Veröffentlicht: 16.05.11
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Internationalisierung als Auftrag und Vision

Der Europäische Forschungsraum (EFR) ist eine Vision. Realität sei er noch nicht. Vielmehr bestimmten nationale Programme die Forschungsförderung in Europa, sagte der diesjährige Träger der Richard-Ernst-Medaille, Ernst-Ludwig Winnacker, am 13. Mai an der ETH und plädierte für eine Forschungsfinanzierung, die konsequent individuelle Qualität fördert.

Florian Meyer
Ernst-Ludwig Winnacker, ein Wegbereiter der Gentechnik, referiert über das Paradoxon der Forschungsförderung. (Bild: Heidi Hostettler / ETH Zürich)
Ernst-Ludwig Winnacker, ein Wegbereiter der Gentechnik, referiert über das Paradoxon der Forschungsförderung. (Bild: Heidi Hostettler / ETH Zürich) (Galerie)

Nicht nur die Wissenschaft soll international und möglichst unabhängig von politischen Interessen organisiert sein, sondern auch die Institutionen der Forschungsförderung. Dieses Plädoyer stand im Mittelpunkt der «Richard R. Ernst Vorlesung», die Ernst-Ludwig Winnacker am Freitag im AudiMax an der ETH Zürich hielt. Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach verlieh dem deutschen Biochemiker die «Richard-Ernst-Medaille 2011 der ETH Zürich» für sein lebenslanges Engagement zugunsten der Grundlagenforschung und der Forschungsförderung.

Ein Paradoxon zur Rückkehr nach 51 Jahren

Für Ernst-Ludwig Winnacker war der Auftritt am Freitag eine Rückkehr zu seinen Anfängen. An der ETH hatte er vor 51 Jahren sein Chemiestudium begonnen und 1968 am Labor für organische Chemie promoviert: «An der ETH Zürich habe ich gelernt, was gute Wissenschaft ist.»

Die Vorlesung widmete der heutige Generalsekretär des Human Frontier Science Program (HSFP), das speziell Life-Science-Projekte fördert, dem «Paradoxon der Forschungsförderung». Die Vision eines Europäischen Forschungsraums (EFR) sei noch nicht Realität, solange die Wissenschaft international betrieben, aber primär national gefördert werde. Im Unterschied zu den USA, wo sich die Forschungsförderung auf zwei Förderorganisationen konzentriert, verteilt sie sich in Europa auf rund vierzig Förderorganisationen, wobei rund 85 Prozent der Fördermittel in die thematische Netzwerkforschung fliessen: «Aufs Ganze betrachtet ist der EFR heute nur die Summe einzelner nationalstaatlicher Programme, was die Wirkung der supranationalen Forschungsinvestitionen erschwert.»

Die «ERC Grants» - ein Modell gelungener Forschungsförderung

Immerhin hat die Politik bei der Gründung des Europäischen Forschungsrates (ERC) darauf verzichtet, Vorgaben für die Verteilung der Fördermittel an Nachwuchsforschende («ERC Starting Grant») und an die arrivierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler («ERC Advanced Grant») zu machen. Der ERC ist für den Richard-Ernst-Medaillenträger und ersten Generalsekretär des ERC ein Modell, wie die europäische Forschungsförderung organisiert werden sollte.

Nicht glücklich war Winnacker, dass sich Spitzenforschung und Innovation immer mehr auf Westeuropa konzentrieren. «Die ungleiche Entwicklung der europäischen Wissenschaft ist ein Problem. Die wohlhabenden Länder Europas sollten ihre Förderorganisationen öffnen. Zum Beispiel sollten lettische Forscher auch beim Schweizerischen Nationalfonds Anträge stellen dürfen», sagte Winnacker.

In der anschliessenden Podiumsdiskussion stimmten Olaf Kübler, von 1997 bis 2005 Präsident der ETH Zürich, SNF-Forschungsratspräsident Dieter Imboden und der Chemie-Nobelpreisträger von 1991, Richard R. Ernst, mit Winnacker überein, dass der Europäische Forschungsraum noch keine kohärente Forschungsstrategie darstelle, und dass die Bedeutung des ERC unterschätzt werde. Einig waren sich die Podiumsteilnehmer ferner darin, dass die Flagship-Initiativen der EU (FET) keine «vernünftige Form der Forschungsförderung» darstellten. Sie seien noch zu stark in der thematischen Netzwerkförderung verhaftet, so Dieter Imboden und Richard Ernst, und könnten die Forschenden zu unrealistischen Versprechungen oder zur Karriereplanung entlang von Finanzierungskanälen verleiten.

Richard R. Ernst Vorlesung

Die Richard R. Ernst Vorlesung wird jährlich vom Laboratorium für Physikalische Chemie der ETH Zürich organisiert. Prof. Dr. Richard R. Ernst war von 1976 bis 1998 ordentlicher Professor für Physikalische Chemie an der ETH Zürich und erhielt 1991 den Nobelpreis für seine Forschungen im Bereich der NMR-Spektroskopie. Die Vorlesungsreihe hat zum Ziel, Naturwissenschaften und Gesellschaft näher zusammenzubringen sowie für wesentliche Fragen der Zukunft zu sensibilisieren.

 
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