Veröffentlicht: 28.11.11
Science

Letzte Chance für verbindliche Treibhausgas-Reduktionen?

2012 läuft das Kyoto-Protokoll aus. Damit enden die Verpflichtungen der Industriestaaten, den Treibhausgas-Ausstoss zu reduzieren. Die Klimazukunft hängt von den Verhandlungen der Weltklimakonferenz in Durban ab. Diese steht jedoch im Bann der Schuldenkrise. Wie wichtig ein Erfolg wäre, zeigen jüngste Studien und der aktuelle UNEP-Bericht.

Simone Ulmer
Weltweite historische CO2 Emissionen (schwarz), Szenarien ohne Klimaschutz (rot); Grau die Emissionsreduktions-Szenarien die nötig sind, um mit mindestens Zweidrittel Wahrscheinlichkeit unter dem 2°C Ziel zu bleiben. (Graphik: ETH Zürich/Reto Knutti)
Weltweite historische CO2 Emissionen (schwarz), Szenarien ohne Klimaschutz (rot); Grau die Emissionsreduktions-Szenarien die nötig sind, um mit mindestens Zweidrittel Wahrscheinlichkeit unter dem 2°C Ziel zu bleiben. (Graphik: ETH Zürich/Reto Knutti) (Grossbild)

Heute beginnt im südafrikanischen Durban die 17. Weltklimakonferenz. Angesichts der Schuldenkrise sind die Voraussetzungen für einen Verhandlungserfolg in Durban und für weitere Investitionen in den Klimaschutz nicht die besten. Doch in Durban geht es um die Zukunft: So zum Beispiel um «Post-Kyoto», und ob die im Kyoto-Protokoll in die Pflicht genommenen Staaten bereit sind, eine weitere Verpflichtungsperiode einzugehen.

Schwierige Verhandlungsbasis

Bereits auf der Klimakonferenz in Cancún Ende 2010 hatten Russland und Kanada klargemacht, dass sie keine zweite Verpflichtungsperiode eingehen möchten. Japan knüpfte seine Teilnahme an einer zweiten Verpflichtungsperiode daran, dass auch Schwellenländer Reduktionsziele akzeptieren müssen. Deshalb wird in Durban auch parallel zum Protokoll über ein globales Klimaregime verhandelt. Die Schwellenländer in die Reduktionsmassnahmen einzubinden, gestaltet sich ebenso schwierig, wie die Festlegung der Reduktionsziele und deren Verteilung auf die Vertragspartner.

Die Industrieländer, mit Ausnahme der USA, erklärten sich im Kyoto-Protokoll bereit, in der Zeit von 2008 bis 2012 ihre Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um mindestens fünf Prozent zu reduzieren und somit insgesamt 2,6 Milliarden Tonnen CO2 weniger zu emittieren. Obwohl dies in Bezug auf die Länge des Zeitraums ein wenig ambitiöses Ziel war, erreichen es vermutlich nicht alle Staaten. Auch die Schweiz könnte ihr selbst festgelegtes Ziel, die Treibhausgasemission um acht Prozent zu senken, nach derzeitigem Kenntnisstand verfehlen. 2010 wurde mit einer Gesamtemission von 33,5 Milliarden Tonnen CO2 gar ein neuer Rekord in den weltweit verzeichneten Emissionen erreicht: eine Zunahme von fast sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Zwei-Grad-Ziel unerreichbar?

Hält dieser Trend an und werden ausser CO2 auch Treibhausgase wie Methan und N2O miteingerechnet, würden die CO2-äquivalenten Emissionen bis 2020 ohne Intervention um rund 20 Prozent gegenüber heute zunehmen, sagt ETH-Klimaforscher Reto Knutti. Das auf den Klimakonferenzen in Kopenhagen und Cancún festgeschriebene Ziel, eine Erwärmung über zwei Grad Celsius gegenüber dem Temperaturniveau Mitte des 19. Jahrhunderts zu verhindern, scheint damit immer schwieriger zu erreichen zu sein. «Die CO2-äquivalenten Emissionen müssten, um dieses Ziel zu erreichen, bis 2020 weltweit um zehn Prozent abnehmen und in den Industriestaaten um 20-40 Prozent», sagt Knutti.

