Neues, teures Wahrzeichen für die Hansestadt
Die ETH-Maschinenbaustudentin Julia Moser absolviert bei Airbus in Hamburg gerade ein Industrie-Praktikum – und erlebt in Echtzeit, wie sich die Stadt ein neues, umstrittenes und teures Wahrzeichen errichten lässt: die Elbphilharmonie.
Die Fertigstellung der Elbphilharmonie würde sich um weitere Monate verzögern. Der Bau würde voraussichtlich erst im April 2014 fertig – eine Schlagzeile, die ich letzte Woche, als ich auf meine U-Bahn wartete, dem grossen Bildschirm an der Haltestelle entnehmen konnte.
Ich wurde schon mehrmals gefragt, was das Wahrzeichen der 1,8 Millionen Stadt Hamburg sei – abgesehen vom Hafen. Bisher war es die St. Michaelis Kirche. Spätestens jetzt, wo die Elbphilharmonie – ein 110 Meter hohes architektonisches Meisterwerk mit drei Konzertsälen, einem Hotel und 45 Wohnungen – bereits das Stadtbild mitprägt, wurde die 27 Meter hohe Michaelis-Kirche abgelöst.
Erweiterung der Hamburger City
Die Elbphilharmonie ist nur ein Teil der zurzeit wohl grössten Kulturbaustelle Europas: Die «HafenCity». Das 1997 angekündigte Projekt – zwischen Elbe und der historischen Speicherstadt - wird eine Mischung aus Wohnen, Kultur, Freizeit, Tourismus und Handel. Auch eine Universität wird es einst in der HafenCity geben. Eine neue U-Bahnlinie, die die HafenCity noch besser erschliessen wird, ist ebenfalls im Bau.
Mit einer Fläche von 157 Hektar wird die HafenCity die Hamburger Innenstadt um 40 Prozent erweitern und ist weltweit eine der markantesten Stadtentwicklungsprogramme in Wasserlage. Entwicklungszeitraum des Vorzeigeprojektes: 2025. Die Wahl Hamburgs zur «European Green Capital» ist unter anderem der gezielten nachhaltigen Entwicklung der HafenCity zu verdanken.
Heute hat die HafenCity bereits 1700 Bewohner, ist Standort von 270 Unternehmen und Arbeitsplatz von ca. 7200 Berufstätigen.
Wie Sydneys Opernhaus
Schon von weitem ist die Elbphilharmonie, der «Leuchtturm» der HafenCity, zu sehen: ein gläsernes und gar futuristisches Gebäude, das auf einem schon dagewesenen Gebäude – dem in den 60er-Jahren gebauten Kaispeicher – errichtet wurde. Von der einen Seite wirkt das Konzerthaus eher kubisch, von der Elbseite her hat das Gebäude etwas von einem Schiff, das die Besucher Hamburgs willkommen heisst.
Ursprünglich sollte die von den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre De Meuron entworfene Elbphilharmonie dieses Jahr fertig gestellt werden. Auch wenn sich die Hamburger und Hamburg-Besucher bis zur Fertigstellung noch gedulden müssen, so ist die Elbphilharmonie mit dem Konzertsaal mit 2150 Plätzen als Herzstück schon jetzt eine Sehenswürdigkeit. Baustellenbesichtigungen für Touristen und Einheimische sind möglich; sie sind sehr beliebt und weit im Voraus ausgebucht. Nach Fertigstellung wird das Konzerthaus für Interessierte frei zugänglich sein: Auf 37 Meter Höhe wird eine Plaza sein. Von dort wird man eine spektakuläre Sicht auf den Hafen und die Stadt geniessen. Schliesslich soll die Elbphilharmonie dereinst das Bild Hamburgs in der Welt prägen. Es ist eindeutig mehr als nur ein Konzerthaus – so wie das Opernhaus von Sydney auch mehr ist als nur ein Opernhaus.
Umstrittenes Meisterwerk
Die «gläserne Welle», die aussieht, als würde sie auf dem Kaispeicher schweben, ist auch aus technischer Sicht sehr interessant. Die Farben der knapp 1100 und gegen 1,2 Tonnen schweren Fensterscheibenelemente sind schillernd grünblau. Sie verleihen der Skyline Hamburgs etwas Maritimes. Die Form der Fensterscheiben, welche bei 600 Grad Celsius in die gewünschte Form gebogen wurden, orientiert sich an der Nutzung des Gebäudebereiches; Hotel und Foyer verfügen über kiemenförmige Luken, während bei den Balkonen der Wohnungen die Scheiben mit den hufeisenförmigen Ausschnitten angebracht wurden. Alle Fensterscheiben sind mit kleinen reflektierenden Punkten bedruckt, damit sich das Gebäude bei hoher Sonneneinstrahlung nicht zu sehr aufheizt. Zur Elbseite hin wurde ein speziell entwickeltes Raster integriert, damit Schiffsradare das Gebäude orten können. Um den optimalen Effekt zu erreichen, wurde die Anordnung der Punkte auf den einzelnen Scheiben am Computer je nach Einbauposition berechnet.
Die architektonische Qualität des Gebäudes findet weltweit weitgehend Zustimmung. In der Stadt Hamburg ist das Projekt jedoch umstritten, insbesondere aufgrund des finanziellen Beitrages, den die Stadt Hamburg leisten muss. Aus den ursprünglich geplanten 180 Millionen Euro sind über 500 Millionen geworden. Kritiker bezeichnen das Projekt als unausgereift und überrissen, als ein international wirkendes Aushängeschild für den reichen Teil der Gesellschaft.
Auf der anderen Seite verleiht die Elbphilharmonie der Stadt eine neue Identität und wird– schon in der Bauphase als neues Wahrzeichen etabliert – nicht nur kurzfristig ein internationaler touristischer Anziehungspunkt sein. Das neue Viertel HafenCity verbindet die Innenstadt mit der Elbe und bringt damit die Hafenstadt und ihre Einwohner näher ans Wasser heran.
Ich finde es spannend, die Fortschritte auf der riesigen Baustelle mitzubekommen und zu sehen, wie sich die Stadt entwickelt und ihrer Identität damit Ausdruck verleiht. Dies wird letztlich auch Touristen immer wieder anziehen. Auch ich werde in den nächsten Jahren als Besucherin nach Hamburg zurückkehren, schon nur der Aussicht wegen, die das neue Wahrzeichen bieten wird.
Zur Autorin
Die Julia Moser ist keine Unbekannte: Sie hat als «Globetrotter» Beiträge über ihr Austauschsemester in Rom sowie als Kolumnistin bereits mehrere Beiträge für ETH Life geschrieben. Zurzeit absolviert die 25-jährige in Hamburg ein Industriepraktikum beim Flugzeugbauer Airbus, wo sie ihre Leidenschaft für Flugzeuge ausleben kann. Dieses Interesse entdeckte sie im Alter von 15 Jahren und wollte ursprünglich Linienpilotin werden. Nach der Matura entschied sie sich aber für ein Maschinenbau-Studium an der ETH Zürich. Julia Moser ist in ihrer Freizeit auch an Kunst und am Malen interessiert.
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