Veröffentlicht: 05.10.11
Intern

«Nur mit der Forschung erfüllen wir unseren Auftrag nicht»

Gerald Haug, Vorsteher des Departements Erdwissenschaften und Sean Willett, Studiendelegierter im Departement, erklären im Interview, warum der Studiendelegierte eine zentrale Rolle im Departement spielen sollte und welche Bedeutung er für die Lehre hat.

Thomas Langholz
Gerald Haug, Vorsteher des Departements Erdwissenschaften und der Studiendelegierte des Departements Sean Willett. (Bild: ETH Zürich)
Gerald Haug, Vorsteher des Departements Erdwissenschaften und der Studiendelegierte des Departements Sean Willett. (Bild: ETH Zürich)

Herr Haug, der neue Leitfaden für Studiendelegierte an der ETH definiert erstmals dessen Aufgaben. Ist dies notwendig?
Ja, denn wir haben zwei Kernaufgaben an der Hochschule: Forschung und Lehre. An der Forschung sind wir ebenso beteiligt wie an der Lehre. Der Vorsteher ist für die generelle Administration, Strategie und Finanzen verantwortlich und der Studiendelegierte für die zweite Säule, die Lehre, die auch von finanziellen Entscheiden betroffen ist. Der Leitfaden empfiehlt jetzt, dass der Studiendelegierte generell Mitglied der Departementsleitung sein sollte. Da die Ämter im Rotationsverfahren vergeben werden, sollten sich alle Kollegen mit diesem Leitfaden vertraut machen.

Sean Willett: Bisher war die Rolle des Studiendelegierten nicht klar definiert und wurde innerhalb der Departemente unterschiedlich gehandhabt. Der neue Leitfaden hilft den Departementen und zeigt den Studiendelegierten, welche Aufgaben sie haben.

Wie zum Beispiel?
Willett: Bei uns ist der Studiendelegierte für die Weiterentwicklung der Studiengänge verantwortlich und er achtet darauf, dass die beschlossenen Änderungen entsprechend umgesetzt und eingeführt werden. Er hat als Mitglied der Studienkonferenz und der Notenkonferenz viele formalen Pflichten, aber auch viele praktische Aufgaben. Er begrüsst zum Beispiel gemeinsam mit dem Vorsteher die neuen Studierenden und sorgt für einen Ersatz, falls Dozierende ausfallen.

Herr Haug, Sie haben schon früh dafür plädiert, dass der Studiendelegierte Teil der Departementsleitung ist. Jetzt schlägt dies auch der Leitfaden vor. Warum ist dies so wichtig?
Haug: Es ist entscheidend, dass die Departementsleitung weiss, was in den Studiengängen, und nicht nur in den eigenen, diskutiert wird und mit welchen Themen sich das Rektorat beschäftigt. Das erfährt der Studiendelegierte in seinen Gremien. Umgekehrt gibt es auch finanzielle Entscheidungen des Leitungs-Ausschusses im Departement, die die Lehre betreffen. Bei den Erdwissenschaften fliesst ein erheblicher Teil des Budgets in Exkursionen. Daher ist es sinnvoll, wenn der Studiendelegierte permanentes Mitglied der Leitung ist und darüber Bescheid weiss und informiert. Hinzu kommt, dass man von Professoren nicht verlangen kann, 30 Prozent ihrer Arbeitszeit für ein Amt einzusetzen, um dann nicht mitzuentscheiden. Das geht nicht.

Willett: Bisher hat niemand in der Leitung explizit die Lehrbelange vertreten. Mit der neuen Empfehlung kann der Studiendelegierte damit auch die Verantwortung an zentraler Stelle übernehmen. Er bildet so die Brücke zwischen Departement und Lehrangelegenheiten der ETH.

Bei den Erdwissenschaften ist der Studiendelegierte schon seit eineinhalb Jahren Teil der Departementsleitung. Gibt es noch weitere Massnahmen, mit denen Sie die Lehre stärken?
Haug: Wir haben einen sogenannten «Teaching-Pool» eingerichtet. Diese Idee haben wir von den Kollegen in den Umweltwissenschaften übernommen. In diesen Fonds fliessen zwei Prozent unseres Personalbudgets hinein. Nach einem Punktesystem gemäss dem Vorlesungsverzeichnis erhält jede Professur daraus Mittel. Diejenigen mit einem hohen Lehrpensum profitieren davon. Ziel ist es, einen Ausgleich für diejenigen zu schaffen, die sich mehr in der Lehre engagieren. Es ist auch ein Zeichen der Wertschätzung für die Lehre.

Im Gegensatz zu Forschungserfolgen hat der Studiendelegierte nicht mit viel Ruhm und Ehre zu rechnen?
Willett: Das stimmt. Die Anerkennung ist im Vergleich zur Forschung nicht sehr hoch, vor allem, da die Arbeit viel mit Strukturen und Routinearbeiten zu tun hat. Derjenige, der forscht, erhält sichtbare Anerkennung durch Resultate oder Publikationen. Meine Erfahrungen aus den USA zeigen aber, dass die gesellschaftliche Anforderung an die Hochschule als Ausbildungsort gestiegen ist. Nur mit Forschung allein können wir unseren Auftrag nicht erfüllen. Daher ist es wichtig, dass der Studiendelegierte als Teil der Departementsleitung immer wieder daran erinnert, dass auch dies eine wichtige Aufgabe ist.

Haug: Es liegt in der Natur der Sache, dass administrative Aufgaben generell weniger gefragt sind. Trotzdem sind sie notwendig und sorgen für einen reibungslosen Betrieb. Etwa 50 Prozent meiner Arbeitszeit entfallen auf die Departementsleitung und beim Studiendelegierten sind es rund 30 Prozent, wenn nicht sogar mehr. Daher ist es umso wichtiger, dass diese Person Teil der Leitung ist, auch um die Position attraktiv zu machen.

Der Studiendelegierte ist zuständig für die Entwicklung der Lehre. Welche Änderungen haben Sie durchgesetzt?
Willett: Wir ändern die Ausbildung nicht jedes Jahr, denn wir und die Studierenden brauchen Stabilität. Die Curricula werden in einem festen Zeitraum überprüft, ob sie noch auf dem aktuellen Stand sind. Seit drei Jahren haben die Bachelor- und Masterprogramme dieselben Inhalte und Anforderungen. Ab dem Herbstsemester erneuern wir die Masterprogramme so, dass die Studierenden zwischen einigen Modulen wählen können, um die Ausbildung individueller zu gestalten.

Inwiefern unterstützt der Leitfaden die Studiendelegierten bei ihrer Arbeit?
Willett: Er beschreibt klar die Rechte und Pflichten des Studiendelegierten, aber auch die Werkzeuge, die seine Arbeit erleichtern. Insbesondere für Leute, die neu an die ETH kommen, ist er eine grosse Hilfe. Ich war erst ein Jahr an der ETH, als ich Studiendelegierter wurde, und ich wäre froh gewesen, wenn ich eine solche Grundlage gehabt hätte. Aber vielleicht habe ich die Aufgabe sogar übernommen, da ich noch nicht wusste, was auf mich zukommt. (lacht)

 
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