«Nur mit der Forschung erfüllen wir unseren Auftrag nicht»
Gerald Haug, Vorsteher des Departements Erdwissenschaften und Sean Willett, Studiendelegierter im Departement, erklären im Interview, warum der Studiendelegierte eine zentrale Rolle im Departement spielen sollte und welche Bedeutung er für die Lehre hat.
Herr
Haug, der neue Leitfaden für Studiendelegierte an der ETH definiert erstmals dessen
Aufgaben. Ist dies notwendig?
Ja,
denn wir haben zwei Kernaufgaben an der Hochschule: Forschung
und Lehre. An der Forschung sind wir ebenso beteiligt wie an der Lehre. Der
Vorsteher ist für die generelle Administration, Strategie und Finanzen verantwortlich
und der Studiendelegierte für die zweite Säule, die Lehre, die auch von
finanziellen Entscheiden betroffen ist. Der Leitfaden empfiehlt jetzt, dass der
Studiendelegierte generell Mitglied der Departementsleitung sein sollte. Da die
Ämter im Rotationsverfahren vergeben werden, sollten sich alle Kollegen mit
diesem Leitfaden vertraut machen.
Sean Willett: Bisher war die Rolle des Studiendelegierten nicht klar definiert und wurde innerhalb der Departemente unterschiedlich gehandhabt. Der neue Leitfaden hilft den Departementen und zeigt den Studiendelegierten, welche Aufgaben sie haben.
Wie
zum Beispiel?
Willett: Bei uns ist der Studiendelegierte für die
Weiterentwicklung der Studiengänge verantwortlich und er achtet darauf, dass
die beschlossenen Änderungen entsprechend umgesetzt und eingeführt werden. Er
hat als Mitglied der Studienkonferenz und der Notenkonferenz viele formalen
Pflichten, aber auch viele praktische Aufgaben. Er begrüsst zum Beispiel
gemeinsam mit dem Vorsteher die neuen Studierenden und sorgt für einen Ersatz,
falls Dozierende ausfallen.
Herr Haug, Sie
haben schon früh dafür plädiert, dass der Studiendelegierte Teil der
Departementsleitung ist. Jetzt schlägt dies auch der Leitfaden vor. Warum ist dies
so wichtig?
Haug: Es ist entscheidend, dass die Departementsleitung
weiss, was in den Studiengängen, und nicht nur in den eigenen, diskutiert wird
und mit welchen Themen sich das Rektorat beschäftigt. Das erfährt der
Studiendelegierte in seinen Gremien. Umgekehrt gibt es auch finanzielle
Entscheidungen des Leitungs-Ausschusses im Departement, die die Lehre
betreffen. Bei den Erdwissenschaften fliesst ein erheblicher Teil des Budgets
in Exkursionen. Daher ist es sinnvoll, wenn der Studiendelegierte permanentes
Mitglied der Leitung ist und darüber Bescheid weiss und informiert. Hinzu
kommt, dass man von Professoren nicht verlangen kann, 30 Prozent ihrer
Arbeitszeit für ein Amt einzusetzen, um dann nicht mitzuentscheiden. Das geht
nicht.
Willett: Bisher hat niemand in der Leitung explizit die Lehrbelange vertreten. Mit der neuen Empfehlung kann der Studiendelegierte damit auch die Verantwortung an zentraler Stelle übernehmen. Er bildet so die Brücke zwischen Departement und Lehrangelegenheiten der ETH.
Bei den
Erdwissenschaften ist der Studiendelegierte schon seit eineinhalb Jahren Teil
der Departementsleitung. Gibt es noch weitere Massnahmen, mit denen Sie die
Lehre stärken?
Haug: Wir haben einen sogenannten «Teaching-Pool»
eingerichtet. Diese Idee haben wir von den Kollegen in den Umweltwissenschaften
übernommen. In diesen Fonds fliessen zwei Prozent unseres Personalbudgets
hinein. Nach einem Punktesystem gemäss dem Vorlesungsverzeichnis erhält jede
Professur daraus Mittel. Diejenigen mit einem hohen Lehrpensum profitieren
davon. Ziel ist es, einen Ausgleich für diejenigen zu schaffen, die sich mehr
in der Lehre engagieren. Es ist auch ein Zeichen der Wertschätzung für die Lehre.
Im Gegensatz zu
Forschungserfolgen hat der Studiendelegierte nicht mit viel Ruhm und Ehre zu
rechnen?
Willett: Das stimmt. Die Anerkennung ist im Vergleich zur
Forschung nicht sehr hoch, vor allem, da die Arbeit viel mit Strukturen und
Routinearbeiten zu tun hat. Derjenige, der forscht, erhält sichtbare Anerkennung
durch Resultate oder Publikationen. Meine Erfahrungen aus den USA zeigen aber,
dass die gesellschaftliche Anforderung an die Hochschule als Ausbildungsort
gestiegen ist. Nur mit Forschung allein können wir unseren Auftrag nicht
erfüllen. Daher ist es wichtig, dass der Studiendelegierte als Teil der
Departementsleitung immer wieder daran erinnert, dass auch dies eine wichtige
Aufgabe ist.
Haug: Es liegt in der Natur der Sache, dass administrative Aufgaben generell weniger gefragt sind. Trotzdem sind sie notwendig und sorgen für einen reibungslosen Betrieb. Etwa 50 Prozent meiner Arbeitszeit entfallen auf die Departementsleitung und beim Studiendelegierten sind es rund 30 Prozent, wenn nicht sogar mehr. Daher ist es umso wichtiger, dass diese Person Teil der Leitung ist, auch um die Position attraktiv zu machen.
Der
Studiendelegierte ist zuständig für die Entwicklung der Lehre. Welche
Änderungen haben Sie durchgesetzt?
Willett: Wir ändern die Ausbildung nicht jedes Jahr, denn
wir und die Studierenden brauchen Stabilität. Die Curricula werden in einem
festen Zeitraum überprüft, ob sie noch auf dem aktuellen Stand sind. Seit drei
Jahren haben die Bachelor- und Masterprogramme dieselben Inhalte und
Anforderungen. Ab dem Herbstsemester erneuern wir die Masterprogramme so, dass
die Studierenden zwischen einigen Modulen wählen können, um die Ausbildung
individueller zu gestalten.
Inwiefern
unterstützt der Leitfaden die Studiendelegierten bei ihrer Arbeit?
Willett: Er beschreibt klar die Rechte und Pflichten des
Studiendelegierten, aber auch die Werkzeuge, die seine Arbeit erleichtern. Insbesondere
für Leute, die neu an die ETH kommen, ist er eine grosse Hilfe. Ich war erst
ein Jahr an der ETH, als ich Studiendelegierter wurde, und ich wäre froh
gewesen, wenn ich eine solche Grundlage gehabt hätte. Aber vielleicht habe ich
die Aufgabe sogar übernommen, da ich noch nicht wusste, was auf mich zukommt. (lacht)
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