Veröffentlicht: 03.10.11
Campus

Schweizer Know-how für die Entwicklungspfade im globalen Dorf

Seit über 50 Jahren engagieren sich Bund und ETH Zürich in der Entwicklungszusammenarbeit. Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey würdigte am 30. September 2011 den langjährigen Einsatz und die wissenschaftlichen Kompetenzen der ETH in Entwicklungsfragen. Das Kooperationsverständnis hat sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt.

Florian Meyer
ETH-Präsident Ralph Eichler empfängt die Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey persönlich … (Bild: Tom Kawara / ETH Zürich)
ETH-Präsident Ralph Eichler empfängt die Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey persönlich … (Bild: Tom Kawara / ETH Zürich) (Galerie)

1961 rief der Bund den Dienst für technische Zusammenarbeit ins Leben und legte damit den Grundstein für die heutige DEZA. Die eigentliche Wiege der DEZA aber liegt an der ETH, wie ETH-Präsident Ralph Eichler in der Begrüssungsansprache des Jubiläumsanlasses im Auditorium Maximum darlegte: In den Nachkriegsjahren koordinierte zunächst sie die internationale Entwicklungszusammenarbeit und stellte auch die meisten Fachspezialisten.

Kennzeichnend für die damals technik- und infrastrukturbezogene Auffassung von Entwicklungshilfe war die erste Mission in Nepal: Vier Wissenschaftler reisten in den Himalaya, um die Nepalesen in Landwirtschaft, Raumplanung, Vermessung und Strassenbau zu instruieren.

Bis heute haben über 50 Professuren direkten Forschungsbezug zu Entwicklungsländern. Ihr Fokus hat sich seit den Anfängen stark verändert: «Am Anfang stand der Austausch des Nordens mit dem Süden im Vordergrund. Heute hingegen präsentiert sich die Welt als ein ‹globales Dorf› und ist nicht mehr so einfach wie vor fünfzig Jahren», erklärte Ralph Eichler und verwies auf ein Universitätsprojekt in Addis Abeba und auf eine Synchrotron Lichtquelle in Jordanien.

Ausbildung statt Infrastrukturaufbau

Auch in der Praxis hat sich die Entwicklungszusammenarbeit gewandelt: Wie Martin Menzi, der ehemalige Leiter des ETH-Nachdiplomstudiums für Entwicklungsländer (NADEL) und frühere Helvetas-Präsident, darlegte, hat sich das Rollenverständnis des Entwicklungshelfers von einem «Hardware»- zu einem «Software»-Ansatz verschoben.

Nicht mehr Infrastrukturaufbau und Technologieentwicklung stehen im Vordergrund, sondern Investitionen in die Ausbildung und Befähigung zur Problemlösung vor Ort. Sinnbildlich dafür steht die Laufbahn eines Landwirtschaftsministers Bhutans, der sich wie über 600 Fachkräften am NADEL weitergebildet hat.

Ausdrücklich würdigte Martin Menzi die anfängliche Weitsichtigkeit von Friedrich Traugott Wahlen. Der ehemalige Pflanzenbau-Professor der ETH, FAO-Direktor und Bundesrat hatte schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg dargelegt, dass übergrosse Unterschiede zwischen den Völkern aus ethischen, sozialen und politischen Gründen nicht mehr tragbar seien.

Aktive Neutralität statt Machtpolitik

DEZA-Direktor Martin Dahinden erinnerte daran, dass Schweizer Entwicklungsfachleute auch an Orten unterstützen können, zu denen andere Geberländer aufgrund ihrer militärischen Machtpolitik keinen Zugang erhielten: «Die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit erfolgte nie aus geostrategischen Überlegungen, sondern drückte immer eine aktive Auffassung von Neutralität aus.»

Laut Dahinden hat sich die Perspektive der Entwicklungszusammenarbeit von der punktuellen Massnahme zum systemischen Ansatz erweitert. Ihm zufolge könnten beispielsweise blosse Medikamentenlieferungen den Anstieg der Diabetes-Erkrankungen in Nicaragua nicht eindämmen, solange die Lösungsstrategie die Zusammenhänge von Gesundheit, Ernährung, Wohlstand und Welthandel nicht berücksichtige.

Die Entwicklungszusammenarbeit wird sich auch in Zukunft weiterentwickeln: «In den meisten globalen Problemen bestimmt der Süden den zukünftigen Kurs und nicht wir», sagte Wolfgang Kinzelbach, der Präsident des Nord-Süd-Zentrums, des Kompetenzzentrums der ETH Zürich für Lehre und Forschung in der internationalen Zusammenarbeit, «Jede Kooperation, ob mit Industrie-, Schwellen- oder Entwicklungsländern, muss eine Zweiwege-Zusammenarbeit sein, wenn sie dauerhaft sein soll.»

Als Musterbeispiel stellte er den Fluggeophysiker Lesogo Kgotlhang vor, der an der ETH eine Methode zur Wasserkartierung entwickelte und in seinem Herkunftsland Botswana implementierte. Auch das Nord-Süd-Zentrum selbst werde nun mit Blick auf die 2012 auslaufende Finanzierung der DEZA die organisationale Form überprüfen, sagte Kinzelbach.

Pioniere statt weiter so wie bisher

In ihrer Rede ordnete Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey die Leistungen der ETH und der DEZA politisch ein: «Die Entwicklungszusammenarbeit ist ein integraler Bestandteil der Schweizer Aussenpolitik.» Sie bezeichnete den Übergang in postfossile und postnukleare Wirtschaftsstrukturen und die Einbindung der Schwellenländer in klimaverträgliche und ressourcenleichte Entwicklungspfade als die grossen, globalen Herausforderungen.

Die ETH sei prädestiniert, neue wissenschaftliche, technische und praktische Konzepte für problemgerechte Lösungen zu entwerfen. «Wir brauchen Pioniere, die die Politik des ‹Weiter-So-Wie-Bisher› hinterfragen und global vernetzt denken und handeln.»

Die andere Seite der Welt in der ETH

Die Jubiläumsausstellung «Die andere Seite der Welt» reflektiert die Geschichte der humanitären Schweiz. In 80 Interviews erzählen Schweizer Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von ihren Erfahrungen, die sie seit 1945 in der humanitären Hilfe, der Entwicklungszusammenarbeit und beim Einsatz für die Menschenrechte gemacht haben. Realisiert hat das Projekt der Verein «humem». Die Ausstellung wird vom 1. Oktober bis am 11. November 2011 im Hauptgebäude der ETH Zürich gezeigt. Danach begibt sie sich von 2011 bis 2013 auf Tournee durch die Schweiz.

 
Leserkommentare:
Wir sind an Ihrer Meinung interessiert. Bitte schreiben Sie uns: