Wo die Pilzköpfe zu ihrer Frisur kamen
Das Praktikum von ETH-Studentin Julia Moser bei Airbus in Hamburg geht zu Ende. Sie macht sich Gedanken darüber, wie die Beatles zu ihren Pilzköpfen kamen, ein Pilot seiner Fluglinie einen Bärendienst erwies, und weshalb die Deutschen anders und doch so ähnlich sind wie die Schweizer.
Es ist noch
vor Sonnenaufgang und ein frischer Wind geht. Wir – ein paar Freunde und ich –
sind auf dem Weg zum Fischmarkt. Es ist fünf Uhr morgens, die Nacht haben wir
auf der Reeperbahn mit Feiern verbracht. Unten an der Elbe angekommen, sehen
wir schon die ersten Stände: frischen Fisch, Fischbrötchen jeglicher Art, aber
auch Gemüse, Früchte, Fleisch, Kaffee, ja sogar Pflanzen, Kleider und Ramsch
kann man hier kaufen. Der Fischmarkt – schon seit über 300 Jahren jeweils am
frühen Sonntagmorgen (ursprünglich, damit die Leute noch rechtzeitig zur
Predigt kamen) – ist heute weit mehr als ein Fischmarkt.
Es ist eine von Hamburgs Touristenattraktionen und für uns eine gute Abrundung einer durchzechten Nacht. Ein Fischbrötchen kommt da ganz gelegen. In der ursprünglichen Fischauktionshalle sind nicht mehr die Marktschreier zu hören, sondern Live-Bands, deren Musik die uns überfallende Müdigkeit vertreibt. Bevor wir nach Hause gehen, spazieren wir nochmal über den Markt. Wir haben einen wunderbaren Blick auf den Hafen, der auf der anderen Elbseite liegt. Etwas durchgefroren und müde lassen wir die Lichter des Hafens auf uns wirken und geniessen den Moment des anbrechenden Morgens. Dann wird es langsam Zeit, nach Hause zu gehen.
Für drei Wochen noch ist Hamburg mein Zuhause, also Zeit, mich allmählich von der Hansestadt, den Leuten und Airbus zu verabschieden.
Pilzfrisur aus Hamburg
Hamburg und seine Museen – eine gute Kombination. Die Aussage in meinem ersten Beitrag, das Wetter in Hamburg sei gar nicht so schlecht, hat sich seitdem leider nicht mehr oft bewahrheitet. Kein Grund, sich darüber aufzuregen (obwohl einem ein paar schöne Stunden am Elbstrand oder an der Alster entgehen): Im Kunst-, Völkerkunde- oder Auswanderermuseum kriegt man seine Zeit rum. Sehenswert ist auch das Beatlemania. Auf sechs Stockwerken wird mit Liebe zum Detail die gesamte Geschichte der wahrscheinlich erfolgreichsten Band des 20. Jahrhunderts aufgezeigt. Der Standort Hamburg ist kein Zufall: Am 16. August 1960 kamen John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Stuart Sutcliffe sowie Pete Best in der Hansestadt an und absolvierten in den darauffolgenden zwei Jahren mehrere Spielzeiten in Hamburg. Auf der Suche nach englischen Musikgruppen für seine Hamburger Nachtlokale hatte sich der deutsche Veranstalter Bruno Koschmider an seinen Liverpooler Geschäftspartner Allan Williams gewandt, welcher zeitweise das Management der Beatles übernommen hatte.
Schon ein Tag nach ihrer Ankunft gab die Band – zum ersten Mal unter dem Namen «The Beatles» – ein Konzert. Danach traten sie täglich im «Indra» auf, einem ehemaligen Striplokal an der Grossen Freiheit, einer berühmten Seitenstrasse der Reeperbahn. Der Club war kurz zuvor umgestaltet worden und das Publikum war deshalb anfangs etwas irritiert über die Band. Man hatte erwartet, dass sich Damen ausziehen. In den folgenden Wochen verschafften sich die Beatles Respekt und kamen beim Publikum gut an. Später lernten sie den zukünftigen Schlagzeuger Ringo Starr kennen, der damals in einer anderen Band spielte und Pete Best ablöste. Ende 1960 wurden die Beatles aus der Bundesrepublik wegen Verheimlichung von Harrisons Minderjährigkeit und angeblicher Brandstiftung durch McCartney und Best ausgewiesen. Nur Sutcliffe, der inzwischen mit der deutschen Fotografin Astrid Kirchherr zusammen war, blieb in der Hansestadt.
Später – Harrison war nun volljährig – kehrten die Beatles zurück. Ihr Stil und Auftreten wurde während der Zeit in Hamburg von den Fotografen Astrid Kirchherr und Jürgen Vollmer sowie dem Künstler Klaus Voormann entscheidend mitgeprägt. Die «Pilzkopf»-Frisur stammt von Jürgen Vollmer, der sich diese Frisur selber geschnitten hatte. Er erinnerte sich später in einem Interview an das Treffen mit Lennon und McCartney im September 1961: «Sie blickten auf meine Frisur und sagten ‘Yes, we want that funny haircut too’.»