Das haben unter anderem zwei Studien unter der Beteiligung von Forschern der ETH Zürich gezeigt, die im Oktober und November in der Fachzeitschrift Nature Climate Change publiziert wurden. An einer davon war Knutti beteiligt. Beide Male analysierten und simulierten die Forschenden unterschiedliche Emissionsszenarien. Dabei basierte die erste Studie auf ökonomischen Szenarien, die dem UNEP-Bericht (United Nations Environment Programme) von 2010 zur Emissions-Lücke zu Grunde liegen (http://www.ethlife.ethz.ch/archive_articles/101125_Emissions_Luecke_su/index). Die Forschenden analysierten, wie sich die Treibhausgasemissionen entwickeln müssten, damit das Zwei-Grad-Ziel nicht verfehlt wird. Von 193 möglichen Szenarien erreichten 26 mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 66 Prozent das Zwei-Grad-Ziel und nur drei mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent und höher.

Drei Faktoren sind entscheidend

Die zweite Studie ist mehr konzeptionell und betrachtet die Klima-Entwicklung über Hunderte von Jahren. Sie zeigt, in Abhängigkeit davon, wie sensibel die globale Lufttemperatur auf die Kohlendioxidkonzentration reagiert (so genannte Klimasensitivität), dass drei Faktoren darüber entscheiden, ob das Zwei-Grad-Ziel erreicht wird: wie früh damit begonnen wird, die Treibhausgase zu reduzieren, wie schnell sie reduziert werden und wann, netto betrachtet, Null-Emissionen verzeichnet werden können. Es zeigte sich nämlich für eine mittlere Klimasensitivität, dass eine Reduktion der Treibhausgase um 90 Prozent nicht ausreicht, wenn die Erwärmung im kommenden Jahrtausend maximal zwei Grad betragen darf.

In den Fällen, in denen die Handlung spät erfolgt, sind die Szenarien der Studie wirtschaftlich allerdings zum Teil nicht mehr realistisch, sagt Knutti, der an der aktuellen Studie beteiligt war. Der Grund dafür ist, dass je nachdem, wie spät die Emission ihr Maximum erreicht, zum Teil Emissionsreduktionen von fünf Prozent pro Jahr weltweit erforderlich werden würden.

«Beide Publikationen kommen zum Schluss, dass wir in den nächsten zehn Jahren die Wende schaffen müssen», betont Knutti. Vergangene Woche wurde nun auch der Bericht des UNO-Umweltprogramms (UNEP) von 2011 publiziert. Darin heisst es, dass das Zwei-Grad-Ziel technologisch und wirtschaftlich noch zu erreichen ist. Vor allem ein beschleunigtes Einsetzen erneuerbarer Energien, ein Umstellen auf alternative Treibstoffe und Verbesserungen in der Energieeffizienz könnten hierfür laut UNEP essentielle Beiträge liefern.

Emissionsspitze spätestens 2020

Laut den Ergebnissen dieser neusten Studien muss die «Emissionsspitze», worauf schon andere Studien hinwiesen, zwischen 2015 und 2020 erreicht werden. Danach müssen die Emissionen mehr oder weniger stark abfallen, wenn das Zwei-Grad-Ziel nicht verpasst werden soll. «Nur wenn wir vor 2020 global anfangen, den Ausstoss um etwa drei Prozent pro Jahr bis auf praktisch Null zu senken, haben wir eine vernünftig grosse Chance», sagt Knutti. «Sobald wir unser Emissions-Budget überziehen, schaffen wir die Reduktion nicht mehr, ohne aktiv durch technische Massnahmen der Atmosphäre CO2 zu entziehen.» Diese Technologien sind aber derzeit noch nicht so weit ausgereift, dass sie grossflächig zum Einsatz kommen könnten.

Knutti, wie auch viele andere seiner Kollegen, die sich im Vorfeld von Durban zu Wort meldeten, sehen der Klimakonferenz eher pessimistisch entgegen. Sie vermuten, dass eine Fortsetzung des Kyoto-Protokolls in Durban im besten Fall auf Eis gelegt wird. In diesem Fall müssten wenigstens zu einem späteren Zeitpunkt nicht alle Rahmenbedingungen und rechtlichen Grundlagen von Grund auf neu verhandelt werden. Im schlechtesten Fall würde nicht nur ein Nachfolgeprotokoll für Kyoto fehlen, sondern auch die Verhandlungen für ein globales Klimaabkommen würden ganz gestoppt, um vielleicht in einigen Jahren wieder aufgenommen zu werden.

 
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