Von Tür- und Torheiten
Sie ist mal offen, mal geschlossen, sie dreht, schwingt, klappt, schiebt und faltet sich, je nach Lust und Laune. Sie versperrt uns den Weg oder überlässt uns den selbigen. Sie schützt vor Hitze, Rauch, Lärm und Strahlung, oder lässt frischen Wind hinein und üble Gerüche hinaus. Sie ist filigran bis klotzig, ästhetisch oder protzig, leicht bis schwer, mal hoch mal quer: Die Tür.
Ob Toiletten- oder Himmelstür, nur zweiseitig und doch so
vielseitig, irdisch und himmlisch, aus Holz oder Bronze, Eisen oder Glas, hält
Feinde fern, lässt Freunde rein, steht uns offen, wenn wir sie brauchen und bleibt
nur ganz selten für immer verschlossen.
Erfunden vor Tausenden von Jahren, kurz nachdem das erste Haus erbaut wurde. Wann sonst? Zu Beginn wohl nur ein einfaches Brett, versehen mit einem Querbalken als Schliessmechanismus, hat sich die Türe über die Jahrtausende weiterentwickelt. Die Menschen haben daran getüftelt, gefeilt und gebastelt. Sie wurde schöner, grösser, sicherer und irgendwann als Kunstobjekt von Architekten entdeckt. Bis sie schliesslich an einer Technischen Hochschule ihre endgültige Erfüllung und Vollendung, die technische Vollkommen- und architektonische Makellosigkeit erlangt hat. Da, wo sie nun steht, in unendlicher Perfektion, über alle Zweifel erhaben, schön, majestätisch und unantastbar. Hier meine persönliche Rangliste der vollkommensten Türen an der ETH:
Platz 5: Toilettentüre im HPI
Toilettentüren sind da, um niemanden hereinzulassen, wenn man grad beschäftigt ist, also um sozusagen unsere Ruhe zu bewahren. Sie sorgen dafür, dass die Umwelt von Geräuschen und Dämpfen der irdischen Art nicht belästigt werden. Architektonisch wunderbar verpackt mit Alu-Mini-Wellblech, fügt sich die Türe der HPI-Toilette auf eine verblüffend sinnliche, zarte Art und Weise in das Gesamtbild des Büroganges ein, macht den Raum und die Toilette lesbar und ist in etwa so schalldicht wie ein Taschentuch beim Schnäuzen. Wie schön, dass mein Büro gleich nebenan ist.
Platz 4: Toilettentüre im HCI
Hinter den Türen der HCI-Toiletten könnte man hingegen eine
Bombe zünden, es würde niemand hören. Ihre Dickwandigkeit erinnert an Luftschutzkeller
aus dem kalten Krieg. Verloren hat, wer schwächlich ist und plötzlich dringend
muss. Diese Türe notfallmässig zu öffnen, bedarf einer Schnell- und Maximalkraft,
wie sie nur dem Zögling einer Gewichtheberin und eines 100-Meter-Sprinters
vergönnt ist. Diese Türe öffnen heisst Schwerstarbeit. Und wenn sie mal drinnen
sind: Beten Sie, dass Sie die Kraft nicht verlässt, sonst kommen Sie nie
wieder raus!
Platz 3: Drehtüre im HCI
Was das HCI an Fenstern zu viel hat, hat es an Türen zu wenig. Und wenn schon wenig, dann auch noch klein. Dafür sind sie die schnellsten der Welt! Während der Mittags-Rush Hour wird der Mut jedes Einzelnen von neuem auf die Probe gestellt. Und das Timing auch. Den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, um in das Drehdings einzusteigen, ohne dem Entgegenkommenden auf die Füsse zu treten und selber eingeklemmt zu werden, bedarf jahrelanger Erfahrung. Nach nur einer halben Umdrehung bzw. Zehntelsekunde später muss man auch schon wieder raus. Wer den «Point of no return» verpasst, ist verloren. Man erzählt sich von Studenten, die 1 ½ Stunden lang Runden drehten in diesem «Kreisel des Todes». Erinnert mich an den berühmten «Frosch im Mixer».
Platz 2: HIL Eingangstüren
Ein Haus, gefühlte tausend Türen. Wo viele Leute rein und raus müssen, braucht es ein oder zwei Türen mehr. Aber müssen denn gleich alle nebeneinander sein? Vier Türen, so dicht aneinandergereiht, dass man sich fast zwangsläufig gegenseitig die Türklinke in den Bauch und den Handlauf ans Nasenbein rammt. Und dann sind es auch noch zwei Tür-Reihen, also 4x4! Ein Hoch auf die Wintertauglichkeit und den Windfang. Die zweite Reihe gehört der Gattung der Schwingtüren an. Heisst: Es muss immer genau dann jemand raus, wenn ich rein will. Oder umgekehrt. Kategorie: Darf es noch ein bisschen mehr sein?
Platz 1: Haupteingangstüre ETH Hauptgebäude
Ebenso gross und erhaben wie das Gebäude an sich, ist auch seine Türe. Man läuft ihr entgegen, ehrfürchtig, aber hoffnungslos. Wie soll ich dieses Gebäude je wieder verlassen, wie soll ich dieses Monstrum je aufbekommen? Langsam kommt man näher. Und genau dann, im Moment der Unaufmerksamkeit, wenn man nach der Riesentürklinke Ausschau hält…genau dann startet der Elektromotor! Dann kommt sie einem entgegen. Automatisch, unaufhaltsam, aufdringlich, gewaltbereit. Stösst einen zurück ins Gebäude als wolle sie sagen: «Du bleibst hier!» Bereits Generationen von unwissenden Erstsemestrigen, Austauschstudenten und japanischen Kongressbesuchern wurden zurück ins Gebäude geschoben. Und wenn sie keinen anderen Ausgang gefunden haben, dann irren sie noch heute im HG herum...
Die Evolution hat das Ihre getan. Die Tür an der ETH hat ihre
Bestimmung, die irdische Vollkommenheit, die himmlische Absolution erreicht. Besser
kommt’s nicht, und schlimmer geht’s nimmer.
Zum Autor
Der Heimwehbündner Stefan Flury ist in der Sportdestination schlechthin und der Heimat des WEF aufgewachsen: in Davos. Kein Wunder, zählt der Schneesport – an erster Stelle Ski- und Snowboardfahren - zu seinen Hobbys. Das Warten auf den nächsten Winter verkürzt er sich mit Biken, Klettern, Surfen, Kiten, Tennis, Beachvolley und vielem mehr. Bei schlechtem Wetter greift er auch in die Klaviertasten. Wie so viele seiner Bündner Art- und Leidensgenossen hat es auch ihn für das Studium nach Zürich gezogen, wo er, wenn wunderts, Sportlehrer und BWL studierte. Nach verschiedenen Praktika in der Privatwirtschaft, einiger Zeit als Projektleiter beim Kanton Graubünden und ausgedehnten Reisen arbeitet er seit März 2009 an der ETH Zürich im Stab «Veranstaltungen und Standortentwicklung».
- 07.12.11: Kolumne Flury: Köstliche Torheiten
LESERKOMMENTARE