Early bird
Ich bin ein leidenschaftlicher Frühaufsteher. Für mich ist die Welt zu keinem Zeitpunkt des Tages schöner als früh am Morgen. Alles ist noch frisch, unverbraucht, verheissungsvoll. Wenn das Licht anfängt, allmählich die Dunkelheit zu durchbrechen, wenn die Ruhe und Stille der Nacht allmählich beginnt, sich mit den Geräuschen des herannahenden Tages zu füllen, wenn die Luft noch knackig und unverbraucht ist, die Strassen und Trams fast leer und das Verlangen nach frisch gebrautem, heissem Kaffee schon beinahe einen eigenen Duft verbreitet, dann fühle ich mich am wohlsten.
Kennen Sie das Gefühl, wenn man ein neu erstandenes Buch auspackt? Diese herrliche Vorfreude, wenn man das Zellophan entfernt und zum ersten Mal die Seiten aufschlägt? Wenn der Buchrücken bei jedem Umblättern noch knackt und knistert und einem der herbe Geruch von frischer Druckerschwärze in die Nase steigt? Wissen Sie, wie sich diese Neugier anfühlt, das zu entdecken, was diese Seiten verborgen halten? Genau dasselbe empfinde ich vor jedem neuen Tag und deshalb, ob nun Sommer oder Winter, wochentags oder am Wochenende, hat für mich Morgenstund wahrlich Gold im Mund!
Morgenmuffel gehen mir lieber aus dem Weg. Diese Sorte Mensch neigt zu so früher Stunde gelegentlich dazu, mir mit Wonne den Hals umdrehen zu wollen. Kaum aus dem Bett, bevor ich überhaupt irgendetwas anderes mache, brauche ich einen Kaffee. Der ist lebensnotwendig. Danach bin ich aktiv und energiegeladen wie ein Eichhörnchen im Zuckerrausch. An Arbeitstagen bin ich in null Komma nichts geduscht, angezogen und bereit, das Haus zu verlassen. Für gewöhnlich gehe ich schon um halb sieben zur Tür hinaus und stehe ein paar Minuten später an der Tram-Haltestelle beim Bezirksgebäude, wo ich auf den 2-er oder den 3-er steige, je nachdem welcher gerade kommt.
Viele Wege führen nach Rom und ebenso viele an die ETH. Obwohl ich oft mit dem 2-er zum Paradeplatz fahre und dort - je nachdem welcher Anschluss zuerst verfügbar ist - auf den 6-er oder den 9-er umsteige, führt meine bevorzugte Route mit dem 3-er ans Central. Von hier aus ist es nur mehr ein Katzensprung hoch in mein Büro im Hauptgebäude. Obwohl ich auch hier die Möglichkeit hätte, auf den 6-er oder den 10-er umzusteigen, entscheide ich mich immer für die Polybahn. Ich geniesse es nämlich, ob nun die Sonne scheint, es regnet oder schneit, während der Fahrt auf der Aussenplattform zu stehen. Die frische Luft und der leichte Fahrtwind, der mir um die Nase weht, füllt die letzten schlafenden Zellen meines Körpers mit Sauerstoff. Jetzt bin ich fast restlos für den anrückenden Tag gewappnet!
Wenn ich dann das Krähen des Hahns des benachbarten Altersheims höre, weiss ich, dass ich auf der Polyterrasse angekommen bin. Ohne ihn geht die Sonne nicht auf, dessen bin ich und – der Intensität seines Krähens nach zu beurteilen – auch er überzeugt. Nun ja, im Sommer jedenfalls. Im Winter verpennt er meine Ankunft meistens, was ich ihm aber nicht im Geringsten übelnehme. Wenn man weiss, wie viel er auch den Tag über kräht, versteht man, dass er seine Nachtruhe hie und da dringend braucht.
Dunkel liegt das Hauptgebäude in all seiner Grösse vor mir. Nur in vereinzelten Fenstern sehe ich Lichter. Irgendwie erinnern sie mich an die vielen Augen eines Organismus, der langsam aus seinem Schlaf erwacht und zaghaft in den herannahenden Tag hinein blinzelt. Ich schaue über die Polyterrasse hinaus auf die Stadt zu meinen Füssen. Unweigerlich muss ich jedes Mal daran denken, dass es in Zürich wohl keinen schöneren Arbeitsort gibt als das ETH-Hauptgebäude. Bestimmt keinen mit einer solch atemberaubenden Aussicht. Leichter Rauch und Wasserdampf steigen zu dieser Jahreszeit aus den Kaminen, und ich freue mich schon darauf, wenn der erste Schnee auf den Dächern liegt.
Drinnen begrüssen mich als erste stets die zwei riesigen steinernen Damen, die links und rechts von der Treppenrampe stehen, die zur Haupthalle hinaufführt. Dafür, dass sie bereits 115 Jahre alt sind, sehen sie immer noch fantastisch aus. Der Zahn der Zeit hat ihnen nichts anhaben können. Obwohl sie früher ein Teil der Fassade waren und damit jahrelang Wind, Wetter und wahrscheinlich ziemlich viel Taubenmist standhalten mussten. Stoisch und verlässlich scheinen sie im Halbdunkel nur aus Licht und Schatten zu bestehen. Wie körperlose Schatten aus der Vergangenheit. Zum Glück bin ich nicht der einzige, der um diese Zeit herumgeistert, sonst würde ich mich ein bisschen fürchten. Grosse Räume wirken, wenn sie leer und verlassen sind, immer unheimlicher, als sie es in Wirklichkeit sind.
Zum Glück ist um diese Zeit das Putzpersonal schon fleissig damit beschäftigt, alles auf Vordermann zu bringen. Mit ihren Wägelchen kurven sie geschäftig durch die Gänge. Ich grüsse ein paar mittlerweile vertraute Gesichter und schon stehe ich vor meiner Bürotür. Ich schliesse auf, bringe die Kaffeemaschine auf Touren und starte meinen Computer. Jetzt beginnt für mich die produktivste Zeit des Tages. Zwei Stunden lang kann ich ohne Störung hoch konzentriert und effizient arbeiten. Die Welt um mich herum verschwindet.
Auf einmal
klingelt zum ersten Mal das Telefon. Das ist der Startschuss für den Tag und
das Ende meines Morgens. Aber der nächste Morgen kommt bestimmt.
Zum Autor
Wer in den letzten 4 Jahren an einer Promotionsfeier teilgenommen hat, erinnert sich wohl sicher an Alfredo Picariello. Der gebürtige Italiener ruft die frischgebackenen Doctores auf, die schliesslich von Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach ihre Doktor-Urkunde erhalten. Das Spezielle daran: Jeder Name, sei er noch so ungewöhnlich, wird von ihm korrekt ausgesprochen. Picariello leitet die Doktoratsadministration des Rektorats der ETH Zürich. Ehe er an die ETH wechselte, arbeitete er bei der TA Media in der Bilddokumentation und verwaltete das Firmenarchiv. Der 45-jährige studierte an der Universität Zürich Kunstwissenschaften mit den Nebenfächern Italienische Literatur und Italienische Linguistik. Alfredo Picariello spricht gern übers Essen und ist ein begnadeter Koch. Von seiner Kunst wiederum profitieren Gäste, deren Bewirtung er ebenso zu seinen Leidenschaften zählt wie gärtnern auf Balkonien. Sein sehnlichster Wunsch: ein englischer Hinterhof-Garten mit 50 Quadratmetern Pflanzfläche.
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