Telefonieren ist meine Leidenschaft
Geht es Ihnen manchmal auch so? Sie nehmen am Morgen das Telefon in die Hand und geben es nicht mehr aus derselben, bis sie zwangsläufig dazu gezwungen werden? Nicht, weil Sie nichts mehr zu telefonieren und erzählen wissen, sondern weil es sich mit einem Telefon zwischen Ohr und Kopfkissen einfach nicht gut schläft? Ich kenne das. Sie denken jetzt wohl, ich sei ein 13-jähriges Mädchen, das seinen Kolleginnen in jeder freien Minute erzählen muss, was es Wichtiges gibt in der Welt - also im BRAVO meine ich. Oder Sie verwechseln mich mit dem Streifenanzug-Herrn, der grad mal wieder mit dem Handy am Ohr blindlings über das Central, den Hauptbahnhof und den Paradeplatz steuert, unterwegs dreimal nur knapp dem Tod durch Tram, Bus oder Velokurier entrinnt und sein Handy auch dann nicht vom Ohr nimmt, wenn er sich am Kiosk die neueste NZZ ersteht?
Da muss ich Sie enttäuschen. Auch bin ich kein Mann, der so unter der Knute seiner Freundin/Frau steht, dass er alle drei Minuten zu Hause anrufen muss, um der vermeintlich Liebsten zu berichten, dass er gerade ganz fest an sie – und nur an sie - denke und sie ganz doll lieb habe, nicht weil er das möchte, sondern weil er muss. Doch, doch, so was gibt‘s! Aber das ist definitiv nicht der Grund, weshalb Telefonieren meine Leidenschaft ist.
Der Grund ist so einfach wie tragisch: Ich habe an der «Scientifica» mitgeholfen. Was denn bitte Telefonieren mit Wissenschaft zu tun hat? Ich muss Ihnen ja kaum erklären, dass wir den ganzen Natel-Antennen-Salat am Ende den Physikern zu verdanken haben?! Wer hätte denn gedacht, dass aus einer Patentanmeldung von einem gewissen Alexander Graham Bell anno 1876 ein paar Jährchen später so was Wichtiges bzw. Nerviges entsteht? Dass eigentlich ein Anderer vor dem Herrn Bell das Patent für ein Telefon angemeldet hatte, aber die Kohle für die Registrierungsgebühr nicht aufbringen konnte ... ist wohl wissenschaftlich nicht erwiesen und tut drum nichts zur Sache.
Zurück zur Scientifica. Nein, nein, ich war nicht angestellt, um den Besuchern über 70 ihr Handy zu erklären. Das überlassen wir der Swisscom und der Migros-Klubschule. Ich wurde nur angefragt, ob ich in der Organisation mithelfen könnte. Nichts Böses ahnend sagte ich «ja», man unterstützt schliesslich seine Kolleginnen. Aber ich wurde hintergangen, jawohl! Und das an der ETH! Es sei ein verantwortungsvoller Job, den nicht jeder machen könne, hat man mir gesagt. Ein Job mit viel Präsenzzeit zwar, aber ich dürfe sitzen, hat man mir gesagt. Soweit alles in Ordnung und ich mit Leib und Seele dabei. Aber dass mit Präsenzzeit gemeint war, dass ich wohl einen ETH-internen Rekord im Dauertelefonieren aufstellen würde - das hat niemand gesagt! Jawohl, ich war in der Telefonzentrale des Betriebsbüros gelandet.
Da sass ich nun, ich armer Tor ... und dann ging es los am Tag des Aufbaus. Rrrrring! «Scientifica Betriebsbüro, Sie wünschen?» - «... blablabla ...» - «Was? Woher soll ich denn das wissen? Ich bin doch nur die Telefonzentrale». Aller Anfang ist schwer, aber nach den ersten 100 Anrufen wusste auch ich, wo man auf die Schnelle noch Verlängerungskabel, Steckleisten, Mehrfachstecker, Kabelrollen, Glühbirnen, Putzmaterial, Schraubenzieher, Kaffee und Gipfeli herbekam. Doch das waren ja nur die kleinen Dinge.
Da rief dieser Lieferant an. Wo er denn mit seinem Anhänger hinfahren soll, um den «Riesendarm» anzuliefern? «Wie bitte? Ein Riesendarm? Sind Sie richtig bei uns? Die Abteilung für Innere Medizin ist gleich vis-à-vis im Unispital, wenn Sie das meinen! Die behandeln übrigens auch Magendarmbeschwerden, Darmverschluss und Blinddarm, falls Sie grad den grossen Service machen lassen wollen. Und sonst gehen Sie in die Metzgerei, die kaufen Ihnen die Inner- und Schweinereien mit Sicherheit ab! Wie? Es geht um die Wissenschaft? Ach so...ja dann sind Sie hier richtig.» Wo er sich denn grad befinde, fragte ich ihn. «Dann schicke ich jemanden vorbei.» Da der Herr aber noch zirka 100 Kilometer nördlich von Freiburg im Breisgau auf der Autobahn unterwegs war, verzichtete ich dann darauf, ihm einen Helfer «entgegenzuschicken». Vorausdenken ist ja gut und recht, aber Sie wissen schon.
