Eisberge in Singapur
Wie erkläre ich etwas Kompliziertes in Besprechungen, an denen Personen aus verschiedensten Kulturen teilnehmen? Dies ist eine tägliche Herausforderung hier in Singapur. Wir setzen vielfach Bilder ein, denn ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte.
Ich bin sehr von der Kraft von Bildern überzeugt. Glücklicherweise habe ich mich seit zehn Jahren in Forschung und Beratung aktiv damit auseinandergesetzt und kann alle Visualisierungen und Bilder von Hand oder mittels Software herstellen. Die Grundausbildung für den Einsatz von Visualisierungen habe ich im Architekturstudium der ETH Zürich gelernt. Ob ein Gebäude, eine Stadtplanung oder ein abstraktes Konzept: Mit einer Kombination von Collagen, Stimmungsbildern, Plänen, Diagrammen, 3D-Modellen und Geschichten bekommen Inhalte eine Form und werden kommunizierbar. Niemandem würde es je in den Sinn kommen, ein Architekturprojekt allein mit Text, Zahlen und Geschäftsdiagrammen zu beschreiben.
Wenn Visualisierungen so gut funktionieren, warum nicht einige dieser Techniken im Management anwenden? Dies war die Idee für mein Doktoratsthema an der ETH. Ich war überzeugt, dass Visualisierungen auch im Geschäftsalltag einer Verwaltung, Bank oder einem KMU nützen, im Verkauf, dem Training oder der internen Kommunikation. Systematisch habe ich viele Visualisierungstechniken (Mind Maps, interaktive Visualisierungen, Informationsgrafiken, Videos, Skizzen, Bilder, virtuelle Räume und andere) untersucht und nach dem Nutzen für das Management eingestuft. Gleichzeitig habe ich mir das Managementwissen durch Beratung mit einer eigenen Firma angeeignet, die ich mit Michael Meier, einem anderen ETH-Architekturabsolventen, gegründet habe, sowie als Leiter des Kompetenzzentrums für Knowledge Visualization an der Universität St. Gallen. Fazit nach zehn Jahren Arbeit und Forschung: Einfache Visualisierungen sind oft besser als komplizierte. Mit Schrecken stellen wir immer wieder fest, wie oft selbst einfache Diagramme nicht verstanden werden. Können Sie mühelos architektonische Schnitte lesen, wissenschaftliche Kurven oder abstrakte Finanzdiagramme verstehen? Vermutlich ja, doch nicht alle haben die gleiche Ausbildung. Gleichzeitig sehe ich täglich, wie viel Klarheit Handskizzen schaffen, und ebenso wie sie visuelle Metaphern massiv unterstützen.
Leider braucht es etwas Zeit und Übung, um eine gute Visualisierung zu erstellen und herauszufinden, welche visuellen Metaphern funktionieren und welche nicht. Über die Jahre haben wir gute Erfahrungen gemacht, zum Beispiel Risiken als Eisberge abzubilden, strategische Projekte als Inseln oder Projekte als Boote. Ebenso bewährte es sich stets, Visualisierungen im Team zu erstellen. Da kommt einem schnell die Idee, dies in ein Tool für Praktiker umzusetzen. So hatte ich vor drei Jahren in Singapur einer Seed Funding-Behörde das Projekt «Visual Manager» für ihr Projektförderungsschema «New Interactive Digital Media Ideas for the Value Creation in Singapore» vorgestellt. Die Idee wurde belächelt. Das hat uns umso mehr angespornt.
Das Projekt wurde in der Zwischenzeit von der KTI-Behörde in der Schweiz gefördert. Und es ist eines der spannenden Projekte der Professur für Informationsarchitektur, das zwei Projektmitarbeitende in dieser Professur zusammen mit mir im nächsten Monat fertigstellen. Und gestern haben wir die Beta-Version des Tools für Tests auf www.visual-manager.ch bereitgestellt. Ein Kurzvideo gibt auf dieser Webseite einen Eindruck über die Funktion. Die Beta-Version ist bereits im SEC im Einsatz. Per Zufall hat es jemand der genannten Förderagentur gesehen und fand es eine bestechende Idee. Weil es einen Preis von Microsoft gewonnen hat? Weil es Steve Balmer von Microsoft in seinem Vortrag in der Schweiz prominent erwähnt hatte? Weil es einige Risiko-Management-Teams von bekannten grösseren Schweizer Konzernen auf ihrem Radar haben oder zum Beispiel die Swiss Re damit bereits Workshops im ETH Value Lab durchgeführt hat? Auf jeden Fall finden sie es gut und über diese Preise schliesst sich der Kreis wieder. Denn dieser Preis hat auch Microsoft in Singapur auf uns aufmerksam gemacht und öffnete die Türen zum Schlüsselkontakt, der uns bei einem Kerngeschäft der systematischen Datenbeschaffung für die Forschung im Future Cities Laboratory (FCL) behilflich war.
Und noch etwas habe ich wieder einmal eingesehen: dass man eine gute Idee, an die man glaubt, gegen alle Kritiker einfach realisieren muss. Sei es der eigene Traum, ein Doktoratsthema, ein Tool oder eine Institution, wie das Singapore-ETH Centre in Singapur. Es wird schon klappen. Aber nur wenn man sehr viel Liebe und Arbeit reinsteckt.
Zum Autor
Remo Burkhard ist seit Februar 2010 Managing Director des Singapore-ETH Centre for Global Environmental Sustainability. Es hat letzten September mit dem ersten Forschungsprogramm «Future Cities Laboratory» gestartet. Der 34-jährige mit Sternzeichen Jungfrau steht früh auf, hat an der ETH Zürich Architektur studiert und über Visualisierung von Wissen doktoriert. Remo Burkhard liebt das Vereinfachen und Visualisieren. Zu seinen Hobbies gehören Systeme und Sprachen. Sowohl als Forscher als auch als Mitinhaber der Firma vasp datatecture GmbH untersucht er täglich, wie Wissen verdichtet werden kann und wie mit guten Bildern, Illustrationen, Animationen, Geschichten und Benutzeroberflächen für Multi-Touch-Tables Inhalte klarer und nachhaltiger vermittelt werden können. Zum Beispiel Risiken. An der ETH Zürich hatte er im Projekt Science City, am Aufbau der Professur für Informationsarchitektur und dem ETH-Value Lab mitgewirkt.
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