Nebliges Herbsterwachen
Mein Kolumnen-Kommilitone Alfredo bezeichnet sich in seiner Kolumne als «leidenschaftlicher Frühaufsteher». Ich bin das pure Gegenteil. Ich gehöre zur Spezies der leidenschaftlichen «auf-die-Snooze-Taste-Drücker-bis-die-Batterie-leer-ist». Aufstehen ist für mich ein Kampf. Ein Kampf, den ich zwar meistens irgendwann gewinne, jedoch selten ganz unverletzt.
Natürlich gibt es Tage, an
denen auch ich mit Leidenschaft früh aufstehe. Zum Beispiel dann, wenn Frau Holle
noch früher aufgestanden ist als ich und mich mindestens 50 cm
Neuschnee erwarten. Doch auch im Herbst, der schönsten Zeit des Jahres (direkt nach dem Winter, versteht sich von selbst), gibt es durchaus Tage, an denen ich mich
aufs Aufstehen freue. So auch letzte Woche.
Frohen Mutes hüpfte ich aus dem Bett, in freudiger Erwartung, die Farben des Herbstes zu geniessen. Ich öffnete das Fenster, kniff vorsorglich die Augen zusammen, um den harten Sonnenstrahlen keine Chance zu geben und dann … Nebel! Wer in Gottes Namen hat den Nebel erfunden?
Ich bin den Nebel einfach nicht gewohnt. Da, wo ich herkomme, gibt es keinen Nebel. Die Nebelstatistik von Davos konvergiert gegen «minus Null». Selbst gefühlte Nebeltage gibt es keine, und die Kinder lernen erst in der fünften Klasse, dass es neben blauem Himmel, Schneewolken und Kondensstreifen noch etwas Anderes gibt. Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass die Farben des Herbstes grau in grau erscheinen, dass die Sonne nur noch in Gedanken existiert und die einzig relevante Frage bei Meteo Schweiz diejenige nach der Nebelobergrenze ist.
Leider gibt es noch keine «Nebelferien». Also schwinge ich mich etwas benebelt aufs Fahrrad und düse im stockdichten
Nebel via Milchbuck und Winterthurerstrasse Richtung ETH Zentrum. Der Verkehr
staut sich mal wieder zurück bis zum Milchbuck. Lässig «fliege» ich mit meinem
Flyer an der stehenden Autokolonne mit Wind und Nebel im Haar vorbei, grimmig
beobachtet von gestressten Autofahrern. Sie verdrehen die Augen, verwerfen die
Hände, trommeln mit den Fäusten auf Lenkrad und Brust. Unweigerlich erinnere
ich mich an den wohl berühmtesten Tierfilm aller Zeiten, die «Gorillas im Nebel».
Schon komisch. Ich kenne niemanden, der Nebel zu seiner bevorzugten Wetterlage zählt. Aber kaum beginnt das Wochenende, stürzen wir uns in Discos. Die Nebelmaschinen laufen auf Hochtouren und verhindern Blicke und Einblicke. Ok, zu Kuschelrock tanzen macht mehr Spass, wenn nicht der Hinterletzte bis hinaus zum Türsteher sehen kann, wer grad mit wem und überhaupt. Aber sonst? Geht wohl alles unter die Kategorie «was ich habe, will ich nicht … und umgekehrt».
Kurz nach dem Mittag habe ich genug. Nicht nur meine Gene ziehen mich auf den Berg, auch ein akuter Vitamin-D Mangel infolge ungenügender Sonnenbestrahlung der Haut zwingt mich dazu, dem Ruf der Sonne zu folgen und mein Glück in der Höhe zu suchen. Wenn der Uetliberg schon mit «Bergferien in Zürich» wirbt, gilt das sicher auch für den Hönggerberg. Denn wo ein Berg ist, ist auch eine Nebelobergrenze. Tapfer kämpfe ich mich den Berg hoch. Ich durchdringe eine schwere Nebelbank nach der anderen, gespannt, was mich auf der anderen Seite erwartet.
Auf dem Berg angekommen, fehlt von elektromagnetischer Strahlung, Photonen, UVA- und UVB-Strahlung und all dem Zeugs jede Spur. Kurz: Es herrscht Nacht und/oder Nebel. Verzweifelt wende ich mich Richtung HPP-Turm. Der muss doch hoch genug sein, sind ja mindestens elf Stockwerke! Vorsichtig erklimme ich die letzte Treppe, gespannt öffne ich die Dachluke … wieder nichts. Grau in Grau, Weiss in Weiss, Nebel in Nebel. Ach so, heute ist’s mal wieder der Hochnebel. Gibt es eigentlich auch Höher- und Höchstnebel?
War nichts mit Sonne. Leicht frustriert trete ich den Heimweg an und denke sehnsüchtig an die grenzenlose Freiheit über den Wolken. Dabei gönne ich mir einen Glühwein und suche die Sonne im Herzen. Der Nebel gehört zu unserem Leben … auch wenn sich dies nur beim rückwärts Lesen offenbart: NEBEL-LEBEN.
Zum Autor
Der Heimwehbündner Stefan Flury ist in der Sportdestination schlechthin und der Heimat des WEF aufgewachsen: in Davos. Kein Wunder, zählt der Schneesport – an erster Stelle Ski- und Snowboardfahren - zu seinen Hobbys. Das Warten auf den nächsten Winter verkürzt er sich mit Biken, Klettern, Surfen, Kiten, Tennis, Beachvolley und vielem mehr. Bei schlechtem Wetter greift er auch in die Klaviertasten. Wie so viele seiner Bündner Art- und Leidensgenossen hat es auch ihn für das Studium nach Zürich gezogen, wo er, wenn wunderts, Sportlehrer und BWL studierte. Nach verschiedenen Praktika in der Privatwirtschaft, einiger Zeit als Projektleiter beim Kanton Graubünden und ausgedehnten Reisen arbeitet er seit März 2009 an der ETH Zürich im Stab «Veranstaltungen und Standortentwicklung».
- 25.11.11: Kolumne Stefan Flury: Ja, der Nebel
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