Air Finkenwerder
Mein Praktikum bei Airbus neigt sich dem Ende zu. Es war
eine spannende Zeit und ich bin froh, dass ich nicht nur ein paar Wochen da
war, sondern fast ein halbes Jahr. Es braucht Zeit, bis man sich – besonders in
einer grossen Firma – einen Überblick verschafft hat. Es ist spannend, den
Airbus-Alltag mitzubekommen und die Fortschritte des Projektes mitverfolgen zu
können. Und es ist immer wieder amüsant,
eine Airbus-Story aus der Gegenwart oder Vergangenheit zu hören. Eine
Geschichte aus dem Jahre 1967 gefiel mir besonders gut: «Air Finkenwerder» gibt
es zwar nicht, aber so wurde die spanische Charter-Airline Spantax nach dem folgenden
Zwischenfall genannt. Der Pilot Rodolfo Bay bekam vom internationalen Flughafen
Hamburg die Landeerlaubnis für sein Flugzeug und landete einige Minuten später
– trotz gutem Wetter und klarer Sicht – auf dem Flugplatz Finkenwerder der
damaligen Hamburger Flugzeug GmbH. «Hier geht ein Riesenvogel runter!»,
alarmiert der Flugleiter im Kontrollturm die Feuerwehr.
Tatsächlich war die damalige Landebahn auf Finkenwerder zu kurz für die vierstrahlige Düsenmaschine Convair Coronado und das Flugzeug konnte knapp 150 Meter vor Ende der Landebahn zum Stehen gebracht werden. Bay – 34'500 Stunden Flugerfahrung – gestand seinen Fehler sofort ein: Er hatte die Mini-Piste des Flugzeugbau-Unternehmens mit dem weitläufigen Landebahn-Kreuz vom Hamburger Flughafen verwechselt. Er hatte seine Crew und die 128 Mallorca-Urlauber an den Rand einer Katastrophe gesteuert, denn die Piste auf Finkenwerder war für eine Maximalbelastung von 27 Tonnen je Fahrwerkbein ausgelegt, die Belastung bei der Coronado: 40 Tonne je Fahrwerksbein. Die Mindest-Landebahnlänge für die Maschine: 1690 Meter. Die Minipiste des Flugzeugbauwerkes: 1360 Meter.
Zum Starten war die Bahn zu kurz; die Passagiere und ihr Gepäck wurden ausgeladen, der Treibstoff auf ein Minimum reduziert. Mit drei Stunden Verspätung landete die Maschine schliesslich auf dem Hamburger Flughafen. Dort wartete eine Gruppe von Journalisten auf den Piloten, der zugleich auch Präsident der Spantax war. Der zweite Clou war, dass niemand anders als Rodolfo Bay selber zu dieser Pressekonferenz gebeten hatte, um mit der vierstrahligen Coronado vorzuführen, wie zuverlässig und pünktlich ihr Luftdienst-Unternehmen sei. Ziel dieser Flugzeugschau am Hamburger Flughafen war, die Presse eines Besseren zu belehren: Mehrere Chartergesellschafen – auch die Spantax – waren die Woche davor als unzuverlässig bezeichnet worden. Dies zu widerlegen, gelang Bay definitiv nicht – aber der Name seiner Fluggesellschaft ist noch heute auf Finkenwerder geläufig.
Schweizerin unter Deutschen
Im Gegensatz zur Spantax werden die Schweizer sowie die
Deutschen als zuverlässig und pünktlich bezeichnet. Was verbindet uns sonst
noch mit den Deutschen? Und wo liegen kulturelle Unterschiede vor? Ich hatte
mir diesbezüglich vor meinem Aufenthalt kaum Gedanken gemacht. Ich bin selber
halb Deutsche und in meiner Kindheit war ich jedes Jahr in Hamburg auf
Verwandtenbesuch, da meine Mutter in der Hansestadt gross geworden ist. Mit dem
Gedanken, dass sich somit die «Einlebungsphase» erübrigen würde und ich meine
deutsche Seite entfalten werde, kam ich anfangs April in Hamburg an. Doch was
nicht wirklich vorhanden ist, kann nicht entfaltet werden – und ich fühle mich
hier schweizerischer als in Zürich.
Es ist eine andere Kultur, wenn auch nicht
so offensichtlich. Wir sprechen fast dieselbe Sprache. Trotzdem kommt es mir
immer wieder vor, als würde ich eine Fremdsprache sprechen, nur dass ich
gleichzeitig meine eigenen Fehler höre. Der Umgang in der Öffentlichkeit ist
direkter; mir fällt auf, dass ich hier in den Läden oft sehr freundlich bedient
werde, im öffentlichen Verkehr wiederum zögern die Leute nicht zu sagen, was
sie stört und können das in einer rauen Art äussern. In Hamburg weht ein
anderer Wind, und auch ich musste mich akklimatisieren. Eine Erfahrung mehr,
die ich hier gemacht habe. Aber die Pilzkopf-Frisur werde ich auslassen.
Zur Autorin
Die Julia Moser ist keine Unbekannte: Sie hat als «Globetrotter» Beiträge über ihr Austauschsemester in Rom sowie als Kolumnistin bereits mehrere Beiträge für ETH Life geschrieben. Zurzeit absolviert die 25-jährige in Hamburg ein Industriepraktikum beim Flugzeugbauer Airbus, wo sie ihre Leidenschaft für Flugzeuge ausleben kann. Dieses Interesse entdeckte sie im Alter von 15 Jahren und wollte ursprünglich Linienpilotin werden. Nach der Matura entschied sie sich aber für ein Maschinenbau-Studium an der ETH Zürich. Julia Moser ist in ihrer Freizeit auch an Kunst und am Malen interessiert.
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