Ungewisse Hinweise zum Higgs-Teilchen
Forscher am Cern in Genf haben am Dienstag neue Ergebnisse ihrer Suche nach dem Higgs-Teilchen präsentiert. «ETH Life» hat sich darüber mit Günther Dissertori, Professor am Institut für Teilchenphysik der ETH Zürich und stellvertretender wissenschaftlicher Koordinator des CMS-Experiments am Teilchenbeschleuniger LHC, unterhalten.
Wie bedeutsam sind die neuen
Ergebnisse für die Suche nach dem berühmten Higgs-Teilchen?
Es
handelt sich dabei um die Auswertung der Messungen des Jahres 2011. Diese
Auswertung hat den Massenbereich, in dem das Higgs-Teilchen theoretisch
existieren kann, nochmals sehr stark eingeschränkt. Die Suche konzentriert sich
jetzt auf einen sehr kleinen Bereich. In diesem Bereich wurden nun mit den
LHC-Detektoren mehr Ereignisse verzeichnet, als man erwarten würde, wenn es kein
Higgs-Teilchen gäbe. Das hat unter den Wissenschaftlern einige Aufregung
erzeugt.
Am LHC wird mit zwei verschiedenen
Detektoren – CMS und ATLAS – nach dem Higgs-Teilchen gesucht. Führten beide
Experimente zu denselben Ergebnissen?
Die
Resultate der beiden Experimente scheinen tatsächlich einigermassen konsistent
zu sein. Auch dies ist ein wichtiger Grund, warum derzeit viele Wissenschaftler
begeistert reagieren. Man muss dazu aber auch sagen: Im Moment kann man nicht
ausschliessen, dass es sich bei diesen zusätzlichen Ereignissen um
Hintergrund-Ereignisse handelt. Weil die Auswertung derzeit auf nur wenigen
Messereignissen beruht, ist der statistische Fehler noch gross. Um statistisch
verlässlichere Aussagen machen zu können, müssen wir noch mehr Daten sammeln.
Eine definitive Antwort auf die Frage,
ob das Higgs-Teilchen existiert oder nicht, gibt es also noch nicht.
Nein.
Die Ergebnisse sind sowohl mit der Hypothese kompatibel, dass das
Higgs-Teilchen existiert, als auch mit der Hypothese, dass es kein
Higgs-Teilchen gibt. Dennoch sind die Beobachtungen interessant, und sie
motivieren uns, nächstes Jahr weitere Messungen zu machen.
Wie geht es nun mit der Suche nach dem
Higgs-Teilchen konkret weiter?
Da
CMS und ATLAS zu ähnlichen Ergebnissen führten, werden wir in einem nächsten
Schritt die Daten der beiden Experimente statistisch kombinieren. Damit
erreichen wir eine Verdoppelung der Datenmenge, was eine signifikantere Aussage
erlauben wird. Möglicherweise werden wir diese Analysen an Wissenschaftskonferenzen
im Februar oder März präsentieren können. Der LHC wird nächstes Jahr zudem
weiterlaufen, und wir werden weiterhin Daten sammeln. Was die Suche nach dem
Higgs-Teilchen betrifft, richtet sich der Fokus jetzt aber klar auf den relativ
kleinen Massenbereich von etwa 120 bis 127 Gigaelektronenvolt, in dem das
Higgs-Teilchen noch sein könnte.
Das Higgs-Teilchen
Das Higgs-Teilchen – benannt nach dem britischen Physiker Peter Higgs
– ist ein Elementarteilchen, das in der physikalischen
Theorie den Ursprung der Masse erklärt. Das Teilchen wird vom Standardmodell
der Teilchenphysik zwar vorausgesagt, konnte bisher aber nicht nachgewiesen
werden. Mit Experimenten an verschiedenen Teilchenbeschleunigern wie dem Large
Hadron Collider (LHC) am Cern haben Wissenschaftler im Ausschlussverfahren den
theoretisch möglichen Massenbereich für das Higgs-Teilchen eingegrenzt. Unter
anderem mit Proton-Proton-Kollisionen bei nahezu Lichtgeschwindigkeit werden
dabei schwere Teilchen produziert, die mit verschiedenen Teilchendetektoren
gemessen werden. Diese Messungen liefern Hinweise auf die Existenz von
Higgs-Teilchen.
Die ETH Zürich ist mit mehreren Forschenden am Grossexperiment
am LHC vertreten. Die Arbeitsgruppen von Prof. Günther Dissertori, Prof.
Christoph Grab, Prof. Felicitas Pauss und Prof. Rainer Wallny, alle am Institut
für Teilchenphysik der ETH Zürich, hatten eine führende Rolle in Entwicklung
und Bau von Komponenten des CMS-Detektors und sind nun massgeblich an der Datenanalyse beteiligt.
- 16.12.11: Higgs-Teilchen: O sancta simplicitas!
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