Veröffentlicht: 12.12.11
Science

Lücken im Wald lassen Nussernte wachsen

Staatliche Misswirtschaft und die Übernutzung gefährden die einmaligen Walnusswälder Kirgistans. Waldforscher der ETH Zürich haben in einem zehnjährigen Projekt eine Knacknuss nach der anderen auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Bewirtschaftung der Wälder geknackt.

Peter Rüegg
Kirgisische Frauen bei der Walnussernte: ETH-Forschungsprojekt zeigte auf, wie die Produktivität der Bäume optimiert werden kann.
Kirgisische Frauen bei der Walnussernte: ETH-Forschungsprojekt zeigte auf, wie die Produktivität der Bäume optimiert werden kann. (Galerie)

Was treibt einen ETH-Forscher nach Kirgistan? Ein Projekt über Nüsse. Genauer gesagt: Wal- oder Baumnüsse, wie sie in der Schweiz auch wachsen. In Kirgistan gedeihen aber die grössten Walnusswälder weltweit. Sie sind einmalig und beherbergen eine hohe Artenvielfalt, was nicht zuletzt der Bevölkerung den Lebensunterhalt sichert.

Zehn Jahre lang hat Jean-Pierre Sorg, Leiter der Gruppe Waldwirtschaft für Entwicklungszusammenarbeit am Institut für Terrestrische Ökosysteme der ETH Zürich, dieses Projekt in Zentralasien geleitet. Darin beschäftigten sich der Dozent und seine Mitarbeiter, allen voran Maik Rehnus, intensiv mit der nachhaltigen Bewirtschaftung, der Ökologie und dem Erhalt der Walnusswälder. Ende 2011 schliesst die Forschungsgruppe dieses Projekt nun ab – und Sorg tritt in den Ruhestand.

Kaum Wald vorhanden

1991 wurde Kirgistan unabhängig, nachdem die Sowjetunion auseinandergebrochen war. Die Schweiz lancierte 1994 die ersten Projekte zur Entwicklungszusammenarbeit, darunter 1995 auch ein Projekt, das die Wälder Kirgistans im Visier hatte. Denn von allen asiatischen Ländern weist Kirgistan eine der kleinsten Waldflächen auf. Nur knapp 7 Prozent der 200'000 km2 sind mit Wald bestockt.

Das DEZA Wald-Projekt zielte darauf ab, Waldbau und die Forstgesetze zu verbessern, das Forstwesen des Landes zu reorganisieren und auch Forschung und Ausbildung zu unterstützen. In diesem Projekt arbeitete Jean-Pierre Sorg von Anfang an als Berater mit. Als 2001 die DEZA die Walnusswälder in den Fokus der Wissenschaftler rückte, musste der ETH-Dozent nicht lange überlegen und übernahm dieses Teilprojekt. Daran sollten jedoch nicht nur (ausländische) Wissenschaftler arbeiten, sondern auch die lokalen Behörden und die Bevölkerung.

Denn auf den Walnusswäldern lastet ein riesiger Druck. Sie sind teils naturnah, teils aber Nussplantagenwälder; Monokulturen, welche die Bevölkerung und der Forstdienst zur Nussproduktion anlegten. Die Fläche diese Baumnusswälder ist in den vergangenen Jahrzehnten stark geschrumpft und beträgt heute nur noch 47‘000 Hektaren, was nicht einmal der Grösse des Kantons Obwalden entspricht.

Nüsse für die Bevölkerung

«Die Wälder spielen in der lokalen Ökonomie eine vitale Rolle», sagt Jean-Pierre Sorg. Der Wald versorge die lokale Bevölkerung mit vielem, was sie zum Leben braucht: Brennholz, Nüsse und Früchte, Gras im Unterwuchs für das Vieh oder Heilpflanzen und Pilze. Weitere Dienstleistungen des Waldes seien die Regulation des Wasserhaushaltes sowie der Schutz vor Erosion und anderen Naturgefahren.

Die einheimische Bevölkerung wisse zwar viel über den Wald, wie sie die Bewirtschaftung optimieren könne, sei ihr jedoch weitgehend unbekannt. Hier hakte Sorg mit seinem Projekt denn auch ein.

Die Waldwissenschaftler richteten in vier Standorten Beobachtungsflächen ein, um die Produktivität der Walnuss-Wälder zu messen. Die ETH-Forscher wollten herausfinden, wie sich der Waldbestand entwickelt, wie viele Nüsse der Wald produziert und wie die Baumkrone auf waldbauliche Eingriffe reagiert, aber auch wie viel Geld und Zeit die Bewirtschafter in Pflege des Baumbestandes und in die Ernte investierten. «Wir wollten erst verstehen, was und wie es läuft, dann messbare Grössen ermitteln und schliesslich Vorschläge für die Bewirtschaftung von Agroforstflächen herausgeben», sagt Maik Rehnus.

Übernutzung verhindert natürliche Verjüngung

Die ETH-Forscher und ihre kirgisischen Kollegen merkten rasch, woran es fehlte. Der Wald konnte sich aufgrund des hohen Nutzungsdrucks nicht mehr natürlich verjüngen. Neben dem Druck durch die Heuernte und die Beweidung mit Vieh sammeln die Leute schlicht jede Nuss ein, die sie finden können. Niemand legt jedoch Nüsse zur Aufzucht des Baumnachwuchses zur Seite, was überdies die Aufgabe des staatlichen Forstdienstes wäre. Dadurch überaltern die Baumbestände und werden unproduktiv.

Die Produktivität massiv schmälern kann auch ein Spätfrost zur Blütezeit, was die Ernte total ausfallen lässt. Normalerweise kann eine Hektare Walnusswald bis zu 300 Kilogramm Nüsse abwerfen. Und als weiterer «gravierender Einschnitt» in die Produktivität der Nussbaumwälder bezeichnet Sorg, dass der Präsident Kirgistans und das Parlament ein Fällungsverbot erlassen hätten. «Dieses Verbot gründet auf der Idee, ein Nutzungsverbot sei Waldschutz», sagt Sorg. Ihre Forschung habe aber gezeigt, dass der Effekt davon zum Nachteil des gesamten Systems Nussbaumwald geworden sei. Um das Produktionspotential der Bestände zu verbessern seien auch in Kirgistan waldbauliche Eingriffe notwendig.

Mehr Nüsse dank Lücken

Die Forscher konnten aufzeigen, dass der Nussertrag dann am höchsten ist, wenn der Wald Lücken aufweist. Und diese Lücken können die Bewirtschafter nur schaffen, indem sie einzelne Bäume fällen. Pro Hektare dürfen höchstens 50 bis 70 Bäume stehen. Würde man das System auf die Holzproduktion optimieren, dann müsste ein Bestand 100 Bäume umfassen, weil dann das Licht knapp ist und die Stämme rasch und ohne Äste zu bilden gerade in die Höhe wachsen.

«Der Walnusswald ist ein System mit vielen Funktionen, wir können es nicht nur für ein Produkt optimieren», sagt Maik Rehnus. Um die Funktionen Gras und Nussertrag zu erhalten, brauche es regelmässige Eingriffe in den Baumbestand. Diese beiden Funktionen haben für das Forschungsteam Priorität, um der Bevölkerung einen möglichst hohen Nutzen «ihrer» Wälder zu garantieren.

Die Resultate ihrer zehnjährigen Forschung haben die ETH-Waldexperten in zahlreichen lokalen Ausbildungsseminaren und zuletzt in einer internationalen Konferenz im September 2011 vor Ort unter die Leute gebracht.

Spuren hinterlassen

«Wir hoffen, dass dieses Projekt Spuren hinterlässt», sagt Sorg. Der Druck auf die Walnusswälder werde kaum kleiner, und der Forstdienst sei nach wie vor sehr hierarchisch aufgebaut. «Das ist eine der wenigen Organisationen, die den Zusammenbruch der Sowjetunion überlebt hat», gibt er zu bedenken. Dementsprechend schwierig ist es, die Zusammenarbeit mit dem staatlichen Organ zu führen. «Das ist eines der wenigen Ziele, die wir mit diesem Projekt nicht erreichten: eine sichtbare Wende im autokratisch organisierten Forstdienst herbeizuführen», sagt der ETH-Forscher selbstkritisch. Dennoch ist er, der über 30 Jahre lang in der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet hat, zuversichtlich. «Forschung und Ausbildung, die mit dem Projekt einhergegangen sind, sind nachhaltig. Da bleibt etwas hängen. Der Rest ist Hoffnung.»

Literaturhinweis

Venglovsky BI et al. Bioecological Bases for Forestry management in Walnut Forests of Kyrgyzstan and their multifunctional use. Bishkek 2010. Pp 184

 
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