Veröffentlicht: 30.11.11
Kolumne

Terra mia …

Alfredo Picariello
Alfredo Picariello, Leiter Doktoratsadministration ETH Zürich. (Bild: Marco Carocari)
Alfredo Picariello, Leiter Doktoratsadministration ETH Zürich. (Bild: Marco Carocari) (Galerie)

Über meine Herkunft haben Sie an dieser Stelle bereits schon einmal etwas erfahren. Dennoch – ich gebe es zu – war das nicht die ganze Wahrheit. Dass jemand, der «Picariello» heisst, nicht aus dem Thurgau stammen kann, ist so offensichtlich wie ein Klecks Tomatensauce auf einem strahlend weissen Sonntagshemd. Meine italienischen Wurzeln sind unverkennbar: Ich bin ein waschechter Secondo. Nun ja, fast ein waschechter, denn dazu müsste ich per Definition als Kind von Emigranten in der Schweiz geboren worden sein. Da ich zwar zweifellos ein Kind von Emigranten, dennoch aber in Italien zur Welt gekommen bin und erst im zarten Alter von 3 Jahren sozusagen in die Schweiz «importiert» wurde, könnte man sich mit Recht darüber streiten, ob ich mich überhaupt «Secondo» nennen darf. Trotzdem hoffe ich, dass niemand so kleinlich ist, mir diesen Status absprechen zu wollen, denn ich bin stolz drauf. Im Gegensatz zu vielen anderen hatte ich die einmalige Gelegenheit, mir das Beste zweier Welten aneignen zu können. Meiner Meinung nach ist das eines der grössten Geschenke, das einem das Leben überhaupt machen kann. Zwei Kulturen, zwei Sprachen und das selbstverständlich gewachsene Bewusstsein, dass Vielseitigkeit ein erstrebenswertes existenzielles Grundprinzip ist.

Geboren bin ich in Italien. Süditalien. Das ist nicht unbedingt dasselbe. Frigento ist ein Dorf in der Provinz Avellino mit ca. 4000 Einwohnern, inklusive aller Landgemeinden. Es liegt auf 911 Metern über Meer, mitten im Kampanischen Apennin, einer unwegsamen, schwer zugänglichen Gebirgsgegend, fast am Ende der Welt. Irpinien nennt sich diese Region. Erst wenn man weiss, dass sich der Name von «Hirpus» ableitet, was in der Sprach der «Hirpiner», dem Volk, das sich ursprünglich im 6. Jahrhundert vor Christus hier niederliess, der «Wolf» bedeutet, macht man sich ein angemessenes Bild darüber, wie gottverlassen diese Gegend wirklich ist. Der Wolf mag an Romulus und Remus erinnern. Doch während ihre Sage die Begründung eines Weltreiches und den Beginn der römischen Hochkultur beschreibt, lebt man in Irpinien bis zum heutigen Tage noch immer unter Wölfen – zweibeinigen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Kein Meer, kein Strand, keine Palmen, keine «dolce vita» weit und breit. Die Sommer sind heiss und trocken, die Winter kalt und klamm. Das Land meiner Vorfahren ist nicht nur karg und abgelegen, sondern – oder gerade deshalb – auch arm. Kein Wunder also, dass, wie die Geschichte der italienischen Migration zeigt, aus keiner anderen Gegend Italiens mehr Menschen ausgewandert sind als aus Irpinien. So auch meine Eltern. Sie kamen Ende der 60er Jahre in die Schweiz, auf der Suche nach einer Perspektive, einer Zukunft, einem besseren Leben für sich und ihre Kinder. Während ich jedoch hier aufgewachsen bin und nie Schwierigkeiten hatte, mich einzufügen, war es für sie nicht leicht. Die Integration ist beinahe spurlos an ihnen vorbei gegangen. Das merkt man hauptsächlich daran, dass sie nach über 40 Jahren in diesem Land nicht mehr als ein paar kümmerliche Brocken Deutsch sprechen. Dabei lieben sie die Schweiz. Niemals könnten sie es sich vorstellen, wieder in Italien zu leben. Und trotzdem gehören ihre Herzen immer noch der Erde, die sie geboren hat, dort, wo ihre Wurzeln liegen. Ich schätze, das ist wie mit der Erinnerung an die erste Liebe: Es gibt Dinge, die sich ein Leben lang nicht ändern.

