerstehen, erfand 3 Jahre lang fantasiereiche Ausreden und blieb lieber eine Stufe weiter oben in der Studentenbar «bqm». Doch auch mich hat – wohl eher später als früher – der Sog des Akademischen Sportverbands in die Tiefen der Polyterrasse gezogen. Natürlich nur aus wissenschaftlicher Neugier, wollte ich doch endlich dem Rätsel auf die Spur kommen, warum sich täglich Hunderte von Studierenden auf Teufelsmaschinen abrackern oder exponiert in einer riesigen Turnhalle Bewegungen vollziehen, die weder vorteilhaft aussehen noch als ungefährlich eingestuft werden können.
Ich packte also meine Sporttasche und machte mich voller Enthusiasmus auf meinen Erkundungsrundgang durch die Gänge der Sportanlage Polyterrasse. Doch schon der Zugang ins Paradies der Körperbewussten überforderte meine intellektuellen Fähigkeiten. Hilflos stand ich einen Stock unter der Mensa vor verschlossenen Türen, bis mich eine Jogaistin darauf hinwies, dass sich der Eingang auf der anderen Seite befinde. Na schön. Mit etwas gedämpfterer Laune betrat ich schliesslich die Garderobe und suchte verzweifelt nach einem kleider- und körperfreien Platz. Jemand trocknete sich - auf der Bank stehend – neben mir ab und zeigte mir mehr Körperhaare, als ich sehen wollte. Verunsichert zog ich mich um und machte mich auf die Suche nach dem Zugang zu den Steppern, die ich vorgenommen hatte.
Ich war noch keine 3 Minuten unterwegs, als mich jemand, diesmal glücklicherweise vollständig bekleidet, darauf hinwies, dass ich meine Tasche nicht mit mir rumzutragen habe, sondern sie in ein Kästchen verstauen müsse. Natürlich hatte ich keine blasse Ahnung, dass man dafür sein eigenes Schloss mitbringen musste. Ich verbarg also meine Tasche diskret hinter meinem Rücken und marschierte an roten Köpfen und Kraftpaketen vorbei und suchte die richtige Treppe.
Nach 10 Minuten stand ich endlich auf dem Balkon über der Halle auf einem Stepper und hatte einen wunderschönen Ausblick auf das Konditionstraining. Eine nicht enden wollende Augenweide! Es wimmelte von jungen, gutaussehenden und fitten Menschen, die mich wirklich stolz auf unsere gesunde Studentenschaft machten. Wir beweisen hier das Gegenteil zum globalen adipösen Gewichtstrend!
Natürlich tummelten sich auch einige kuriose Figuren auf dem Sportplatz: übermotiviert um sich Schlagende, knochige Mädchen, ein alter Mann mit sehr kurzen türkisen Hosen, muskulöse Midlife-Ladies und verbissen wirkende Glühköpfe in gekonnter «Superman»-Pose.
Schmunzelnd vertrieb ich mir die Zeit mit diesem Szenario, bis ich von einer Dame darauf hingewiesen wurde, daß ich nur 30 Minuten auf dem Gerät verbringen dürfe. Ich teilte ihr mit, ich könne lesen. Das gefiel ihr nicht, und sie zeigte triumphierend auf meinen Monitor, welcher schon 50 Minuten Laufzeit anzeigte. Ich musste lachen. Als ob ich 50 Minuten am Stück steppen könnte! Ich hatte das Gerät vom Vorgänger übernommen und mir nicht die Mühe gemacht, die Zeit neu einzustellen, da ich gar nicht wissen wollte, wie schlimm es um meine Kondition steht. Dies wollte die Frau jedoch nicht einsehen – denn wer will schon NICHT seine verbrannten Kalorien nachverfolgen – und als sie mir mit ihrem Energy-Riegel zu drohen begann, brach ich das Experiment ab und wanderte zurück in die Garderobe.
Da
ich die gute Zeit erwischt und das Kondi eben geendet hatte, war sie wieder zum
Bersten voll. Ich schlängelte mich zwischen Sporttaschen, Unterwäsche und
Schminkutensilien in die Dusche und zurück, als ich eine alte Bekannte
erkannte. Da standen wir beide, so wie uns der liebe Gott geschaffen hatte, und
verabredeten uns auf einen Kaffee. Ich versuchte gar nicht erst, mir die Haare
zu föhnen, und flüchtete aus der dampfenden Umkleide auf dem Weg an die frische
Luft, wobei meine Beine auf der Treppe nach oben ihren Dienst versagten.
Verstehen Sie mich nicht falsch: der ASVZ ist etwas vom Besten, was die ETH zu bieten hat. Wo sonst wird eine Auswahl von über 80 Sportarten zum studentischen Fast-Nulltarif geboten? Ich verbleibe weiterhin fasziniert von den Hundertschaften, die täglich in den Fitnesstempel pilgern. Für meinen Teil bleibe ich wohl besser beim Volleyball und überlasse die restlichen 79 Sorten der Bewegungskunst meinen Mitstudenten.
Zur Autorin
Die 23-jährige Jenny Weilenmann stammt aus Baden und ist, getreu dem Aargauer-Klischee, ein Fan von weissen Socken. Die Logik der Naturwissenschaften hat ihr seit jeher Spass gemacht. Da sie sich aber nicht auf eine Disziplin festlegen konnte, hat sie sich für die interdisziplinären Lebensmittelwissenschaften entschlossen, nicht zuletzt, weil sie gerne isst. Nur hat sie das Studium vieles gelehrt, nur nicht was sie sich heimlich erhoffte, das Kochen, denn mit Rezepten kann sie nicht umgehen. Nach dem Bachelor hat Jenny Weilenmann ein Praktikum in einer Schokoladenfabrik absolviert. Das hat sie daran erinnert, wie schön das Studentenleben eigentlich ist und ihr die Motivation zum Masterstudium am Departement Management, Technologie und Ökonomie (D-MTEC) zurückgegeben. Neben dem Studium spielt sie Volleyball, singt im Chor und spielt in einer Band. Zudem löst sie gerne Gleichungen nach X auf. «Das ist kein Witz», sagt sie, «ich finde, es hat etwas sehr Beruhigendes.»
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