Der Organismus Stadt unter der Lupe
«Future Cites – Städte der Zukunft»: Unter diesem Motto stand der «swissnexDay» 2011, das Diskussionsforum für Fragen zur internationalen Wissenschaftspolitik, an der ETH Zürich. ETH-Professor Marc Angélil und der Tessiner Architekt Mario Botta sprachen über die Herausforderungen moderner Städte.
Es ist eine Historiker-Weisheit, die auch für die
Architektur Geltung hat: Man muss in die Vergangenheit schauen, um die
Herausforderungen der Gegenwart, zum Beispiel der Stadtentwicklung, meistern zu
können. «Back to the future», sagte Marc Angélil, Leiter des Instituts für
Städtebau an der ETH Zürich. Er machte dies mit dem Beispiel der italienischen
Stadt Siena. Städte seien das grösste und komplexeste von Menschen geschaffene
System, weshalb Voraussagen zur Stadtentwicklung manchmal dem Blick in eine
Kristallkugel gleichkämen.
Marc Angélil führte das Publikum im Auditorium Maximum der ETH Zürich mit Bildern des Rathauses von Siena und den darin zu findenden Fresken in das Thema der Tagung «Future Cities» ein. Diese Fresken zeigen das Bildnis einer selbstbewussten Stadt im 15. Jahrhundert. Daran abzulesen sind Grundelemente, die auch heute noch Städte definieren: das symbiotische Zusammenspiel zwischen Stadt und dem Umland, die Stadt als Schmelztiegel verschiedener sozialer Schichten und als Ort der guten oder schlechten Regierungsführung.
Internationale Erkenntnisse für Grundausbildung
Anlass dazu gab der jährliche «swissnexDay», den das swissnex Netzwerk der schweizerischen Wissenschaftskonsulate in diesem Jahr an der ETH Zürich durchführte. ETH-Präsident Ralph Eichler rief in seiner Begrüssung in Erinnerung, dass gemäss Prognosen bald fünf von acht Erdenbürgern in Städten leben. Besonders herausfordernd sei dieser Wachstumsdruck für Städte in Afrika und Asien. Das sei auch der Grund, weshalb die ETH Zürich ihr Forschungsprogramm «Future Cities Laboratory» zusammen mit lokalen Partnern, gerade in Singapur durchführe (siehe Kasten). Auch in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba hat die ETH Zürich geholfen, ein Institut für Stadtentwicklung aufzubauen. Der ETH-Präsident ist überzeugt, dass diese Engagements nicht nur angesichts der dynamischen Entwicklungen in unterschiedlichen Weltgegenden wie Asien und Afrika sinnvoll sind, sondern dass sie sich auch für die Schweiz auszahlen: «Die dort gewonnenen Erkenntnisse werden in einigen Jahren zur Grundausbildung unserer Studierenden gehören», so Ralph Eichler.
«Die Gesellschaft ist der wahre Kunde»
Dass Städte sehr komplexe Systeme seien, darin ging auch Mario Botta, einer der bekanntesten und international aktivsten Schweizer Architekten und Referent am diesjährigen «swissnexDay», mit Marc Angélil einig. Botta, der als Architekturprofessor an der Università della Svizzera Italiana (USI) in Lugano doziert, hob zwei Konstanten einer Stadt hervor: Jede Stadt verfüge einerseits über ein Zentrum und anderseits über Grenzen. Das Problem sei, so Botta, dass man heute in städtischen Gebieten vielfach weder ein Zentrum ausmachen könne noch die Abgrenzung zwischen Stadt und Umgebung klar ersichtlich sei. Vielmehr seien Städte in einer Art «condition liquide», also in einem flüssigen Zustand der ständigen Veränderung.
Die Rolle der Architekten sieht er darin, lebenswerte Städte für künftige Generationen zu schaffen und den zivilisatorischen Wert der Stadt als Ort der kollektiven Erinnerung zu verteidigen. Auf eine Frage aus dem Publikum, ob der Architekt denn überhaupt Einfluss nehmen könne, wenn ein Bauherr im Spiel sei, meinte Botta: «Die Gesellschaft ist immer der wahre Kunde des Architekten.» Anhand von abgeschlossenen und laufenden Projekten zeigte er auf, wie er in seiner Rolle als Architekt mit städtischen Umgebungen umgeht.
Future Cities Laboratory
Das «Future Cities Laboratory» (FCL) wurde als interdisziplinäres Forschungsprogramm für nachhaltige Stadtentwicklung im September 2010 gestartet. Im Zentrum der Forschung stehen drei Schwerpunkte: nachhaltige Gebäudetechnologien, die Stadt als urbanes System und das Verhältnis zwischen Stadt und Land. Der neue Ansatz besteht darin, diese Schwerpunkte sinnvoll miteinander zu verbinden und deren Wechselwirkungen zu erforschen. Die Architekten, Planer und Wissenschaftler sehen und entwerfen die Stadt als dynamisches System, in dem Menschen interagieren und Ressourcen wie Energie, Wasser, Raum, Kapital, Material oder Information ständig im Fluss sind. Die ETH Zürich arbeitet im Rahmen des FCL unter anderem mit der National University of Singapore (NUS) und der Nanyang Technological University (NTU) zusammen.
- 20.11.11: «swissnexDay»: Stadt und Energie
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