Veröffentlicht: 20.04.11
Kolumne

Was wäre, wenn ... es Unsterblichkeit gäbe

Roger Wallimann
Roger Wallimann, Student Maschinenbau und Verfahrenstechnik. (Bild: P. Rüegg / ETH Zürich)
Roger Wallimann, Student Maschinenbau und Verfahrenstechnik. (Bild: P. Rüegg / ETH Zürich)

Die Frage nach dem Sinn oder nach der Änderung einzelner Parameter in unserer Welt fasziniert mich. Darum habe ich auch meine paar wenigen Kolumnen, die ich an dieser Stelle schreiben darf, unter dieses Motto gestellt. Oft verwenden wir das «Was wäre, wenn»-Satzfragment, um unserer Phantasie freien Lauf zu lassen. Was wäre, wenn ich eine Milliarde auf dem Konto hätte? Was wäre, wenn Einstein nicht gelebt hätte? Was wäre, wenn Bill Gates anstatt in seiner Garage fleissig einen PC zu basteln, lieber auf dem Sofa ferngesehen hätte? Das sind spannende, aber ziemlich unwichtige Fragen, da die Ereignisse in der Vergangenheit liegen und die lässt sich, zumindest bis anhin, nicht verändern. Auch die Frage nach dem Geld mag für das glückliche Individuum spannend sein, ansonsten ist aber auch sie irrelevant. Wichtiger finde ich Fragen, die wir vielleicht in Zukunft dank technischen Fortschritten beantworten müssen. Zum Beispiel: Was wäre, wenn wir alle unsterblich wären?

Nach Wikipedia ist Unsterblichkeit «das Konzept, das zeitlich unbegrenztes Leben in physischer oder spiritueller Form ermöglicht». Leben also, das niemals endet, wie beim Süsswasserpolypen, der scheinbar ewig leben kann, da seine Zellerneuerung fehlerfrei abläuft. Bei Menschen und anderen höheren Lebewesen stellt sich aber das Problem der nicht perfekten Zellerneuerung. Diese kommt davon, dass die Enzyme, die für die Zellteilung verantwortlich sind, auf Grund ihrer chemischen Struktur jeweils ein Stückchen am Anfang und am Ende der DNS-Stränge weglassen. Zum Glück haben wir eine schützende Schicht am Anfang und Ende der DNS-Stränge. Diese Schicht, auch Telomer genannt, verkürzt sich im Laufe des Lebens zusehends und die Zellteilung wird bei totaler Abnützung der Telomere fehlerhaft. So kommt es dann mit der Zeit halt doch, das Ende des Lebens.

Ich beschränke mich auf den Menschen und dessen physische Unsterblichkeit. Diese gibt es bis anhin nicht oder, um es ein weniger wissenschaftlich auszudrücken: Sie ist bisher noch nicht beobachtet worden. Betrachtet man die enormen Fortschritte in der Medizin, kann man feststellen, dass sich seit dem Mittelalter die Lebenserwartung verdoppelt hat. Glaubt man Schätzungen, dann wird die Lebenserwartung für Frauen in Westeuropa in 40 Jahren bei etwa 88 Jahren liegen. Die Menschheit wird 2050 ein gutes Stück älter werden als heute, aber das kratzt noch lange nicht an der Unsterblichkeit.

Einige interessante Individuen versuchen, sich mit Hilfe der Kryonik einfrieren zu lassen, um später wieder aufgetaut zu werden (auch wenn man leider sagen muss, dass Menschen kein Gemüse sind und sich darum das Einfrieren ein wenig schwieriger gestaltet, als einen Gefrierbeutel mit Broccoli zu füllen und in den Tiefkühler zu werfen). Ich möchte jedoch nicht wie Gemüse tiefgekühlt werden, auch nicht kryonisch, da Unsterblichkeit meiner Meinung nach nicht mit einer Verschiebung der Lebenszeit in ein anderes Zeitalter gleichzusetzen ist.

Auch die Medizin in ihrer heutigen Form wird Unsterblichkeit kaum hinkriegen. Sie kann uns zwar immer länger vor dem Tod bewahren. Sie bekämpft aber nicht die Ursache der Sterblichkeit, sondern deren Folgen.

Ein vielversprechender Ansatz zur Erreichung der Unsterblichkeit ist die Verkürzung der Telomere zu stoppen. Dies möglich zu machen, wird noch einige Zeit dauern. Im Jahr 2050 werde ich 63 Jahre alt sein und sehen, ob sich medizinisch was machen lässt. Dann werde ich auch sehen, ob ich den grössten Teil meines Lebens hinter mir habe, oder ob dieser noch vor mir liegt.

Beziehe ich die spirituelle Unsterblichkeit in die Überlegungen ein, dann ergeben sich einige interessante neue Konzepte. Glaubt man an eine Religion, so sind wir alle unsterblich und werden anhand unserer Taten beurteilt - und dann geht’s ab in die Unendlichkeit des ewigen Lebens. Diese Vorstellung befriedigt mich jedoch nicht. Mal abgesehen davon, dass ich nicht weiss, wer oder was mich nach welchen Massstäben richtet, kann ich mir ein spirituelles Leben auch nicht bildlich vorstellen. Das macht es unfassbar. Vielleicht steckt da auch sehr viel Hoffnung der Menschheit drin. Solche Gedanken vermitteln Lebenssinn. Wissenschaftlich haltbar sind sie bis anhin jedoch nicht.

So stellt sich mir die vielleicht wichtigste Frage: Ist Unsterblichkeit wirklich erstrebenswert? Ich habe darauf keine befriedigende Antwort gefunden. Einerseits kann ich mir vorstellen, dass es schön wäre, wenn das Leben nicht nach 75, 80 oder vielleicht auch 90 Jahren zu Ende gehen müsste. Andererseits ist es für die Gesellschaft gut, dass man nach dieser langen Zeit Platz macht für junge und unverbrauchte Menschen.

All die Gedanken beziehen sich darauf, wie es zur Unsterblichkeit kommen könnte. Stelle ich mir die Frage «Was wäre, wenn wir alle unsterblich wären?», dann kann ich ehrlich antworten, dass ich dies nicht im Geringsten abschätzen kann. Selbstverständlich wäre eine drohende Überpopulation und eine dadurch bedingte Nahrungsmittelknappheit eine mögliche Folge der Unsterblichkeit. Was würde jedoch mit der Gesellschaft geschehen? Würden wir uns alle neu organisieren? Was würde «Altern» in einer solchen Gesellschaft bedeuten? Wie würden sich Religionen rechtfertigen, dass es nun ewiges Leben auch auf Erden gibt? Dies sind alles Fragen, deren Antworten ich hoffentlich nie erfahren muss.

Zum Autor

Zurzeit steckt Roger Wallimann, Maschinenbau-Student mit abgeschlossenem Bachelor-Studium, mitten in seinem Berufspraktikum bei einer auf Lasermaschinen spezialisierten Firma in Baar. Im Sommer 2011 will er sein Studium fortsetzen und seinen Master in Verfahrenstechnik an der ETH machen. Roger engagiert sich seit Jahren für den Fachverein der Maschinebau- und Elektrotechnik-Studierenden AMIV. Seit 2009 ist er Chefredaktor des «Blitz», der Zeitschrift des Vereins. Roger rudert, fliegt Gleitschirm und reist gerne, am liebsten in Städte. Seine absolute Lieblingsstadt ist Los Angeles, wo er nach seiner Matura einen viermonatigen Sprachaufenthalt absolvierte. Aufgewachsen ist der 24-jährige in Giswil, Obwalden.

 
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