Veröffentlicht: 06.07.11
Kolumne

Ich verstehe nur Chinesisch

Remo Burkhard
Remo Burkhard, Managing Director SEC (Bild: zVg R. Burkhard)
Remo Burkhard, Managing Director SEC (Bild: zVg R. Burkhard) (Galerie)

Heute wäre ich froh, wenn ich am Gymnasium weniger Mathematik und mehr Sprachen gelernt hätte; denn in meinem Alltag sind Sprachgefühl und Kommunikation entscheidend und meine Kenntnisse in Darstellender Geometrie nur beschränkt nützlich. Dafür nutze ich täglich verschiedene Sprachen: Deutsch zum Träumen und um Ideen im Skizzenbuch festzuhalten. Englisch in Singapur und in der Kommunikation mit Zürich. Die Sprache des Juristen und des Buchhalters für die Korrektheit von Reglementen und Transaktionen. Und Chinesisch? Leider nein. Denn in Singapur sprechen alle perfekt Englisch. Einerseits schade, denn die Sprache eröffnet einem Wege zur Kultur, andererseits ist es gut so, denn es braucht mindestens drei Jahre Disziplin und Drill, um sich minimal verständigen zu können. Vielleicht bin ich auch nicht talentiert genug. Dennoch bin ich beeindruckt, wie gut man via Skype mit einer Lehrerin aus China lernen kann.

«Ja, auch ich lerne immer noch Chinesisch», sagte mir Silvio Bonaccio, Leiter von ETH Transfer, in dessen Team ich gerade mit Silke Meyns einen Vertrag für ein Folgeprojekt zwischen SEC und einem Amt in Singapur besprochen habe. Sie beherrschen die Sprache der Juristen. 30 Seiten umfasst der Kollaborationsvertrag, die Lektüre wirkt wie Valium; doch jedes Detail zählt und je öfter alle das Dokument aufmerksam lesen, desto besser für die Sache.

Daneben kämpfe ich mich durch Quellensteuer-, Doppelbesteuerungs- sowie durch Einwanderungsreglemente. Das kommt mir manchmal vor wie – Chinesisch. Auch ein einfacher Mietvertrag, zum Beispiel für den vierten temporären Büro- und Laborraum, hatte mehr als 50 Seiten. Und mit jeder weiteren Klausel kriege ich mehr Angst, den Vertrag zu unterschreiben, denn jedes noch so entfernte Risiko wird auf uns als Mieter abgewälzt. Es braucht viel gesundes Misstrauen, um nicht in eine Falle zu tappen, gleichzeitig eine menschenliebende positive Einstellung, um nicht aus Angst alles präventiv zu verhindern.

«Du hast ein Talent für Forensik, so wie Du in den SEC-Verträgen Spuren von möglichen Risiken suchst», sagte mir vor kurzem der Programmleiter in Singapur. Das kann sein. Doch Talent kann auch gefährlich sein, weshalb ich in allen Rechtsfragen stets auf die Zusammenarbeit mit den Profis des ETH-Rechtsdiensts, von ETH Transfer und den lokalen Rechtsberatern zähle, die diese Art von Chinesisch beherrschen.

Warum also Chinesisch lernen, wenn einem hier sowieso alles Chinesisch vorkommt? Chinesisch nützt mir beispielsweise beim Smalltalk. Das gibt oft Pluspunkte beim Gegenüber. Aber auch geschäftlich macht es Sinn, heute schon mit Chinesisch zu beginnen. In zwei Jahren beginnen wir wahrscheinlich damit, das Wissen aus dem Future Cities Laboratory nach China und Indien zu exportieren. Bereits heute erhalten wir aus diesen Ländern wöchentlich interessante Anfragen. Dennoch sind sich alle bewusst, dass das SEC zuerst Erfolge vorweisen soll, ehe wir das nächste Projekt starten.

Wenn wir aber Spin-Off-Produkte nach Shanghai liefern lassen, werden Kultur- und Sprachkenntnisse entscheidend sein. Das motiviert mich, nach den täglichen Liegestützen chinesische Schriftzeichen zu pauken: Beides ist reine Fleissarbeit. Das Lernen von Schriftzeichen fällt mir an und für sich auch leicht: Meine Lieblingssprache ist ja die Sprache der Bilder und Visualisierungen. Bilder lösen Emotionen aus und machen Inhalte klar und begreifbar, erinnerbar und führen zu Aktionen. Grafische Anleitung zeigen, wie Maschinen zu nutzen sind. Illustrationen machen klar, in welchen Städten auf der Welt wir unsere Untersuchungen machen. Eine grafisch aufbereitete Matrix gibt einen Ordnungsrahmen für unsere neun Module. Schliesslich nutzen wir oft visuelle Metaphern wie «Monte Rosa Singapore». Sie wecken Aufmerksamkeit und bleiben in Erinnerung und motivieren Firmen, unsere Idee eines Plus-Energie-Gebäudes in Singapur gemeinsam zu realisieren. Und weil das Thema der Visualisierung so vielschichtig ist, werde ich in der letzten Kolumne berichten, wie wir im Value Lab Asia mit visueller Software Risiken, Strategien und Projekte gemeinsam erarbeiten. Es wird keine Kolumne für den Excel oder PowerPoint-Manager werden, sondern eine für den bekennenden «Visual Manager».

Zum Autor

Remo Burkhard ist seit Februar 2010 Managing Director des Singapore-ETH Centre for Global Environmental Sustainability. Es hat letzten September mit dem ersten Forschungsprogramm «Future Cities Laboratory» gestartet. Der 34-jährige mit Sternzeichen Jungfrau steht früh auf, hat an der ETH Zürich Architektur studiert und über Visualisierung von Wissen doktoriert. Remo Burkhard liebt das Vereinfachen und Visualisieren. Zu seinen Hobbies gehören Systeme und Sprachen. Sowohl als Forscher als auch als Mitinhaber der Firma vasp datatecture GmbH untersucht er täglich, wie Wissen verdichtet werden kann und wie mit guten Bildern, Illustrationen, Animationen, Geschichten und Benutzeroberflächen für Multi-Touch-Tables Inhalte klarer und nachhaltiger vermittelt werden können. Zum Beispiel Risiken. An der ETH Zürich hatte er im Projekt Science City, am Aufbau der Professur für Informationsarchitektur und dem ETH-Value Lab mitgewirkt.

 
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