«Failure is not an option»
«Dein Text soll kolumniger werden, jetzt ist es ein Statusbericht.» Ich war stolz, denn vorher war er mit Anekdoten gespickt und lustig, doch in meiner Funktion als «Managing Director» fand ich einen Statusbericht angebrachter. Persönliches wird schnell peinlich. Ich dachte, wenn von zehn ETH-Angehörigen, die ich über das Grossprojekt in Singapur befragt habe, nur jeder Zehnte ein klares Bild über das Projekt hat, so sollte ich Fakten liefern. Denn einige haben das gute Magazin «ETH Globe» über das Thema nicht gelesen.
Nein, ich bin nicht zurück aus Shanghai - wie es viele verwechseln - sondern aus Singapur, das ein Grad nördlich des Äquators liegt, die Fläche des Kantons Glarus (700 km2) hat, und wo fünf Millionen Einwohner in Hochhäusern leben. Hier ist es jeden Tag 32 Grad heiss und hier ist das «Singapore-ETH Centre for Global Environmental Sustainability», kurz SEC, zu Hause.
SEC ist ein fünf Jahre von Singapur und der ETH finanziertes Projekt. Geforscht wird über das Thema Future Cities. Die erste Aufgabe war es, eine «Firma» in Singapur zu gründen. Nur so können Arbeitsverträge ausgestellt, Arbeitsbewilligungen beantragt, Bank- und Pensionskassenkonti eröffnet, Räume gemietet und Versicherungen abgeschlossen werden. Den Namen «ETH Singapore SEC Ltd» zu finden war noch einfach. Dann galt es, innert drei Monaten Antworten auf Fragen zu finden, die auch externe Berater überforderten: Wie stelle ich zum Beispiel sicher, dass der emeritierte Professor und Programmleiter Franz Oswald mit seiner Frau in Singapur eine Arbeitserlaubnis erhält, wenn er bereits pensioniert ist und nach ETH-Gesetz nicht mehr angestellt werden darf, er aber nur eine Arbeitserlaubnis erhält, wenn er angestellt ist. Und wie soll er seine Steuererklärung ausfüllen, wenn Beiträge an Wohnkosten sowie Leistungen für Krankenkassen als Lohnbestandteile gelten und in Singapur versteuert werden müssen, obwohl er ja gar nicht in Singapur angestellt werden kann.
Dies war nicht das einzige
Chicken-Egg Problem. Natürlich war jeder Fall anders: Interessierte
PhD-Studierende wollten wissen, wie sie in den dreieinhalb Jahren in Singapur
die notwendigen Pflichtkurse an der ETH Zürich besuchen können. «Dies werden
wir im 2011 mit dem Rektorat lösen», sage ich. Doch nachts wache ich auf und
sehe den grossen Banner in der Baubaracke, in der wir gelegentlich Sitzungen
haben. Darauf steht fett: «Failure is not an option!».
Alle Kritiker warten auf Fehler. Können wir in drei Monaten alle Abklärungen machen? Darf ich erwarten, dass gewisse Dinge offen bleiben dürfen und dass ein minimales Mass an Risikobereitschaft verlangt werden kann? Ich weiss es nicht, aber ich weiss, was Managing Directors bei kleinen Fehlern in Singapur passieren kann. Gefängnis gehört dazu. Deshalb sind wir trocken und regeln möglichst alles. Klar und präzis. Zum Glück profitieren wir von einem guten Netzwerk und Erfahrungen von Swissnex und anderen Organisationen in Singapur. Wie es der Zufall will, treffe ich gerade jetzt bei der geforderten Überarbeitung meines Statusberichts, im Flug von Singapur nach Hong Kong, auf Matthias Schaub, den Vertreter der Universität St. Gallen in Singapur, und schon besprechen wir neue Synergien. Es erstaunt nicht, dass wir uns im Flieger treffen, denn Singapur ist ein Hub in Asien.