Diese Liebe haben wohl alle Auswanderer in ihren Herzen mitgenommen, als der Wind sie, wie die Samen des Löwenzahns, jeder mit seinem eigenen Gleitschirm ausgerüstet, erfasst und in die Welt hinaus getragen hat. Dort, wo sie nahrhaften Boden gefunden haben, liessen sie sich nieder, bildeten neue Wurzeln und trugen Früchte. Manche haben sogar tiefe Spuren hinterlassen. Sergio Leone zum Beispiel, der Begründer des Spaghetti-Western. Sein Vater war aus Torella. Ettore Scola, ein weiterer Regisseur von Weltrang, wurde in Trevico geboren. Salvatore Ferragamo, in den 50er und 60er Jahren Schuhmacher der Filmstars und Begründer des gleichnamigen Modeimperiums, kam in Bonito zur Welt. Der Geburtsort von Papst Paul IV war Sant'Angelo dei Lombardi und schliesslich Francesco de Sanctis, der 1817 in Morra Irpina geboren wurde und 1856 bis 1860 die erste Italienisch-Professur der ETH innehatte.

Erst vor kurzem hat Martina Märki in einem ETH Life-Artikel über seine Zeit an und seine Bedeutung für die ETH berichtet. Francesco de Sanctis gilt heute als einer der bedeutendsten Geisteswissenschaftler und Literaten Italiens. Seine «Storia della Letteratura Italiana» ist nicht nur eine Literaturgeschichte, sondern ein fundamentales Werk der italienischen Literatur. Dass ein Mensch von seinem Format, ein Landsmann von mir, an der ETH, dem Ort wo auch ich heute arbeite, einen so grossen Einfluss ausgeübt hat, erfüllt mich und wohl alle Wolfskinder Irpiniens, mit grossem Stolz. Hat er doch bewiesen, dass in der Abgeschiedenheit unserer nebelverhangenen Berge nicht nur arme Emigranten, sondern auch grosse Denker das Licht der Welt erblickt haben. Dass auch er einer ist, der seine Heimat – zwar nicht aus materieller Not, sondern aus politischen Gründen – verlassen musste, bringt mich ihm nur näher.

Auch wenn es mir nicht in meinen kühnsten Träumen einfallen würde, mich mit ihm zu vergleichen, möchte ich mir dennoch einbilden, dass seine Ideen zur «ganzheitlichen» Bildung einige Berührungspunkte zu meinen Erfahrungen als Schweizer mit Migrationshintergrund bergen. Eines ist klar: Die ETH war, ist und wird hoffentlich immer ein Ort der gedanklichen und kulturellen Vielfalt und des Austausches bleiben, denn das ist – meiner bescheidenen Meinung nach – die Grundlage einer qualitativ hochwertigen Forschung und Bildung.

Zum Autor

Wer in den letzten 4 Jahren an einer Promotionsfeier teilgenommen hat, erinnert sich wohl sicher an Alfredo Picariello. Der gebürtige Italiener ruft die frischgebackenen Doctores auf, die schliesslich von Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach ihre Doktor-Urkunde erhalten. Das Spezielle daran: Jeder Name, sei er noch so ungewöhnlich, wird von ihm korrekt ausgesprochen. Picariello leitet die Doktoratsadministration des Rektorats der ETH Zürich. Ehe er an die ETH wechselte, arbeitete er bei der TA Media in der Bilddokumentation und verwaltete das Firmenarchiv. Der 45-jährige studierte an der Universität Zürich Kunstwissenschaften mit den Nebenfächern Italienische Literatur und Italienische Linguistik. Alfredo Picariello spricht gern übers Essen und ist ein begnadeter Koch. Von seiner Kunst wiederum profitieren Gäste, deren Bewirtung er ebenso zu seinen Leidenschaften zählt wie gärtnern auf Balkonien. Sein sehnlichster Wunsch: ein englischer Hinterhof-Garten mit 50 Quadratmetern Pflanzfläche.

 
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