IT für die ganze Familie
Wie sieht das Gehirn eines Flugroboters aus? Und wie der Alltag eines Programmierers? Der «Treffpunkt Science City» im ETH-Departement für Informatik zog Jung und Alt gleichermassen an. Die Besucher zeigten sich fasziniert von den vorgestellten Projekten – vom wissenschaftlichen Umgang mit komplexen Computersystemen und riesigen Datenmengen.
«Was ist denn Informatik überhaupt?» Die sechs Schülerinnen und Schüler zwischen acht und zwölf Jahren, die sich um die Nachwuchswissenschaftlerin vom ETH-Departement Informatik geschart haben, sind alles andere als verlegen: «Das hat mit Computern und Datenverarbeitung zu tun», sagt ein Junge im Rapper-Outfit, der gleichzeitig seinen Gameboy, ein i-Phone und ein i-Pod bedient. «Man muss sehr gut in Mathe sein, weil man als Informatiker Computerprogramme schreibt, die dann wichtige Informationen verarbeiten», weiss ein Mädchen und trommelt ungeduldig auf die Tischplatte.
Programmieren für Kinder
Die Mädchen und Jungen, die gestern zum «Treffpunkt Science City», einem Wissenschaftsprogramm für die interessierte Öffentlichkeit, ins Departement Informatik strömten, zeigten sich neugierig und wissensdurstig – und brachten zum Teil erstaunliche Computerkenntnisse und sogar grundlegendes Informatikwissen mit. Verblüffen konnten die jungen «PC-Nerds», wie sich einer der Schüler selbstironisch nannte, Eltern und ETH-Angehörige vor allem in den zwei «Klassenzimmern», die den Juniors vorbehalten waren. Hier lernten die Kinder unter Leitung von Bernd Gärtner vom Institute of Theoretical Computer Science zu «scratchen». Die Programmiersprache «Scratch» wurde 2007 in den USA speziell für Kinder und Jugendliche entwickelt. Mit ihr können grafische Muster und Animationen geschrieben und eigene Computerspiele entwickelt werden.
«Calcularis» gegen Rechenschwäche
Wie clevere Computerprogramme helfen, Alltagsprobleme in den Bereichen Umwelt, Wirtschaft oder auch in der Unterhaltungsindustrie zu lösen, konnten Kinder und Jugendliche beim Rundgang über den Informatik-Parcours erfahren. Hier stellten junge Wissenschaftler Projekte vor, an denen noch geforscht wird oder die bereits zu kommerziellen Anwendungen weiterentwickelt wurden. Rede und Antwort stand zum Beispiel Tanja Käser, Doktorandin am Computer Graphics Lab, die in Zusammenarbeit mit der ETH-Spin-off-Firma «Dybuster AG» und dem Kinderspital Zürich eine neuartige Therapiesoftware gegen Rechenschwäche geschrieben hat (siehe ETH Life vom 28.07.2011). Mit «Calcularis», so liess sich auf ihrem Projektposter nachlesen, werden das Zahlenverständnis, Kenntnisse arithmetischer Grundlagen sowie das Beherrschen des Dezimalsystems durch individuelles Training automatisiert. «Die Software», so die angehende Informatikerin, «bildet den mathematischen Wissensstand des einzelnen Benutzers ab und ermöglicht dadurch eine optimale, individuelle Anpassung.»
Das Gehirn des Flugroboters
Für Action und kräftigen Windzug sorgte der Flugroboter «Pixhawk», den ein Forscherteam des Fachbereichs Visual Computing in ihrem Kellerlabor zum freien Schweben brachte. Friedrich Fraundorfer und Lorenz Meier erklärten anschaulich und auch für Schüler verständlich, wie und warum sie den Helikopter mit «Gehirnsubstanz» fütterten: «Dank einer eingebauten Kamera erkennt der Roboter die Umgebung. Mehr noch: Er kann die Bilddaten richtig deuten und sie sinnvoll in Beziehung zueinander setzen. Der Algorithmus, den wir hier verwenden, ist zum Beispiel darauf trainiert, Gesichter zu erkennen.» Eingesetzt werden sollen solche Flugroboter in naher Zukunft, um etwa nach verschütteten oder verletzten Menschen in Folge von Erdbebenkatastrophen zu suchen.
Ziel und Zweck des Wissenschaftsprogramms «Treffpunkt Science City» ist neben der Rekrutierung von Nachwuchsforschern auch die Sensibilisierung der breiten Öffentlichkeit für naturwissenschaftliche Themen. Informatikkenntnisse beispielsweise müssten eigentlich längst zum Allgemeinwissen gehören, denn in immer mehr Berufen werden IT-Kenntnisse gefordert, die über reine Textverarbeitungs- oder E-Mailprogramme hinausgehen. Doch die Realität sieht anders aus: Einen Führerschein in der Computeranwendung würde wohl nur ein geringer Prozentsatz der Arbeitnehmenden bestehen.
Erfreulich war es daher, dass gestern auch viele ältere Besucher ihren Sonntagsspaziergang in Richtung ETH lenkten, um herauszufinden, warum die Informatik zum grössten Innovationsmotor innerhalb der Wissenschaft wurde. «In der ersten Stunde haben wir rund 150 Besucher gezählt», sagt Rolf Probala, Kommunikationsbeauftragter der Veranstaltungsreihe «Treffpunkt Science City». «Damit sind wir sehr zufrieden.»
Treffpunkt Science City
«Treffpunkt Science City» ist ein populäres Wissenschaftsprogamm für die interessierte Öffentlichkeit. In Kurzvorlesungen, Science Talks, Demonstrationen, Laborbesuchen, Ausstellungen und Rundgängen können Kinder und Erwachsene erleben, wie die Naturwissenschaften unsere Arbeits- und Lebenswelt prägen und verändern.
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