«Wir sind keine Mathematiksklaven»
Robert Weismantel ist Mathematiker und Spezialist für «Operations Research». Seine Forschung bereichert andere Forschungszweige, löst logistische Probleme – etwa bei der Post – und macht den Alltag dadurch effizienter.
ETH Life: Herr
Weismantel, Ihr Forschungsgebiet ist Operations Research. Dabei geht es unter
anderem um Optimierungsprozesse in komplexen Netzwerken, wie etwa der
Postauslieferung. Würde ohne diese Forschung bei der Post das Chaos herrschen?
Robert
Weismantel: Unsere Systeme, wie etwa der Postversand und das Verkehrsnetz, werden
immer komplexer und lassen sich ohne mathematische Modelle kaum mehr steuern.
Wir hätten ohne Operations Research nicht nur Chaos, sondern auch enorme
Kosten. Optimierung kommt aber auch immer dann ins Spiel, wenn es den Firmen
schlecht geht und die Gewinnmargen kleiner werden.
Der Begriff Operations
Research wurde im 2. Weltkrieg geprägt, als die Briten ein
Radarüberwachungssystem einführten. Seit wann ist Operations Research
Gegenstand der Forschung für Optimierungsprozesse?
Etwa
seit den 50er Jahren. Damals fing man vor allem in den USA an, logistische
Planungen zu betreiben. Da ging es etwa um Nachschubfragen von Lebensmitteln,
deren Lagerhaltung oder Produktionsplanung. Das war das klassische
Anwendungsgebiet von Operations Research.
Heute liefert Operations
Research aber auch anderen wissenschaftlichen Disziplinen Werkzeuge für deren
Forschung – ein klassisches Beispiel für Mathematik als versteckte
Wissenschaft. Führen Sie ein Schattendasein?
Nein.
Ich arbeite nur mit solchen Disziplinen zusammen, bei denen ich selbst etwas
mitnehmen kann. Die komplexen logischen Modelle, die meine Kollegen und ich formulieren,
führen in der Regel zu neuen mathematischen und algorithmischen
Herausforderungen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht untersucht wurden. Daraus
entsteht neue abstrakte Forschung, losgelöst von der ursprünglich konkreten
Anwendungsidee.
Können Sie ein Beispiel
geben?
Immunologen
und Zellbiologen erforschen, wie Proteine zusammenspielen müssen, damit
beispielsweise eine Krankheit auftritt. Oder sie untersuchen auf zellulärer
Ebene, was der Unterschied zwischen einem kranken zu einem gesunden Menschen
ist. Wir versuchen dafür ein logisches Modell zu entwickeln, also im Sinne von,
«wenn dieses Protein da ist und aktiviert wurde, dann führt das dazu, dass eine
weitere Kaskade aktiviert wird». Dieses logische Modell versuchen wir dann zu
analysieren, um herauszubekommen, wie es funktioniert.
Sie entwickeln also neue
mathematische Methoden anhand konkreter Bedürfnisse, die dann aber einen viel
grösseren Anwendungsbereich finden können.
Genau. Wir sind ja
schliesslich keine Mathematiksklaven für andere Forscher. Bei einer
Zusammenarbeit wie mit den Biologen muss immer etwas Originelles vorhanden
sein, bei dem ich das Gefühl habe: Daraus lässt sich eine Theorie entwickeln,
die sich nicht nur auf das konkrete Ausgangsproblem anwenden lässt. Oder
beispielsweise in der Zusammenarbeit mit Ingenieuren, die sich mit komplexen
chemischen Prozessen beschäftigen. Dies geschieht etwa vor dem Hintergrund,
dass die zur Herstellung vieler wichtiger chemischer Produkte verwendeten
Rohstoffe wie Erdöl und Erdgas in Zukunft knapper werden und daher auf eine
breitere Basis gestellt werden müssen. Eine entscheidende Rolle spielen dabei
vor allem nachwachsende Rohstoffe. Konkret unterstützen wir Ingenieure dabei,
Prozess-Designs für derartige Mehrkomponenten-Lösungsmittelsysteme mit
steuerbaren Eigenschaften in mehrphasigen chemischen Produktionsprozessen zu
erforschen und technisch nutzbar zu machen. Bereits bei den Modellbildungsprozessen
tauchen für mich interessante mathematische Fragestellungen auf, die bisher
nicht studiert wurden und die ich dann weiter verfolge. Gerade in den Ingenieurswissenschaften
stossen wir dabei auf nichtlineare diskrete Systeme, über die wir bis anhin
wenig wissen. Dies sind endlich dimensionale Systeme, in denen die Variablen
nur ganze Zahlen annehmen dürfen. Systeme dieser Art sind kompliziert, sowohl
hinsichtlich der Struktur der Lösungen als auch hinsichtlich rechentechnischer
Lösbarkeit.
Sie sind
Wirtschaftsmathematiker und nennen Beispiele aus der Biologie und Chemie. Wie
kamen Sie darauf, waren das Ihre Lieblingsfächer?
Nein,
ich habe Biologie in der Schule gehasst. Aber zelluläre Prozesse sind
interessant und keine Biologie, wie wir sie aus der Schule kennen. Während
meiner Zeit in Deutschland begannen die grösseren Universitäten
Exzellenzclusters zu bilden. An einer kleineren Uni wie Magdeburg, an der ich zuvor
gelehrt habe, fehlt es dafür aber an Leuten. Meine strategische Aufgabe war
deshalb, ein interdisziplinäres Zentrum zu gründen. Dabei hat sich die
Zusammenarbeit mit Immunologen und Zellbiologen ergeben.
Wie kam es zu diesem
Kontakt?
Das
war ein Glückstreffer. Einer meiner besten Freunde ist in Magdeburg Professor
für Immunologie. Die Freundschaft entstand über seine und meine Kinder. Wir
haben immer wieder darüber geredet, ob wir in diesem Bereich etwas zusammen
machen können. Ein langwieriger Prozess, weil ein Mediziner und ein
Mathematiker so aneinander vorbei reden, dass es schwierig ist, auf einen
gemeinsamen Nenner zu kommen. Wir beide haben uns aber strategisch verbündet
und das Forschungszentrum aufgebaut.
Ihr Forschungsgebiet ist
aus unserer technologisierten Gesellschaft offensichtlich nicht mehr weg zu
denken. Ist es ein zentraler Bestandteil der Mathematik?
Diese
Frage werden die reinen Mathematiker nicht gerne hören. Ich bin aber der
Meinung, dass diese Form der Mathematik, nämlich algorithmische Theorien zu
erfinden, zentral ist. Sie trägt der modernen Entwicklung Rechnung. Seit ich an
der ETH Zürich bin, kann ich mich vor Anfragen aus der Industrie kaum retten.
Warum hören die reinen
Mathematiker so eine Frage nicht gerne?
Weil
die Mathematiker annehmen, dass, umso abstrakter der Gegenstand der Forschung
ist, desto besser die Mathematik ist, die dahinter steht. Das halte ich für
Unfug. Es gibt auf jeder Abstraktionsebene fundamental schwierige Probleme.
Der 45jährige Wirtschaftsmathematiker Robert Weismantel ist seit Mai 2010 Professor am Institut für Operations Research an der ETH Zürich. Weismantel ist spezialisiert auf den Forschungsbereich Mathematische Optimierung. Mit den mathematischen Modellen und Algorithmen, die er entwickelt, verhilft er beispielsweise Biologen oder Chemikern dazu, biologische Netzwerke auf zellulärer Ebene oder chemische Reaktionen zu simulieren.
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