Kein Abschied für immer
Vor über 20 Jahren fing Urs Kirchgraber als Professor für Mathematik an der ETH an. Heute, nach seinem Rücktritt, blickt er auf eine beachtliche Leistung in der Lehrerbildung zurück. Am Freitag würdigten Kollegen und Freunde sein Wirken anlässlich einer akademischen Festveranstaltung
«Mit einem lachenden und einem weinenden Auge nehme ich die Aufgabe wahr, den Festakt mit einem Grusswort zu eröffnen», begann die ETH-Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach am Freitag an der akademischen Festveranstaltung in der Semperaula des Hauptgebäudes. Kollegen, Freunde und Bekannte liessen es sich nicht nehmen, den aus Altersgründen zurückgetretenen Mathematik-Professor Urs Kirchgraber zu verabschieden: Die Sitzreihen waren bis auf den letzten Platz besetzt.
Fachdidaktik zählt
Rasch wurde an jenem Nachmittag klar, dass Kirchgraber in
den letzten 20 Jahren mehr als «nur» ein Mathematik-Professor war. Er bereitete
mit Leib und Seele Wege für eine verbesserte Lehrerausbildung an den Gymnasien,
wie Wunderli-Allenspach feststellte: «In seiner Funktion als Leiter der
Mathematik-Lehrerausbildung gelang es ihm, uns zu überzeugen, dass die ETH
vermehrt den Kontakt zu den Mittelschulen suchen muss.»
In den Folgejahren
baute Kirchgraber die Kontaktgruppe ETH–Maturitätsschulen auf. Sie rief Projekte
wie die Maturandeninformationstage, die Ausstellung von Maturaarbeiten, die
ETH-Studienwochen und im Anschluss an einen Pilotversuch der Stelle für
Chancengleichheit «ETH unterwegs» ins Leben. Daneben ermöglichte Kirchgraber Mathematiklehrern aus der ganzen
Schweiz, sich didaktisch und fachlich für mehrere Monate an der ETH weiterzubilden.
Mittlerweile bietet die ETH ein Lehrdiplom für Maturitätsschulen an, das letztes Jahr von der Erziehungsdirektorenkonferenz anerkannt wurde. «Dies ist nicht zuletzt Urs Kirchgrabers Verdienst», sagte Wunderli-Allenspach.
Fachdidaktik entscheidend
Zwischen den Reden, in denen Fach- und Arbeitskollegen des Mathematik-Professors über dessen wissenschaftliches und didaktisches Wirken und über die gemeinsame Zeit mit ihm berichteten, standen wissenschaftliche Vorträge auf dem Programm. Einer davon hielt Jürgen Baumert, der in Deutschland als «Mr. PISA» bekannte Professor für Erziehungswissenschaften und Direktor emeritus am Max-Planck-Institut. Mit seinen wissenschaftlichen Enthüllungen über das tiefe Bildungsniveau der deutschen Schüler schockierte er als Leiter der ersten PISA-Studie vor zehn Jahren ganz Deutschland. Am Freitag widmete er sich dem Thema «Lernwirksamer Mathematikunterricht am Gymnasium: Was zählt – fachwissenschaftliches oder fachdidaktisches Wissen?»
Baumert zeigte, dass profundes mathematisches Verständnis des Schulstoffs und fachdidaktisches Wissen, also Wissen darüber, wie Mathematik den Schülern zugänglich gemacht werden kann, eng miteinander verbunden sind. «Fachwissen ist wichtig, um das fachdidaktische Wissen zu erlernen», sagte der Bildungsforscher. Doch nur letzteres entscheidet darüber, ob die Qualität des Unterrichts gut ist und ob die Schüler und Schülerinnen Lernfortschritte machen. Brisant ist die wissenschaftliche Erkenntnis, wonach das Fachwissen und das fachdidaktische Wissen der Lehrer in Deutschland von ihrer Ausbildung abhängt. Lehrer, welche das Gymnasiallehramt durchlaufen haben, schneiden deutlich besser ab als ihre Kollegen auf der Haupt- oder Realschulstufe (Sekundarstufe in der Schweiz). Das hat Folgen für den Lernfortschritt der Schüler.
Ein halber Abschied
Zum Schluss der Feier ergriff Urs Kirchgraber selbst das Wort. «Ich möchte helfen, mathematische Gedankengänge zu geniessen. Mein Ziel ist es, neue mathematische Entwicklungen zu popularisieren und so in die breite Öffentlichkeit hinauszutragen», erläuterte er seine Zukunftspläne. Dafür will er sich an Schulen, an der Seniorenuniversität und an diversen Konferenzen engagieren. Aber auch Bücher sollen entstehen sowie zahlreiche Beiträge für EducETH – die Plattform für Lehren und Lernen in der Schule. Der am Freitag, 31.3.2011, zelebrierte Abschied von Urs Kirchgraber wird demnach wohl nur ein halber sein.
LESERKOMMENTARE