Schweizer Know-how für die Entwicklungspfade im globalen Dorf
Seit über 50 Jahren engagieren sich Bund und ETH Zürich in der Entwicklungszusammenarbeit. Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey würdigte am 30. September 2011 den langjährigen Einsatz und die wissenschaftlichen Kompetenzen der ETH in Entwicklungsfragen. Das Kooperationsverständnis hat sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt.
1961 rief der Bund den Dienst für
technische Zusammenarbeit ins Leben und legte damit den Grundstein für die
heutige DEZA. Die eigentliche Wiege der DEZA aber liegt an der ETH, wie ETH-Präsident Ralph Eichler in der Begrüssungsansprache des Jubiläumsanlasses im Auditorium Maximum darlegte: In den Nachkriegsjahren koordinierte
zunächst sie die internationale Entwicklungszusammenarbeit und stellte auch die meisten Fachspezialisten.
Kennzeichnend für die damals technik- und infrastrukturbezogene Auffassung von Entwicklungshilfe war die erste Mission in Nepal: Vier Wissenschaftler reisten in den Himalaya, um die Nepalesen in Landwirtschaft, Raumplanung, Vermessung und Strassenbau zu instruieren.
Bis heute haben über 50 Professuren direkten Forschungsbezug zu Entwicklungsländern. Ihr Fokus hat sich seit den Anfängen stark verändert: «Am Anfang stand der Austausch des Nordens mit dem Süden im Vordergrund. Heute hingegen präsentiert sich die Welt als ein ‹globales Dorf› und ist nicht mehr so einfach wie vor fünfzig Jahren», erklärte Ralph Eichler und verwies auf ein Universitätsprojekt in Addis Abeba und auf eine Synchrotron Lichtquelle in Jordanien.
Ausbildung statt Infrastrukturaufbau
Auch in der Praxis hat sich die
Entwicklungszusammenarbeit gewandelt: Wie Martin Menzi, der
ehemalige Leiter des ETH-Nachdiplomstudiums für Entwicklungsländer (NADEL) und
frühere Helvetas-Präsident, darlegte, hat sich das Rollenverständnis
des Entwicklungshelfers von einem «Hardware»- zu einem «Software»-Ansatz
verschoben.
Nicht mehr Infrastrukturaufbau und Technologieentwicklung stehen im Vordergrund, sondern Investitionen in die Ausbildung und Befähigung zur Problemlösung vor Ort. Sinnbildlich dafür steht die Laufbahn eines Landwirtschaftsministers Bhutans, der sich wie über 600 Fachkräften am NADEL weitergebildet hat.
Ausdrücklich würdigte Martin Menzi die anfängliche Weitsichtigkeit von Friedrich Traugott Wahlen. Der ehemalige Pflanzenbau-Professor der ETH, FAO-Direktor und Bundesrat hatte schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg dargelegt, dass übergrosse Unterschiede zwischen den Völkern aus ethischen, sozialen und politischen Gründen nicht mehr tragbar seien.
Aktive Neutralität statt Machtpolitik
DEZA-Direktor
Martin Dahinden erinnerte daran, dass Schweizer Entwicklungsfachleute auch an
Orten unterstützen können, zu denen andere Geberländer aufgrund ihrer militärischen
Machtpolitik keinen Zugang erhielten: «Die schweizerische
Entwicklungszusammenarbeit erfolgte nie aus geostrategischen Überlegungen,
sondern drückte immer eine aktive Auffassung von Neutralität aus.»
Laut Dahinden hat sich die Perspektive der Entwicklungszusammenarbeit von der punktuellen Massnahme zum systemischen Ansatz erweitert. Ihm zufolge könnten beispielsweise blosse Medikamentenlieferungen den Anstieg der Diabetes-Erkrankungen in Nicaragua nicht eindämmen, solange die Lösungsstrategie die Zusammenhänge von Gesundheit, Ernährung, Wohlstand und Welthandel nicht berücksichtige.
Die Entwicklungszusammenarbeit
wird sich auch in Zukunft weiterentwickeln: «In den meisten globalen Problemen
bestimmt der Süden den zukünftigen Kurs und nicht wir», sagte Wolfgang
Kinzelbach, der Präsident des Nord-Süd-Zentrums, des
Kompetenzzentrums der ETH Zürich für Lehre und Forschung in der internationalen
Zusammenarbeit, «Jede Kooperation, ob mit Industrie-, Schwellen- oder
Entwicklungsländern, muss eine Zweiwege-Zusammenarbeit sein, wenn sie dauerhaft
sein soll.»
Als Musterbeispiel stellte er den Fluggeophysiker Lesogo Kgotlhang vor, der an der ETH eine Methode zur Wasserkartierung entwickelte und in seinem Herkunftsland Botswana implementierte. Auch das Nord-Süd-Zentrum selbst werde nun mit Blick auf die 2012 auslaufende Finanzierung der DEZA die organisationale Form überprüfen, sagte Kinzelbach.
Pioniere statt weiter so wie bisher
In
ihrer Rede ordnete Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey die Leistungen der
ETH und der DEZA politisch ein: «Die Entwicklungszusammenarbeit ist ein
integraler Bestandteil der Schweizer Aussenpolitik.» Sie bezeichnete den
Übergang in postfossile und postnukleare Wirtschaftsstrukturen und die
Einbindung der Schwellenländer in klimaverträgliche und ressourcenleichte
Entwicklungspfade als die grossen, globalen Herausforderungen.
Die ETH sei prädestiniert, neue wissenschaftliche, technische und praktische Konzepte für problemgerechte Lösungen zu entwerfen. «Wir brauchen Pioniere, die die Politik des ‹Weiter-So-Wie-Bisher› hinterfragen und global vernetzt denken und handeln.»
Die andere Seite der Welt in der ETH
Die Jubiläumsausstellung «Die andere Seite der Welt» reflektiert die Geschichte der humanitären Schweiz. In 80 Interviews erzählen Schweizer Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von ihren Erfahrungen, die sie seit 1945 in der humanitären Hilfe, der Entwicklungszusammenarbeit und beim Einsatz für die Menschenrechte gemacht haben. Realisiert hat das Projekt der Verein «humem». Die Ausstellung wird vom 1. Oktober bis am 11. November 2011 im Hauptgebäude der ETH Zürich gezeigt. Danach begibt sie sich von 2011 bis 2013 auf Tournee durch die Schweiz.
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