Veröffentlicht: 19.10.11
Campus

Preisgekröntes Gemeindezentrum für die Favela

In einer Armensiedlung in São Paulo wird ein Gemeindezentrum gebaut, das den «Holcim Award Gold for Sustainable Construction 2011» erhalten hat. Die Architekten des Projekts, Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner, sind Professoren für Architektur und Städtebau am Departement Architektur der ETH Zürich.

Lars Gubler
Das Gemeindezentrum in São Paulo, entwickelt von Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner, Professoren für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich (Bild: Holcim Foundation).
Das Gemeindezentrum in São Paulo, entwickelt von Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner, Professoren für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich (Bild: Holcim Foundation). (Galerie)

Paraísopolis oder «Paradies-Stadt» – so verheissungsvoll klingt der Name einer Armensiedlung in der brasilianischen Millionenstadt São Paulo. Niemand weiss so genau, wie viele Menschen dort leben. Es dürften um die 100‘000 sein. Die Menschen haben wenig zum Leben, die Kriminalität ist hoch. Die Behausungen stehen an steilen Hängen, der Untergrund ist von schlechter Qualität. Deshalb kommt es immer wieder zu Erdrutschen. Die Favela ist durch eine einzige Strasse mit dem angrenzenden Stadtteil verbunden.

Im Zentrum der «Paradies-Stadt» klafft ein Loch – aufgrund eines Erdrutsches und den darauf folgenden Abrissarbeiten der Stadtbehörden. Die Stadt São Paulo will das Gebiet aufwerten, Infrastruktur bereitstellen. Deshalb errichtet sie nun in einer der grössten Favelas der Welt ein Gemeindezentrum für die lokale Bevölkerung. Entwickelt haben das Mehrzweckgebäude Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner, beide Professoren für Architektur und Städtebau am Departement Architektur der ETH Zürich und Gründer des «Urban Think Thank» in São Paulo. Für das Projekt wurden sie vom Schweizer Zementkonzern Holcim mit dem «Holcim Award Gold for Sustainable Construction 2011» für Lateinamerika ausgezeichnet.

Musikschule als sozialer Katalysator

Die Preisjury würdigte die konsequente Umsetzung des Nachhaltigkeitsprinzips von der Makro- bis zur Mikroebene. Zudem beziehe das Projekt «Grotão – Fábrica de Música» die lokale Bevölkerung bei der Planung mit ein. Das Gebäude soll ein Zentrum für die öffentliche Infrastruktur sein und eine Musikschule sowie einen Veranstaltungssaal beherbergen. Die Musikschule ermöglicht Jugendlichen aus der Favela Zugang zu einer musikalischen Ausbildung und wirkt so als gesellschaftlicher Katalysator.

Neben ihren sozialen Funktionen verfügt der Bau auch über eine nachhaltige Wasserversorgung und Kühlung. Beim neuen Gemeindezentrum soll auch eine Buslinie Halt machen. Heute ist das Quartier nur schwer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar und viele Quartierbewohner waren noch nie im Stadtzentrum São Paulos.

«Social design» in der Favela

Aufgrund der topographischen Gegebenheiten in Paraísopolis entsteht nun ein öffentlicher Raum mit Blick auf das Gemeindezentrum, der die Bevölkerung dazu animieren soll, sich am Gemeindeleben zu beteiligen. Das kann vom Anlegen eines gemeinsamen Gartens bis hin zur Fussballübertragung auf Grossleinwand gehen. Doch noch vor den sozialen kommen die physiologischen Bedürfnisse. Deshalb werden im Zusammenhang mit dem Bau des Gemeindezentrums auch heute nicht existierende Infrastrukturen wie fliessendes Wasser, Abwasserkanäle, Beleuchtung und städtische Dienste aufgebaut.

Bahnbrechende Betonverschalung

Zusätzlich zum Projekt in São Paulo wurde eine weitere Arbeit von Professoren der ETH Zürich mit einem «Anerkennungspreis» (engl. «acknowledgement price») der Holcim ausgezeichnet. Fabio Gramazio und Matthias Kohler, beide Professoren für Architektur und Digitale Fabrikation, entwickelten ein Verfahren, mit dem sich Betonstrukturen als Unikate giessen lassen. Die dafür benötigte Gussform wird aus Sand hergestellt. Aus ihr wird ein Wachsnegativ gegossen. Da das Wachs wiederverwertbar ist, kann gegenüber den konventionellen Materialien wie Polystyren oder Sperrholz Energie und Material gespart werden. Zudem können mit dem Verfahren dank CAD kompliziertere Formen hergestellt werden. Die Preisjury attestierte der Technologie grosses Potential für einen breiten Einsatz in der Zukunft.

«Holcim Foundation»

Die «Holcim Foundation» organisiert ihren Wettbewerb für nachhaltiges Bauen in fünf Weltregionen (Europa, Nordamerika, Lateinamerika, Afrika, Mittlerer Osten und Asien/Pazifik). Mit den «Holcim Awards» will die Stiftung nachhaltige Antworten auf technische, ökologische, sozioökonomische und kulturelle Herausforderungen fördern. Im aktuellen Wettbewerbszyklus wurden über 6000 Projekte aus 146 Ländern eingereicht. Die gesamte Preissumme beträgt 2 Millionen US-Dollar für drei Jahre. Die 15 Projekte, welche die «Holcim Awards» Gold, Silber oder Bronze erhalten, qualifizieren sich für die «Global Holcim Awards».

 
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