Wer gehört auf das Gymnasium?
In modernen Wissens- und Informationsgesellschaften erfordern die meisten Führungspositionen Kompetenzen, welche eine Universitätsausbildung voraussetzen. Wie gut es den Universitäten gelingt, diesem Ausbildungsauftrag nachzukommen, hängt aber nicht nur von der Qualität ihrer Lehrangebote ab, sondern auch von den Eingangsvoraussetzungen ihrer Studierenden, allem voran von deren geistigen Kompetenzen. Zu den grossen Herausforderungen einer modernen Gesellschaft gehört es, leistungsfähigen jungen Erwachsenen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, eine Universitätsausbildung zu ermöglichen.
Dies setzt zunächst voraus, dass möglichst alle Kinder und Jugendliche Lerngelegenheiten erhalten, welche ihre geistigen Potenziale optimieren. Die Voraussetzungen zur Intelligenzentwicklung sind – in unterschiedlichem Ausmass – in die Gene jedes Menschen geschrieben. Entfalten kann sich die Intelligenz aber nur in einem intellektuell anregenden Umfeld.
Die nächste Herausforderung stellt sich bei der Auswahl der für ein Universitätsstudium geeigneten Personen. Der Zugang zur Hochschulbildung ist bekanntlich weltweit sehr unterschiedlich geregelt. In vielen Ländern – allen voran den angloamerikanischen– wählen die Universitäten ihre Studierenden selbst aus. Dabei kommen unterschiedlichste Kriterien zum Einsatz. Sie reichen vom persönlichen Eindruck, den ein Bewerber im Interview hinterlassen hat, bis zu seinem Resultat in standardisierten Tests. In den USA greifen Universitäten und Colleges auf den «Scholastic Aptitude Test» (SAT) zurück, der überwiegend den Umgang mit schulischem Wissen in neuen Situationen misst. Je nach Bewerberlage kann eine Universität die Hürde für den Zugang ansetzen.
Ganz anders ist bekanntlich der Zugang zu den Universitäten in den drei deutschsprachigen Ländern geregelt. Ob ein junger Mensch die Möglichkeit zum Hochschulstudium erhält, entscheidet sich sehr viel früher: in Deutschland und Österreich mit zehn Jahren und in der Schweiz mit zwölf oder vierzehn Jahren. In der Tradition der Klosterschulen, die später in Gymnasien umgetauft wurden, sollen besonders befähigte Kinder die Gelegenheit erhalten, Kompetenzen zu erwerben, welche sie auf ein Hochschulstudium vorbereiten. Mit der Matura bzw. dem Abitur erhalten sie einen Abschluss, der sie im Prinzip zu jedem Studium an jeder Hochschule berechtigt.
Wie zeitgemäss es heute noch ist, die Auswahl der Studierenden an die Gymnasien zu delegieren, wird auch in der Schweiz diskutiert. Viele Universitätsangehörige bezweifeln, dass es den Gymnasien gelingt, alle Absolventen auf ein Hochschulstudium vorzubereiten. Sie wünschen sich Studierende mit besseren Voraussetzungen. Es geht bei diesen Diskussionen um das Selbstverständnis und die Existenzberechtigung des Gymnasiums, was zwei Fragen aufwirft: Wie zeitgemäss ist es noch, bereits im späten Kindes- bzw. im frühen Jugendalter die Weichen für ein Universitätsstudium zu stellen? Und bietet das Gymnasium noch die optimalen Lerngelegenheiten für 17 bis 19-jährige Jugendliche? In vielen Ländern – allen voran in den USA – werden junge Menschen in diesem Alter bereits als Undergraduates an Universitäten unterrichtet und können sich dort auf eine Spezialisierung vorbereiten.
In Zeiten des ökonomischen Aufschwungs war das Gymnasium in allen drei deutschsprachigen Ländern die Erfolgsgeschichte. Mit dem Sprung auf das Gymnasium erhielten Kinder, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund, Lerngelegenheiten und berufliche Chancen, die sie von dem, was ihnen das Elternhaus bieten konnte, unabhängig machten. Wären die vielen begabten Schülerinnen und Schüler aus so genannten bildungsfernen Schichten nicht mit zehn oder zwölf Jahren auf das Gymnasium gegangen und über eine lange Zeit akademisch sozialisiert worden, sondern hätten sich erst im späten Jugendalter einem Hochschulzugangstest stellen müssen, hätten es viele von ihnen nicht mit gleicher Selbstverständlichkeit an die Universität geschafft. Sie hätten in der Volksschule kaum das im SAT geforderte Wissen erworben, und beim Interview mit Hochschulangehörigen wäre vielen wohl auch die nötige Souveränität abgegangen.
