Veröffentlicht: 25.10.11
Kolumne Spezial

Future Leaders – Global Thinkers

Renate Schubert
Renate Schubert, Professorin für Nationalökonomie der ETH Zürich und Delegierte des Präsidenten für Chancengleichheit. (Bild: zVg R. Schubert)
Renate Schubert, Professorin für Nationalökonomie der ETH Zürich und Delegierte des Präsidenten für Chancengleichheit. (Bild: zVg R. Schubert) (Grossbild)

Die Führungskräfte der nächsten Jahrzehnte werden nur dann erfolgreich und in der Lage sein, die gesellschaftlichen Herausforderungen zu meistern, wenn sie global denken können. Diese These vertrat Linda Sanford, Senior Vice President der IBM, anlässlich eines Vortrags an der ETH Zürich am 12. Oktober 2011. Der Vortrag war ein «Joint Venture» der ETH Zürich (namentlich von der Stelle für Chancengleichheit EQUAL), der IBM und der ETH Alumni-Organisation. Das 100-jährige Firmenjubiläum von IBM bildete den Rahmen dieser Veranstaltung.

Die Firma IBM wurde 1911 durch den Zusammenschluss von drei kleinen Firmen unter dem Namen C-T-R (Computing-Tabulating-Recording-Company) ins Leben gerufen und später vor allem durch Thomas Watson Senior und Thomas Watson Junior zum Erfolg geführt. Unter dem Namen IBM (International Business Machines) wurde die Firma weltweit bekannt. Wie schaffte sie es, erfolgreich zu werden und auch aus einer schweren Krise im Jahr 1993 gestärkt hervorzugehen?

Linda Sanford betonte in ihrem sehr engagierten Vortrag, dass es wichtig war und ist, dass sich eine Firma – und das gilt ähnlich auch für eine Hochschule – den Herausforderungen des globalen Wandels stellt. Ökonomische und politische Rahmenbedingungen sowie Einstellungen und Werte in den verschiedenen weltwirtschaftlichen Regionen müssen beachtet werden. Sanford betonte in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung von Diversität bei der Zusammensetzung der Mitarbeitenden. Firmen sind erfolgreicher, wenn sie das Wissen und die Werte von Menschen unterschiedlicher Disziplinen, unterschiedlicher Kulturen, unterschiedlichen Geschlechts und Alter etc. diskriminierungsfrei einbeziehen. Die ETH Zürich hat längst erkannt, dass auch Hochschulen sowohl in der Forschung als auch in der Lehre auf Dauer sehr viel erfolgreicher sein können, wenn sie eben dieser Diversität Rechnung tragen.

Als zweiten Erfolgsfaktor hob Sanford hervor, dass die neuesten technologischen Entwicklungen und das dahinter stehende analytische Denken unterstützt werden. Dies ist selbstverständlich für Firmen, die ihr Geschäft mit technologischen Produkten machen. Aber auch an einer Hochschule wie der ETH geht es darum, «vorne» mitzuspielen. Analytisches Denken, im Studium gestärkt und in der Forschung eingesetzt, ist ein entscheidendes Plus der ETH Zürich.

Schliesslich wies Sanford auf die Bedeutung der gemeinsamen Firmenphilosophie hin. Sie führte aus, dass es nicht nur um eine vordergründige «Corporate Identity» ginge, sondern dass die grundlegenden Werte der Mitarbeitenden möglichst gut zusammenpassen sollten. Es sei klar geworden, dass in der heutigen Zeit eine gute Zusammenarbeit der Mitarbeitenden essentiell sei. Die Zeiten des «Command and Control» durch die jeweiligen Vorgesetzten seien endgültig vorbei; heute gehe es um «Cooperation». Dies trifft natürlich auch für die ETH Zürich zu, die schon viel unternommen hat, um die Zusammenarbeit in Teams, insbesondere auch in disziplinär gemischten Teams, zu fördern.

Der akademische Bereich stösst jedoch in Sachen Teamarbeit an Grenzen. In Berufungsverfahren zur Besetzung von Professuren etwa wird weltweit nach wie vor viel Wert auf individuelle sowie auf disziplinäre Leistungen gelegt. Es ist an der Zeit, die entsprechenden Kriterien derart anzupassen, dass eine qualifizierte intra-, inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit anerkannt wird. Die gegenwärtig von Top-Journals und Forschungsförderungseinrichtungen praktizierten Auswahlkriterien scheinen mit dem kooperativen Ansatz Mühe zu haben. Will man die drängenden Herausforderungen der heutigen Zeit jedoch forschungsorientiert lösen, scheint es keine Alternative zur Kooperation zu geben. Divers, analytisch und kooperativ – eine Devise, die nicht nur Firmen, sondern auch Hochschulen stark und relevant macht. Es geht in beiden Bereichen um die Stärkung der sogenannten «kollektiven Intelligenz». Und diese fällt gemäss einer neuen Studie der Universität Carnegie Mellon* interessanterweise bei einem hohen Frauenanteil besonders hoch aus.

Literaturhinweis

Williams Woolley, A., Chabris, Chr. F., et al.: Evidence for a Collective Intelligence Factor in the Performance of Human Groups. Science, Vol. 330, 29 October 2010, pp. 686-688

Zur Autorin

Renate Schubert ist Professorin für Nationalökonomie im Departement für Geistes- und Sozialwissenschaften (D-GESS) und leitet seit Sommer 2006 das Institut für Umweltentscheidungen, das sie mitbegründet hat. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Entscheidungs-, Risiko- und Versicherungsforschung, Energie- und Umweltökonomie, Frauenforschung sowie Studien über Probleme von Entwicklungsländern. Seit Dezember 2008 ist sie Delegierte des ETH-Präsidenten für Chancengleichheit.

 
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