Plötzlich die Meldung, wonach ein teures Mountainbike aus der Tiefgarage - direkt neben dem Veloparkplatz des ETH-Präsidenten - gestohlen worden sei. Die Polizei sei informiert und komme vorbei. Ein paar Stunden später der Anruf. Ein Polizist ist am Apparat. Er finde in der Uni den Parkplatz des ETH-Präsidenten nicht. Hm, ja, also. Uni und ETH-Präsident... das passt ja so gut zusammen wie Matterhorn und St. Moritz. Nur weil beides wichtig und hoch gelegen ist, heisst ja noch lange nicht, dass beides am selben Ort ist. Tja, auch die Stadtpolizei scheint den Unterschied zwischen Uni und ETH (noch) nicht zu kennen. Ich schlage vor, wir laden die Stadtpolizei in die Tiefgarage der ETH ein.
Schliesslich der grosse Tag. Die Haupthalle ist voll mit Leuten: Mütter, Väter, Kinder. Da muss ja etwas passieren! Und schon geht's los. Ein aufgeregter Funkspruch: Notfall beim ETH-Haupteingang! Eine Person ist in den letzten Zügen. Ruft die Polizei, Feuerwehr, Rega - und informiert den Bundesrat. Eine Krise! Alles rennt in die Haupthalle, ich verfolge das Geschehen am Telefon soweit das möglich ist: Einem kleinen Jungen war es übel geworden. Ach herrje! Als die Armee eintraf, lag er schon in den Armen des Vaters, etwas bleich ... und nicht mal gekotzt hatte er. Dabei hatten wir doch extra Putzpersonal mobilisiert!
Spät abends ein neuer Versuch für eine spektakuläre Rettungsaktion. Einer Frau sei es im Uniturmlift unwohl geworden. Sofort wurde die Sanität angefordert, via Telefon und Funk. Der mit dem Funk ist sofort los. Als er ankam, war die Frau bereits weg. Wohin wohl? Hm ... na gut, die Notaufnahme wäre ja grad nebenan. Und die mit dem Telefon? Die hat das Ganze weitergeleitet. Via Telefon an jemand anderen, dieser hat's ebenfalls weitergeleitet, derjenige hat's per Funk dem Nächsten gesagt und jener nochmals per Funk dem Dritten. Sie kennen das Spiel, etwas so lange weiterzusagen, bis etwas Anderes herauskommt? Genau so wurde gespielt, und so ging es von «Uniturmlift Oben», zu «Uniwurm kifft Almosen», zu «Entschuldigung trifft Hosen», zur «Einigung mit Musen» und schliesslich zum «Eingang vom Museum». Tja, und da standen sie dann, die drei Sanitäter und vier Hobby-Helden, vor verriegelten Türen, denn das Museum hatte ja schon lange geschlossen. Da nützte auch der frisch geladene Defibrillator nichts. Was man in dem Fall tut? Genau! Man ruft im Betriebsbüro an, denn dort wirst du geholfen. Sofort wurden zwei Securitas-Männer vorbeigeschickt, nur um herauszufinden - dass alles ein Missverständnis war.
So ging es weiter, den lieben langen Tag. Ein Telefongespräch nach dem anderen, eine Frage nach der anderen, ein Problemchen nach dem anderen. Nonstopp, bis in den späten Abend hinein. Normalerweise hat man taube Ohren von zu lauter Musik. Ich hatte ein taubes Ohr vom Telefonieren. Na gut, der Hörer-Seitenwechsel nach Halbzeit wäre ja absolut im Bereich des Möglichen gelegen. Nur hätte mir das jemand sagen sollen. Aber diesen Anruf hatte ich wohl verpasst.
Zum Autor
Der Heimwehbündner Stefan Flury ist in der Sportdestination schlechthin und der Heimat des WEF aufgewachsen: in Davos. Kein Wunder zählt der Schneesport – an erster Stelle Ski- und Snowboardfahren - zu seinen Hobbys. Das Warten auf den nächsten Winter verkürzt er sich mit Biken, Klettern, Surfen, Kiten, Tennis, Beachvolley und vielem mehr. Bei schlechtem Wetter greift er auch in die Klaviertasten. Wie so viele seiner Bündner Art- und Leidensgenossen hat es auch ihn für das Studium nach Zürich gezogen, wo er, wenn wunderts, Sportlehrer und BWL studierte. Nach verschiedenen Praktika in der Privatwirtschaft, einiger Zeit als Projektleiter beim Kanton Graubünden und ausgedehnten Reisen arbeitet er seit März 2009 an der ETH Zürich im Stab «Veranstaltungen und Standortentwicklung».
- 14.09.11: Kolumne Flury: 'Teleföndle'
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