Heute stellt sich die Situation etwas anders dar. Die Kapazitäten des Gymnasiums sind erschöpft. In Deutschland und Österreich hat die Abiturientenquote teilweise die 50%-Marke überschritten. In der Schweiz ist die etwas tiefere Maturitätsquote gewollt. Der Platz auf dem Gymnasium wird eng, auch weil im Normalfall Kinder von Eltern mit Matura mit einer Eintrittskarte in das Gymnasium geboren werden. Bildungssoziologen rechnen die Wahrscheinlichkeiten aus, mit denen bei gleicher Schulleistung Kinder mit und ohne akademisch gebildete Eltern den Sprung auf das Gymnasium schaffen. Die Zahlen sind in den drei deutschsprachigen Ländern erschreckend. Wenn im Zweifelsfall der soziale Hintergrund und nicht das geistige Potenzial den Zugang zum Gymnasium bestimmt, schadet sich die Gesellschaft in zweifacher Weise: Erstens werden geistige Ressourcen von eigentlich akademisch befähigten Personen verschwendet, und zweitens nimmt die Zahl an geistig überforderten Menschen an Hochschulen und in Führungspositionen zu. Wenn wir das Gymnasium zum Nutzen der Allgemeinheit erhalten möchten, müssen wir rigoros dafür sorgen, dass nur das geistige Potenzial eines Kindes ausschlaggebend für die Zulassung ist.
Kann das Gymnasium 17 bis 19-jährige junge Menschen wirklich besser auf das Hochschulstudium vorbereiten als dies Universitätsangehörige in Undergraduate-Kursen könnten? Wäre es nicht besser, jede freiwerdende Stelle eines Mittelschullehrers in eine Assistenz- oder Associate-Professur an der Universität umzuwandeln (käme für die Kantone auch billiger) und jungen Menschen dort den letzten Schliff für ein spezialisiertes Studium zu geben? So könnten sie sich rechtzeitig auf die hohen mathematischen Anforderungen in einem Ingenieurstudium einstellen. Die Universitäten würden die neuen Stellen sicher nehmen. Aber es kann bezweifelt werden, dass sich die Inhaber einer Universitätsstelle, die ja auch einen Forschungsauftrag haben, mit gleicher Intensität um den Lernfortschritt der jungen Menschen bemühen, wie das eine fachlich und pädagogisch gut ausgebildete Lehrperson tun kann. Aufgrund der hohen fachlichen Anforderungen an die Gymnasiallehrpersonen bringt die Schweiz im Prinzip beste Voraussetzungen für eine enge Verzahnung von Universitäten und Gymnasien mit. Dies setzt aber voraus, dass den Gymnasien auf Dauer hoch qualifizierte Lehrpersonen zur Verfügung stehen, und nicht solche, für die der Lehrerberuf die letzte berufliche Option war.
Das Gymnasium kann eine Erfolgsgeschichte bleiben, wenn wir
seine ursprüngliche Mission nicht aus den Augen verlieren: Fachlich und
pädagogisch hochqualifizierte Lehrpersonen unterstützen besonders befähigte
junge Menschen beim Aufbau ihrer akademischen Kompetenzen, und zwar unabhängig
von deren sozialem Hintergrund.
Zur Autorin
Dass Elsbeth Stern Forscherin respektive Professorin werden wollte, wusste sie schon als 15-jährige. Dieses Ziel hat sie denn auch erreicht: Die gebürtige Deutsche ist seit 2006 Ordentliche Professorin für Lern- und Lehrforschung an der ETH Zürich. Sie hat 1977 ihr Abitur in Schwalmstadt (Hessen) absolviert. In Marburg und Hamburg studierte respektive doktorierte sie in Psychologie. Nach ihrer 1994 abgeschlossenen Habilitation arbeitete sie als Professorin an der Universität Leipzig und am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Die Lehr- und Lernforschung als seriöses Wissenschaftsgebiet zu etablieren, ist ihr seit langem ein zentrales Anliegen. Eine grundsätzliche Frage zum Thema Lernen ist für sie eine der faszinierendsten: Wie schafft es das menschliche Gehirn, das mindestens 40'000 Jahre alt ist, Dinge zu lernen, die erst seit wenigen Jahrzehnten zum Kulturgut des Menschen gehören, wie etwa das Bedienen eines Computers?
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