Sitzen vs. Siezen
Die Schweizer. Ein Volk von Sitzerinnen und Sitzern, Siezerinnen und Siezern. Sie gehören auch dazu? Schön. Aber: Sitzen Sie beim Siezen? Oder stehen Sie? Siezen Sie im Sitzen? Oder Duzen Sie?
Ich sitze gerne. Von einem ehemaligen Sportstudenten hätten Sie sicher anderes erwartet. Der an der ETH Zürich herangezüchtete Bewegungsdrang sollte dazu ausreichen, dass wenigstens die Sportlehrer dieser Welt lieber stehen als sitzen. Leider nein.
Auch wenn es immer heisst, sitzen sei ungesund: Ich sitze. Ich fahre nie in einem Zug, Tram oder Bus ohne abzusitzen. Natürlich nur, wenn es Platz hat. Mitten im Zug auf den Boden oder anderen Passagieren auf die Knie zu sitzen, ist wohl nicht sehr ratsam. Obwohl...ein Versuch wär’s wert. «Entschuldigen Sie, darf ich auf ihre Knie sitzen? Ach, schon besetzt? Schade.» Wo soll das bloss noch hinführen mit unserem öV?
Natürlich sitze ich vor dem Fernseher. Im Kino übrigens auch. Oder haben Sie mal das Gegenteil versucht? Fragen Sie doch mal an der Kasse, ob Sie nur den halben Preis bezahlen, wenn Sie während des ganzen Films stehen. Oder stehen Sie mitten im Film auf und rufen Sie in die Runde: «Ich stehe lieber, ist das ok?» Wenn Sie in kürzester Zeit nicht mit faulen Eiern und Tomaten beworfen werden, heisst das höchstens, dass Sie die Kindervorstellung erwischt haben, wo sowieso alle in der ersten Reihe (also vor Ihnen) sitzen.
Die Kinder haben das mit dem Sitzen sowieso schnell kapiert. Es ist ja auch einer unserer grössten, frühkindlichen Erfolge, wenn wir das erste Mal selbstständig sitzen können. Zwar versuchen wir anschliessend, möglichst schnell auf die Beine zu kommen, aufzustehen, vorwärts zu kommen, zu rennen, zu springen, zu hüpfen. Wir üben uns in allen möglichen und unmöglichen Sportarten und Bewegungsformen, nur um anschliessend bei jeder Gelegenheit ... genau: zu sitzen.
Wie sieht‘s mit dem Siezen aus? Das «selbständige und eigenmächtige Siezen» kommt in der Entwicklung des Kindes ja etwas nach dem selbständigen Sitzen. Aber auch da musste ich früh lernen, dass ich die Tante im Kindergarten, dem Buschauffeur, und die Frau an der Migros-Kasse nicht «Duzen» sollte. Kaum hatte ich das mit dem «Sie» verstanden, kam auch schon die «ich-mach-jetzt-alles-anders-Phase». «Ich sag‘ jetzt allen ˂Du˃. Ätsch.» Was die Lehrer davon hielten, können Sie sich denken…und ich musste draussen sitzen.
Wir siezen ja, um höflich zu sein. Oder zumindest tun wir es, um Höflichkeit vorzutäuschen. Ist manchmal hilfreich. Nur weil wir den Polizisten mit dem Bussenzettel siezen, heisst das noch lange nicht, dass wir ihm gegenüber höfliche Gedanken hätten. Das Siezen hindert uns also daran, Dinge zu sagen, die wir nachher bereuen könnten. Wir sprechen vom Duzen im Siezen…und vergeben einen Punkt an die Siezer.
Auch im geschäftlichen Umfeld ist es angebracht, das Gegenüber zu Siezen. Und gerade an der ETH wird es nicht sinnvoll sein, den neuen Professor vom ersten Tag an zu duzen. Es sei denn er oder sie stammt aus dem angelsächsischen Raum oder aus Skandinavien.
Ansonsten halte ich es folgendermassen: Geschäftlich und älter als ich? Dann «Sie». Sonst «Du». Klingt einfach? Aber Vorsicht! Folgen Sie diesem Prinzip, ist jemand, den Sie duzen, gemäss Definition jünger oder gleich alt wie Sie. Umgekehrt ist eben jemand, den Sie siezen entweder geschäftlich verbandelt mit Ihnen und/oder nach ihrer Einschätzung älter als Sie. Passen Sie also auf, wie Sie die Damenwelt ansprechen! Sind Sie mit einer Dame offensichtlich nicht geschäftlich verknüpft, sprechen sie aber mit «Sie» an, heisst das so viel wie: Die Dame sieht aber einiges älter aus als ich...da sieze ich besser. Die bösen Blicke sind vorprogrammiert und wir lernen, «Sie» muss nicht immer höflich sein. Ein Punkt für die Duzer.
Soll man aber nun im Sitzen siezen oder im Stehen duzen? Angenommen Sie sitzen im vollen Tram. Eine ältere Dame steigt ein, Sie möchten ihr den Platz anbieten. Wenn Sie das Gespräch eröffnen mit «möchten Sie sich setzen?» (also im Sitzen siezen), suggerieren Sie, dass das Alter der Dame – gelinde gesagt - bereits jenseits Ihres Interessengebietes liegt. Andererseits, eine Dame in diesem Alter mit «Du» anzusprechen (duzen im Sitzen), sollte man ja auch nicht. Ein «Sie ungezogener Bengel, Sie» wollen Sie dann im vollen Tram doch nicht riskieren. Und schon gar kein «Sie» bzw. gleich zwei, was ja heissen würde, dass Sie heute NOCH älter aussehen als Sie sich fühlen.
Also stehen Sie einfach auf und hoffen, die Dame nimmt sich wortlos den Platz. Leider Pech gehabt: Ein Lümmel schnappt sich den Platz, ehe sich die Dame setzen konnte. Ein «du unverschämter Lümmel, du» (also ein Duzen im Stehen) macht den Platz wieder frei. Ein anschliessendes «das ist aber nett von Dir» an Ihre Adresse von Seiten der sitzenden Dame (also ein Duzen im Sitzen) zeigt dir, dass du eben doch noch jünger aussiehst, als du dich grad fühlst … es wird ein schöner Tag.
Was lernen wir daraus? Ein Duzen im Sitzen ist immer noch
besser als ein Siezen im Dutzend!
Zum Autor
Der Heimwehbündner Stefan Flury ist in der Sportdestination schlechthin und der Heimat des WEF aufgewachsen: in Davos. Kein Wunder zählt der Schneesport – an erster Stelle Ski- und Snowboardfahren - zu seinen Hobbys. Das Warten auf den nächsten Winter verkürzt er sich mit Biken, Klettern, Surfen, Kiten, Tennis, Beachvolley und vielem mehr. Bei schlechtem Wetter greift er auch in die Klaviertasten. Wie so viele seiner Bündner Art- und Leidensgenossen hat es auch ihn für das Studium nach Zürich gezogen, wo er, wenn wunderts, Sportlehrer und BWL studierte. Nach verschiedenen Praktika in der Privatwirtschaft, einiger Zeit als Projektleiter beim Kanton Graubünden und ausgedehnten Reisen arbeitet er seit März 2009 an der ETH Zürich im Stab «Veranstaltungen und Standortentwicklung».
LESERKOMMENTARE