Wer wird eine gute Lehrperson?
Auf die Frage, was eine gute Lehrperson ausmacht, kann jeder ab dem siebten Lebensjahr eine Antwort geben. Jahre später wird man sein Urteil auf eine durchaus breite empirische Basis stützen können, da man während seiner Schulzeit mit Dutzenden Exemplaren dieser Gattung in engere Berührung gekommen ist und mit ihnen mal mehr und mal weniger gute Erfahrungen gemacht hat. Die Bandbreite an Antworten wird dementsprechend gross und auch diffus sein, auch weil man sich selten systematische Gedanken über die Anforderungen gemacht hat, welche an die Schule und damit an den Lehrerberuf gestellt werden. Als häufigste Antwort auf die Frage, was eine gute Gymnasiallehrperson ausmacht, erhält man: «Sie muss ihre Begeisterung für das Fach vermitteln».
Ergebnisse von Schülerumfragen ergeben regelmässig, dass die für die ETH wichtigen Fächer Mathematik, Physik und Chemie auf der Beliebtheitsskala ganz hinten landen. Daraus kann man zweierlei schliessen: Entweder haben wir in diesen Fächern fast nur Lehrer, die zu ihrem studierten Fach ein sehr distanziertes Verhältnis haben, oder aber die fachliche Begeisterung allein reicht nicht aus. Tatsächlich gibt es in der langen Tradition der Forschung zum schulischen Lernen inzwischen weitaus differenziertere Betrachtungen zur Lehr- und Unterrichtsqualität.
Mein akademischer Lehrer Franz Weinert, der sich als Direktor eines Max-Planck-Instituts die Aufgabe gestellt hat, schulisches Lernen auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen, hat die normativen Erwartungen, welche an die Schule gestellt werden, 1998 wie folgt zusammengefasst: «Schülerinnen und Schüler brauchen eine vielfältige Allgemeinbildung, sie benötigen Strategien zur Nutzung des erworbenen Wissens, Kompetenzen zum permanenten selbständigen Lernen und ein System verbindlicher Wertorientierungen. Und all das müssten ihnen kompetente Lehrerinnen und Lehrer vermitteln.» In diesem Zitat werden mit den vier Zielen Allgemeinbildung, Nutzung von Wissen, selbständiges Lernen sowie den Werten (welche als Sekundärtugenden verstanden werden können) die Rahmenbedingungen des Lehrerhandelns abgesteckt, aber es bleibt natürlich Interpretationsspielraum hinsichtlich deren konkreter Ausgestaltung sowie der Schwerpunktsetzung.
Allerdings werden in der Öffentlichkeit noch immer kontroverse Diskussionen geführt, die in der Wissenschaft seit langem kein Thema mehr sind. So wird manchmal provokant gefragt, ob Lehrpersonen Fächer oder Kinder unterrichten, wobei implizit die Behauptung mitschwingt, guter Fachunterricht müsse zu Lasten zwischenmenschlicher Beziehungen gehen. Aus Sicht der Lernforschung unterrichten Lehrpersonen Kinder in Fächern, und dazu benötigen Lehrpersonen Wissen, das sowohl über das Fachwissen also auch über das reine pädagogische Wissen hinausgeht. Bereits 1987 hat der Lernforscher Lee Shulman dies als fachspezifisches pädagogisches Wissen bezeichnet und darunter «die Zusammenführung von Inhalt und Pädagogik zu einem Verständnis dessen, wie bestimmte Themen, Probleme oder Fragen strukturiert, dargestellt und an die Interessen und Fähigkeiten der Lernenden angepasst und für den Unterricht aufbereitet werden sollten» verstanden.
Anders ausgedrückt: Lehrpersonen müssen den Inhalt sozusagen durch die pädagogische Brille sehen. Dazu gehört auch, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass Lernende ganz unabhängig vom Alter neue Informationen immer an bestehendes Wissen anbinden. Lehrpersonen, die meinen, sie könnten bei null anfangen und damit sozusagen leere Fässer füllen, nur weil sie ein für ihre Schülerinnen und Schüler neues Fach unterrichten, haben den Kern ihrer Tätigkeit nicht verstanden. Wesentlich sowohl für den Erfolg als auch für das Scheitern des Lernens ist das bereits verfügbare Wissen, und das ist nicht in Fächergrenzen sortiert.
Das Lernen einer neuen Fremdsprache wird – positiv oder negativ – von den bereits verfügbaren Fremdsprachen sowie von der Muttersprache beeinflusst. Auch in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern wird das im Unterricht vermittelte Wissen bei den Schülerinnen und Schülern nicht etwa in einer neu eingerichteten Datei im Gehirn abgelegt. Wer mit fünfzehn Jahren zum ersten Mal Physikunterricht erhält, hat sich bereits intuitiv mit den Phänomenen der physikalischen Welt beschäftigt und sich Erklärungen zurechtgelegt, welche nicht selten wissenschaftlichen Erklärungen vollständig widersprechen. Darauf muss die Lehrperson in Physik vorbereitet sein, und sie muss das bestehende Schülerwissen produktiv aufnehmen.
Eine Lehrperson, die sich respektvoll mit den Fehlern und Missverständnissen ihrer Schülerinnen und Schüler auseinandersetzt, kann ganz nebenbei deren Selbständigkeit, Verantwortungsgefühl und Gesprächskultur fördern. Grosses Misstrauen hingegen ist angesagt, wenn eine Lehrperson das schlechte fachliche Abschneiden ihrer Schülerinnen und Schüler damit entschuldigt, dass sie ihren Schwerpunkt eben eher auf die Entwicklung von Sozialkompetenzen gelegt habe. Der Kern der Lehrertätigkeit auf allen Schulstufen ist die Vermittlung von fachlichem Verständnis, welches über die nächste Klausur hinaus anhält. Dazu brauchen die Lehrpersonen mehr als Fachwissen. In dem neu eingerichteten Studiengang «Fachdidaktik Naturwissenschaften», den die ETH zusammen mit der UZH und der Pädagogischen Hochschule Zürich betreibt, möchten wir die Ausbildung von Lehrpersonen auf allen Schulstufen auf die beschriebene Weise professionalisieren.
Zur Autorin
Dass Elsbeth Stern Forscherin respektive Professorin werden wollte, wusste sie schon als 15-jährige. Dieses Ziel hat sie denn auch erreicht: Die gebürtige Deutsche ist seit 2006 Ordentliche Professorin für Lern- und Lehrforschung an der ETH Zürich. Sie hat 1977 ihr Abitur in Schwalmstadt (Hessen) absolviert. In Marburg und Hamburg studierte respektive doktorierte sie in Psychologie. Nach ihrer 1994 abgeschlossenen Habilitation arbeitete sie als Professorin an der Universität Leipzig und am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Die Lehr- und Lernforschung als seriöses Wissenschaftsgebiet zu etablieren, ist ihr seit langem ein zentrales Anliegen. Eine grundsätzliche Frage zum Thema Lernen ist für sie eine der faszinierendsten: Wie schafft es das menschliche Gehirn, das mindestens 40'000 Jahre alt ist, Dinge zu lernen, die erst seit wenigen Jahrzehnten zum Kulturgut des Menschen gehören, wie etwa das Bedienen eines Computers?
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