Viele fragen mich, wie alles begann. Singapur wird im nächsten Jahr den CREATE Campus eröffnen. Es soll ein «talent magnet and innovation hub» werden. Eine Art Science City in Singapur. Der Plan ist, hier die Crème de la Crème der Hochschulen anzusiedeln. Dazu lud die National Research Foundation von Singapore (NRF) ein, in Zukunftsthemen zu forschen. Riesensummen sind im Spiel. Die ETH überzeugte mit dem Thema «Future Cities». Das ganze Vorhaben wurde in einem 47-seitigen Vertrag, dem «Legal Agreement», geregelt. Drei Jahre Arbeit, Stunden von Sitzungen mit allen Stäben der Schulleitung stecken dahinter. Für den Erfolg entscheidend war das Engagement eines Dutzend Professoren der Departemente Architektur, Bauingenieurwesen und Elektrotechnik und das Engagements des Leiters des Departements Architektur, Marc Angélil, sowie der Programme Leaders Kees Christiaanse und Franz Oswald. Dass die Chance aufgegriffen und zu einem Projekt mit unterschriebenem Vertrag gebracht wurde, ist Gerhard Schmitt zu verdanken. Den Mut und Willen, das Projekt zu starten, hatte Ralph Eichler.
Das Engagement in Singapur macht Sinn, denn die ETH Zürich erhält enorme Drittmittel, weil der Grossteil von Singapur investiert wird. Die ETH Zürich erhält mit Singapur zweitens ein Labor für die Untersuchung von Mega Cities in Asien und ein Stadtlabor im tropischen Klima. Im neuen «CREATE Campus» können drittens die Beziehungen zu Forschenden aus den Topuniversitäten, wie beispielsweise MIT, TUM, Technion, UC Berkeley und den lokalen Universitäten NUS und NTU, ausgebaut werden. Viertens sind Industriepartner begeistert und werden vielleicht bald Projekte des «Future Cities Laboratory» finanzieren. Aktuell überlegen sich einige, ob sie in der Projektidee «Monte Rosa Singapore», ein Plus-Energiegebäude in den Tropen, worin neue Haustechnikinnovationen zum Einsatz kämen, als Flag-Ship Projekt ermöglichen wollen.
«Keiner wird nach Singapur gehen!» hiess es vor einem Jahr. Im September 2010 waren wir zu dritt in Singapur. Jetzt sind wir 20. Ende Jahr werden 60 bei der ETH Singapore SEC Ltd angestellt sein und hier forschen.
«Du kannst doch mehr als
managen!» höre ich oft, wenn ich den
Leuten meine Aufgabe als Managing Director erkläre. Für mich ist Administration
transdiziplinäre Forschung. Ein Spannungsfeld zwischen Poesie, Mathematik und
Recht. Am Ende des Tages bleibe ich vermutlich ein Handarbeiter. Ein
Handarbeiter, der Verträge unterschreibt und Multi-Touch Lösungen für das Value
Lab Asia erfindet. Und damit die nächste Kolumne nicht wieder zu sachlich wird,
setze ich den Titel bereits heute: «Singapore Girl».
Zum Autor
Remo Burkhard ist seit Februar 2010 Managing Director des Singapore-ETH Centre for Global Environmental Sustainability. Es hat letzten September mit dem ersten Forschungsprogramm «Future Cities Laboratory» gestartet. Der 34-jährige mit Sternzeichen Jungfrau steht früh auf, hat an der ETH Zürich Architektur studiert und über Visualisierung von Wissen doktoriert. Remo Burkhard liebt das Vereinfachen und Visualisieren. Zu seinen Hobbies gehören Systeme und Sprachen. Sowohl als Forscher als auch als Mitinhaber der Firma vasp datatecture GmbH untersucht er täglich, wie Wissen verdichtet werden kann und wie mit guten Bildern, Illustrationen, Animationen, Geschichten und Benutzeroberflächen für Multi-Touch-Tables Inhalte klarer und nachhaltiger vermittelt werden können. Zum Beispiel Risiken. An der ETH Zürich hatte er im Projekt Science City, am Aufbau der Professur für Informationsarchitektur und dem ETH-Value Lab mitgewirkt.
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